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Mitbestimmungsrechte : Der Aufstand der Arbeitnehmer

Neues aus Connecticut? Arbeitnehmer von Linde in München machen die Fusionspläne mit Amerikanern unruhig. Bild: dpa

Defensiv war gestern: Immer öfter stellen sich Gewerkschaften und die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gegen Übernahmepläne. Das beeindruckt auch die Vorstände. Andere sehen das kritisch.

          Der Vorstandsvorsitzende von Praxair sprach per Video zu seinen Mitarbeitern. Die hatten zuvor erfahren, dass der amerikanische Industriegashersteller mit Linde fusionieren soll, in einer „Fusion unter Gleichen“. Auch in Amerika aber weiß man, dass die Partner in solchen Zusammenschlüssen selten gleichwertig bleiben; am Ende behält meist einer die Oberhand. Im Fall Praxair/Linde soll Praxair-Chef Steve Angel Vorstandsvorsitzender werden. Als Sitz der Holding, in der beide Unternehmen aufgehen, ist aber Europa vorgesehen. Grund zur Sorge für die Praxair-Leute? Der Chef beruhigte in der Video-Ansprache: „Ich sitze heute in Danbury, Connecticut. Ich werde auch weiterhin in Danbury, Connecticut, sitzen. Und was Sie daraus lesen können, ist, dass das Unternehmen operativ gesehen aus Danbury, Connecticut, geleitet werden wird.“

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Danbury, Bundesstaat Connecticut, mögen sie erleichtert gewesen sein. Dafür wurden die Arbeitnehmer in Deutschland noch hellhöriger, als sich die Rede hier herumsprach. Ihr Widerstand schwillt seither an. „Unsere Position im Aufsichtsrat ist: Nein, wir werden der Fusion nicht zustimmen“, verkündete vorige Woche der Konzernbetriebsratschef. Zu tief die Einschnitte durch die Fusion, so die Sorge. Zu offensichtlich der Vorteil für die Amerikaner – auch wenn die Deutschen im fusionierten Unternehmen den obersten Kontrolleur stellen sollen, nämlich Lindes Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle.

          Unternehmen sollen vor Übernahmen aus China geschützt werden

          Interessenvertreter der Beschäftigten treten in letzter Zeit recht offensiv auf, wenn es um Fusionspläne geht – nicht nur im Fall des Münchener Dax-Konzerns. Im Westen sträuben sie sich dagegen, dass Thyssen-Krupp sein Stahlgeschäft in eine Allianz mit der indischen Tata Steel einbringen will. „Die allermeisten Stahlfusionen waren eben keine Erfolgsgeschichten und am allerwenigsten für die Beschäftigten“, teilt Wilhelm Segerath der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit.

          Er ist Aufsichtsrat, Konzernbetriebsratsleiter und in der Gewerkschaft IG Metall Mitglied im erweiterten Vorstand. Die IG Metall forderte zudem soeben als erste deutsche Gewerkschaft, Unternehmen vor Übernahmen durch chinesische Investoren stärker zu schützen: „Wir brauchen eine verbindliche Investitionsprüfung auf deutscher oder europäischer Ebene“, sagte Vorstandsmitglied Jürgen Kerner.

          Auflehnung mit Symbolcharakter

          Verhindern können die Beschäftigtenvertreter letztlich wenig – auch nicht in einem paritätisch besetzten Aufsichtsrat: Im Zweifel wischt der Aufsichtsratsvorsitzende das Veto mit seinem doppelten Stimmrecht weg. Aber zum einen hat die Auflehnung Symbolcharakter. Denn oft müssen sich Mitglieder der Arbeitnehmerbank später Fragen gefallen lassen, warum sie bestimmte Entscheidungen mitgetragen haben: etwa die Gewerkschaft IG BCE im Fall des Mischkonzerns Hoechst.

          Der schloss sich erst in einer „Fusion unter Gleichen“ mit Rhône-Poulenc zu Aventis mit Sitz in Straßburg zusammen – und ist inzwischen in Sanofi aufgegangen. Über die Arbeitsplätze des einstigen Pharma-Weltmarktführers wird nun in Frankreich statt in Frankfurt entschieden.

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