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Audi muss Strafe zahlen : Schlag gegen deutsche Autohersteller in China

  • -Aktualisiert am

Eigentlich mögen Chinas Parteifunktionäre Audi: Das Bild zeigt schwarze Limousinen, meist Audi, nach der Eröffnungszeremonie eines Parteikongresses der Kommunistischen Partei in Peking Bild: dpa

Auf Druck der chinesischen Behörden mussten die deutschen Autokonzerne schon ihre Ersatzteilpreise senken. Jetzt folgen Kartellstrafen für Audi und andere Hersteller. Wen trifft es am härtesten?

          Auf Chinesisch übersetzt, heißt BMW „Baoma“, was so viel bedeutet wie „kostbares Pferd“. Für einen deutschen Autohersteller, der auch im Reich der Mitte seine Fahrzeuge mit teurem Premiumversprechen verkaufen will, ist das ein Glücksfall. Dementsprechend gut läuft das Geschäft für BMW, aber auch für die beiden deutschen Premiumkonkurrenten Audi und Mercedes. Nirgendwo verkaufen und verdienen die Autokonzerne mehr Geld als in China. Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden in China mehr als 10 Millionen Autos verkauft.

          Doch nun gibt es Ärger im Autoparadies. Erst mussten in den vergangenen Wochen Audi, BMW, Mercedes und andere westliche Hersteller auf Druck der chinesischen Behörden ihre Ersatzteilpreise senken. Jetzt folgen Kartellstrafen in Höhe von voraussichtlich mehreren hundert Millionen Euro durch die mächtige Behörde NDRC, die über die Preise wacht. Chinas Wettbewerbshüter haben ihre Ermittlungen laut einem Medienbericht jetzt sogar auf mehr als 1000 Firmen aus der Autobranche ausgeweitet. Autohersteller, Zulieferbetriebe und Händler stünden im Fokus der Untersuchungen, zitierte die Zeitung „China Daily“ einen Ermittler der Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC). Audi und sein chinesischer Partner FAW haben im gemeinsamen Unternehmen in China schon Verstöße gegen das Anti-Monopolgesetz eingestanden. Auch gegen Daimler wurden Ermittlungen eingeleitet. Unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtete die Zeitung, dass auch gegen chinesische Firmen ermittelt würde.

          Chinas Anti-Kartell-Offensive signalisiert eine neue Ära genauer behördlicher Prüfung in China. Das harte Vorgehen der NDRC droht die für westliche Autokonzerne bequemen Zeiten zu beenden,als Luxuslimousinen wie die von Audi, BMW oder Mercedes in China weitaus höhere Profite abwarfen als in Europa oder Amerika.

          Deutsche Autoindustrie hängt stark von China ab

          Beobachter erwarten, dass die Normalisierung der Preise in drei Phasen verlaufen wird: „Auf die erzwungenen Preissenkungen bei Ersatzteilen wird eine Preissenkungsrunde für importierte Autos folgen“, sagt Jose Asumendi, Analyst der Großbank JP Morgan. Als dritten Schritt erwartet der Experte, dass die chinesischen Kartellbehörden versuchen, die hohen Gewinne der chinesisch-westlichen Gemeinschaftsunternehmen abzuschmelzen. In China dürfen die westlichen Autokonzerne jeweils nur mit einem chinesischen Unternehmen gemeinsam produzieren.

          Offen ist, wie stark die deutsche Autoindustrie insgesamt von der Entwicklung getroffen werden wird. Einerseits hängen die Deutschen extrem stark von China ab. Die Marke Volkswagen verkauft dort bald die Hälfte ihrer Autos. Zusammen kommen die deutschen Hersteller auf einen Marktanteil von fast einem Viertel. Der chinesische Markt wächst zudem bis 2020 um knapp 10 Prozent pro Jahr, die Premiumhersteller legen noch etwas deutlicher zu. 80 Milliarden Euro werden die Autohersteller 2020 weltweit verdienen, prognostiziert McKinsey. 40 Prozent davon sollen dann aus China kommen.

          Andererseits geht es bei den Kartelluntersuchungen zunächst nur um das Ersatzteilgeschäft – und das macht nur rund 10 Prozent vom gesamten Geschäft aus. Selbst wenn man die erzwungenen Preissenkungen für Ersatzteile mit etwaigen Kartellstrafen addiert, geht es nur um einige hundert Millionen Euro für die deutschen Hersteller. Außerdem waren die Preise augenscheinlich wirklich überhöht, sonst hätten Audi und die anderen Hersteller die Preise nicht um ein Drittel oder mehr senken können, ohne ab jetzt Verlust zu machen.

          Zwei Drittel aller deutschen Autos werden außerhalb Deutschlands gefertigt

          Angesichts der Milliardengewinne aus dem gesamten Chinageschäft wäre der Schlag im Bereich der Ersatzteile verschmerzbar. Auch der nächste erwartete Schritt – ein Angriff auf die Margen mit importierten Autos – birgt keinen wirklich großen Schrecken. Denn die Anzahl der aus Deutschland nach China exportierten Fahrzeuge ist schon im vergangenen Jahr laut Daten des Branchenverbands VDA um 15 Prozent auf 240.000 Exemplare gesunken. Es wird ohnehin immer mehr in neuen Fabriken vor Ort produziert. So lassen sich die hohen Einfuhrzölle vermeiden. Für Deutschland bedeutet das jedoch langfristig eine Verlagerung des Produktionswachstums ins Ausland. Hierzulande könnte die Produktion bald stagnieren. Schon jetzt werden zwei Drittel aller deutschen Autos außerhalb Deutschlands gefertigt.

          Regelrecht gefährlich könnte es jedoch werden, wenn Chinas Behörden die hohen Gewinne der chinesisch-deutschen Joint Ventures ins Visier nehmen. Das wird zwar erst mittelfristig der Fall sein, schätzen Fachleute. Aber es würde den Autokonzernen die Möglichkeit nehmen, ihr derzeit extrem schwaches Geschäft in anderen Schwellenländern wie Brasilien, Indien oder Russland zu kompensieren.

          Wie hart der Schlag wird, hängt auch von der Berechnung der Kartellstrafen ab. Es kann um einen Prozentsatz der Umsätze im Ersatzteilgeschäft gehen oder um einen Teil der Erlöse mit importierten Autos – oder der gesamte Umsatz der China-Joint-Ventures wird als Basis verwendet. Je nachdem wäre der Effekt sehr unterschiedlich. Nur eines ist klar: Am wenigsten betroffen wäre wohl Daimler, weil der Konzern in China der Konkurrenz noch hinterher hinkt. Am gefährlichsten würde es für den Volkswagen-Konzern, der in China auf einen Marktanteil von 20 Prozent kommt.

          Chinas Kartelloffensive gegen die Autokonzerne spielt sich vor einem größeren Hintergrund ab: Auch in anderen Branchen haben die Behörden überhöhte Margen ins Visier genommen. Sie signalisieren der eigenen Bevölkerung, dass China es nicht mehr tolerieren will, wenn ein Kaffee von Starbucks oder eine Arznei von Glaxo Smith Kline in China deutlich mehr als anderswo kostet – ohne dass es dafür eine einsichtige Begründung gäbe.

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