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Aufsichtsrat : Thyssen-Krupp schaltet den alten Vorstand ab

  • -Aktualisiert am

Die Zentrale von Thyssen-Krupp in Essen Bild: AFP

Der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp hebt die Verträge von drei Vorstandsmitgliedern zum Ende des Jahres auf. Das Unternehmen zieht damit Konsequenzen aus seinem Milliardendebakel beim Bau von Stahlwerken in Brasilien und den Vereinigten Staaten.

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          Für den traditionsreichen und konservativen Konzern ist es ein Paukenschlag: Die mit Korruptionsvorwürfen und hohen Verlusten ihrer Stahlsparte kämpfende Thyssen-Krupp AG will sich von gleich drei Vorstandsmitgliedern trennen. Die Verträge mit Edwin Eichler, Olaf Berlien und Jürgen Claassen sollen zum Jahresende aufgehoben werden. Das teilte Thyssen-Krupp am Mittwochabend mit. Es handelt sich dabei zunächst um eine Empfehlung des Personalausschusses im Aufsichtsrat. Mit dieser Empfehlung trage man der Gesamtverantwortung des Vorstands für die Führung der Geschäfte und die Führungskultur des Unternehmens Rechnung. So wird der – in enger Abstimmung mit dem Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger getroffene – Beschluss begründet. Man setze damit ein „klares Signal“ nach außen und nach innen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Endgültig soll das Kontrollgremium in seiner regulären Sitzung am kommenden Montag darüber entscheiden. Änderungen sind nicht zu erwarten. Thyssen-Krupp zieht damit unter anderem Konsequenzen aus seinem Milliardendebakel beim Bau von Stahlwerken in Brasilien und den Vereinigten Staaten. Eine Reihe der vom damaligen Vorstand zugrunde gelegten Annahmen und Kennzahlen hätten sich als deutlich zu optimistisch oder im nachhinein als falsch erwiesen, heißt es nach einer Effizienzprüfung der Projekte von „Steel Americas“. Das ist die interne Bezeichnung für diese Region. Diese Fehleinschätzungen seien einer der Gründe für die Fehlentwicklungen. Deshalb stelle sich die „Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern“, heißt es in der Mitteilung.

          Kartellverstöße und Schadensersatzklagen

          Bei den Kartellverstößen von Thyssen-Krupp geht es sowohl um Absprachen auf dem Markt für Bahnschienen als auch für Aufzüge und Rolltreppen. Berlien, unter anderem für das Aufzuggeschäft zuständig, gehört dem Vorstand seit dem Jahr 2002 an. Sein Vertrag läuft noch bis 2017. Auch der Vertrag Eichlers, im Vorstand für das Stahlgeschäft in Europa und Amerika sowie für den Bereich Schienen zuständig, läuft noch fast fünf Jahre, was jeweils entsprechende Auswirkungen auf die Höhe der Abfindungen haben dürfte. Auf Thyssen-Krupp hingegen kommen nach der Aufdeckung des Aufzug- und Rolltreppenkartells mehrere Schadensersatzklagen zu. Die EU-Kommission hatte schon eine Geldbuße verhängt.

          Der für die Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung zuständige Compliance-Vorstand Claassen wiederum war wegen teurer Reiseeinladungen an Journalisten und aufwendiger eigener Reisen in die Kritik geraten. Claassen, der auch viele Jahre für die Kommunikation des Konzerns zuständig war, hatte am Wochenende seinen Rückzug vom Amt angeboten. Beobachter interpretieren sämtliche Entscheidungen so, dass Hiesinger nun die Chance nutzt, um im Konzern aufzuräumen. Berlien und Eichler waren noch von seinem Vorgänger Ekkehard Schulz in den Konzern geholt worden. Claassen gilt vor allem als Vertrauter des Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme.

          Das Desaster der Stahlwerksneubauten hatte schon 2009 den damaligen Stahlvorstand Karl-Ulrich Köhler den Posten gekostet. Schulz, in dessen Ära die Neubauten gefallen waren, musste sein Aufsichtsratsmandat niederlegen. Cromme als Aufsichtsratschef hingegen hat die Verwerfungen in seinem Konzern bisher ohne von außen sichtbare Verwerfungen überstanden. Beobachter des Unternehmens gehen aber davon aus, dass nach dem Abgang der Vorstände auch im Zusammenhang mit seiner Amtsführung mehr Fragen als bisher gestellt werden könnten. Im Thyssen-Krupp-Vorstand verbleibt nach den Aufräumarbeiten neben Hiesinger vorerst lediglich der seit April 2011 amtierende Finanzvorstand Guido Kerkhoff; es wird also ein Zwei-Mann-Gremium. Auf den aus Altersgründen ausscheidenden Arbeitsdirektor Ralph Labonte folgt demnächst Oliver Burkhard.

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