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Brief an die Belegschaft : Für Audi soll es „keine Tabuthemen“ geben

Das Audi-Logo an der Fassade eines Autohauses in Frankfurt Bild: dpa

Der Autokonzern stimmt seine Mitarbeiter mit einem Brief auf Stellenstreichungen im Zuge des angekündigten Sparkurses ein. Bei VW droht indes neuer Ärger – diesmal geht es um das geplante Werk in Osteuropa.

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          Der Autoabsatz schwächelt, die Produktion ist nicht ausgelastet, die Folgen des Dieselskandals sind teuer: An diesem Donnerstag wird der Audi-Vorstand in der Bilanzpressekonferenz über das Ausmaß der internen Misere informieren. Vorab hat sich der seit wenigen Monaten amtierende Vorstandsvorsitzende Bram Schot in einem Brief an die Belegschaft gewandt. Und sein Forderungskatalog – für jeden Audianer im Intranet nachzulesen – hat es in sich: „Audi muss effizienter entwickeln, produzieren und wirtschaften“, schrieb Schot, „Tabuthemen darf es nicht geben“.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein Tabu ist für den Betriebsratsvorsitzenden Peter Mosch die Beschäftigungsgarantie, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt und bis zum Jahr 2025 gilt. Schot will aber durchaus die Größe der Belegschaft auf den Prüfstand stellen: Deshalb sollen in Gesprächen mit dem Betriebsrat „die Zahl der direkten und indirekten Mitarbeiter unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung genau unter die Lupe“ genommen sowie „die Vergabe der Fahrzeugprojekte und Werkbelegungen genau“ angeschaut werden.

          Es gehe darum, die „Produktionskapazitäten „standortspezifisch“ zu optimieren. Diese Forderungen gehen für die Betriebsräte zu weit. Die Belegschaftsvertreter aus den beiden Standorten Ingolstadt und Neckarsulm trafen sich noch am Freitag und definierten ihrerseits „Eckpunkte für Gespräche zur Zukunft der beiden Standorte“. Eine Umstrukturierung allein auf Kosten der Beschäftigten werde man nicht mittragen, teilten die Betriebsräte mit und forderten eine Verlängerung der Beschäftigungsgarantie bis 2030.

          Das Klima wird rauher

          Vorstand und Betriebsrat liegen weit auseinander, der Haussegen hängt schief bei der einst erfolgsverwöhnten Tochtergesellschaft des Volkswagen-Konzerns. Die Audianer sind tief verunsichert seit dem Abgasskandal, den vielen Wechseln im Vorstand und nicht zuletzt durch die Verhaftung und den Abgang des langjährigen Audi-Chefs Rupert Stadler. Überraschend kommen die Forderungen der neuen Audi-Führung allerdings nicht. Der 57 Jahre alte Schot hatte schon früh klargemacht, dass er über Sparpläne, Arbeitsabläufe und Schichtmodelle verhandeln wolle. Audi müsse flexibler werden, um angesichts wachsender Konkurrenz schneller reagieren zu können.

          Bis zum Jahr 2022 sollen rund 15 Milliarden Euro gespart, jede zehnte Stelle im Management gestrichen werden. „Wir erwarten dabei von allen Audianern, dass sie ihren Beitrag leisten“, heißt es nun im Vorstandsschreiben. Es läuft nicht rund für Audi: Für die Manipulation von Dieselmotoren musste das Unternehmen ein Bußgeld von 800 Millionen Euro zahlen. Um die Neuwagen gemäß den neuen Abgasregeln zu zertifizieren, hinkt Audi noch immer gewaltig hinterher. Die Absatzzahlen sind entsprechend schlecht. Allein im Februar sanken die Auslieferungen um 8,5 Prozent auf 119.800 Fahrzeuge.

          Auch im Mutterkonzern wird das Klima zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess und dem Betriebsrat rauher. Nur wenige Tage nachdem Diess, unterstützt von VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, ein neues Sparprogramm mit einem zusätzlichen Abbau von 5000 Stellen angekündigt hat, wurde am Wochenende bekannt, dass die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat den Bau des vom Vorstand geplanten neuen Werks für mehrere Konzernmarken in Osteuropa blockieren wollen. Diess hatte den Bau des Werkes im November angekündigt. „Unser Ziel ist es, die Produktivität im Werkeverbund bis 2025 um 30 Prozent zu steigern“, sagte er damals. Wie die „Bild am Sonntag“ berichtete, wollen Betriebsratschef Bernd Osterloh und die Arbeitnehmervertreter auf der entscheidenden Aufsichtsratssitzung im Frühjahr jedoch gegen das Projekt stimmen.

          Suche nach neuen Standorten

          Der Betriebsrat sehe keine Notwendigkeit für die Milliardeninvestition, da viele bestehende Fabriken in Europa derzeit nicht ausgelastet seien, hieß es am Sonntag. Nicht nur in den VW-Werken in Emden oder Osnabrück sei die Auslastung schlecht, auch im Vorzeigewerk in Pressburg (Bratislava) oder im ungarischen Motorenwerk von Audi drohten Probleme mit der Auslastung, vor allem weil Dieselautos wegen der strengen Umweltvorgaben erheblich weniger nachgefragt werden. Deshalb müsse man die Frage stellen, ob die geplante Milliardeninvestition für neue Produktionskapazitäten ab 2022 zu diesem Zeitpunkt sinnvoll sei.

          Volkswagen sucht schon einen Standort für das neue Werk, das von 2022 an die Produktion aufnehmen und früheren Angaben zufolge 350.000 Fahrzeuge im Jahr fertigen können soll. Diess hatte im November angekündigt, „dafür suchen wir einen Standort in Osteuropa“. Derzeit würden zehn Grundstücke in Rumänien, Serbien, Bulgarien und der Türkei geprüft, hieß es jetzt im Bericht unter Berufung auf interne Unterlagen.

          Der Konzern habe im vergangenen Jahr wegen Lieferverzögerungen und Rabatten Ergebniseinbußen von 3,6 Milliarden Euro hinnehmen müssen, berichtete der „Spiegel“ unter Berufung auf interne Berechnungen der Arbeitnehmerseite. Betriebsratschef Osterloh forderte deswegen in der „Braunschweiger Zeitung“ personelle Konsequenzen wegen Managementfehlern. „Es kann nicht sein, dass hier Milliarden versenkt werden und das bleibt ohne Folgen.“

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