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BDO, KPMG, EY : „Auch vor Wirecard brodelte es in der Prüfer-Branche“

  • -Aktualisiert am

Verschwiegenheit ist Trumpf: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater arbeiten am liebsten im Hintergrund Bild: dpa

Der auf Wirtschaftsprüfer und Steuerberater spezialisierte Headhunter Hellmuth Wolf spricht über die Umbrüche in der verschwiegenen Prüfer-Szene. Was muss BDO tun, um das große SAP-Mandat zu stemmen – und wie attraktiv ist EY noch für Bewerber?

          3 Min.

          Herr Wolf, in der sonst so gediegenen Branche der Wirtschaftsprüfer ist gerade viel Unruhe.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das stimmt. Zuletzt hat der Fall Wirecard für Wirbel gesorgt – und für Kritik an den Prüfern. Der Wirecard-Prüfer EY hat sogar den Deutschland-Chef ausgewechselt und versprochen, die Prüfungsqualität zu verbessern. Aber auch vor Wirecard brodelte es in der Prüfer-Branche. So hat die EU-Kommission versucht, die Rotation von Mandaten zu beschleunigen, damit die Prüfer öfter wechseln und mit einem frischeren und unvoreingenommeneren Blick auf die Zahlen der Unternehmen schauen. Vor allem die Prüfungsgesellschaften der „Next Ten“ hofften daher, an Prüfungsaufträge von Großunternehmen, wie etwa Dax-Konzernen, zu kommen. Bei diesen „Next Ten“ handelt es sich um die nächstkleineren Prüfungsgesellschaften nach den vier großen „Big Four“, also PWC, KPMG, EY und Deloitte. Doch ironischerweise zeichnet sich ab, dass der Wirecard-Fall zumindest in Deutschland stärkere Veränderungen auslösen könnte als die EU-Regularien.

          Wie das?

          Es ist zu beobachten, dass die Mandanten, also die Unternehmen, die Folgen verschärfter Regeln vorwegnehmen. Sie wissen, dass sie sich nach Inkrafttreten des Wirecard-Gesetzes (FISG) bald von ihrem Wirtschaftsprüfer nicht mehr beraten lassen dürfen – und von ihrem Berater nicht mehr prüfen lassen dürfen. Viele Prüfungs- und Beratungsgesellschaften bieten sowohl Wirtschaftsprüfung als auch Beratungsdienstleistungen an. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass das Softwareunternehmen SAP seinen Jahresabschluss künftig nicht mehr von einem der „Großen Vier“ prüfen lassen will. Für die Geschäftsjahre ab 2023 soll nun BDO übernehmen, aktuell ist KPMG zuständig. Es stellt sich die Frage, ob das ein singuläres Ereignis bleibt oder ein neuer Trend entsteht, dass ein Dax-Unternehmen nicht von einer „Big Four“ Gesellschaft, sondern von einer der „Next Ten“ geprüft wird.

          Aber BDO ist immerhin die nächstgrößere Prüfungsgesellschaft nach den großen vier im deutschen Markt...

          Ja, aber der Abstand ist erheblich. Zudem unterscheidet sich die Unternehmenskultur einer mittelständischen Prüfungsgesellschaft wie BDO stark von dem, was in den großen Prüfungskonzernen üblich ist. Doch es ging offenbar nicht anders. Weil SAP zahlreiche Beratungsaufträge an die Großen Vier vergeben hat, kann sich das Unternehmen von denen nicht mehr prüfen lassen.

          Ein schöner Erfolg für BDO.

          Ja. Allerdings muss BDO jetzt seine Kapazitäten vergrößern und mehr Personal einstellen, um das SAP-Mandat personell und fachlich stemmen zu können. SAP wird viel Kraft und Ressourcen von BDO in Anspruch nehmen. Für manche der mittelständisch geprägten Mandanten von BDO könnte da die Sorge entstehen, künftig vernachlässigt zu werden.

          Hellmuth Wolff ist Managing Partner bei der internationalen Personalberatung Signium Deutschland. Wolff betreut schwerpunktmäßig Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften sowie Rechtsanwaltssozietäten.
          Hellmuth Wolff ist Managing Partner bei der internationalen Personalberatung Signium Deutschland. Wolff betreut schwerpunktmäßig Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften sowie Rechtsanwaltssozietäten. : Bild: Signium

          Das lässt sich doch lösen. BDO wirbt die Dax-Prüferteams einfach zum Beispiel von EY ab, und die für den Mittelstand zuständigen BDO-Partner bleiben ihren Mandanten als Ansprechpartner erhalten.

          Ich glaube, so einfach wird das nicht. Man hört aktuell oft, dass man bei EY gerade leicht ganze Teams abwerben könne, weil das Unternehmen wegen Wirecard so unter Druck steht. Tatsächlich gibt es Wechselwillige. Aber EY hat nach wie vor sehr erfolgreiche Bereiche wie die Steuerberatung und Rechtsberatung. Zudem sind in großen Prüfungsgesellschaften wie EY, die Konzerne prüfen und beraten, die Partner und Mitarbeiter teilweise hoch spezialisiert auf einzelne Branchen oder Themen – etwa die regulatorisch besonders aufwändige Prüfung von Banken oder Versicherungen. Diese Spezialisierung erschwert den Wechsel. Hinzu kommt, dass große Mandanten wie die Dax-Konzerne sich ihre Prüfer und Berater vor allem nach der Marke auswählen.

          Ist das im Mittelstand anders?

          Ja. Bei mittelständischen Prüfungs- und Beratungsunternehmen zählt vor allem der persönliche Kontakt des Beraters zu seinen Mandanten. In einem solchen Umfeld steht der Partner dem Mandanten als fester Ansprechpartner zur Verfügung und kann mit dieser Klientenverbindung auch leichter zu einer anderen Gesellschaft wechseln. Übrigens ist auch ein wichtiger Teil von EY in Deutschland sehr mittelständisch geprägt, nicht zuletzt aufgrund der historischen Wurzeln des Unternehmens in Baden-Württemberg. Die mittelständisch geprägten EY-Mandanten sehen sich jedoch – zumindest nach meiner Beobachtung – vom Wirecard-Fall nicht betroffen und bauen weiter auf die Zusammenarbeit mit ihrem EY-Partner.

          Können Sie Prüfern und Beratern zur Zeit empfehlen, zu EY zu wechseln oder sollten sie erst mal vorsichtig sein und abwarten, welche Folgen die Wirecard-Affäre auf das Unternehmen hat?

          Man kann nicht pauschal abraten. Dabei kommt es auf die Risikobereitschaft der Kandidaten an und auf den Bereich, in dem er oder sie bei EY arbeiten würde. Im Bereich Prüfung gilt: Je weiter die zu besetzende Position von Wirecard entfernt ist, desto besser aus Sicht der Kandidaten. Im Bereich der Beratung kann man als Personalberater Einwänden von Kandidaten ohnehin leichter begegnen, da EY in diesem Bereich nach wie vor sehr erfolgreiche Sparten hat, etwa die Steuerberatung für Fusionen und Übernahmen (M&A Tax). Die erfolgreichen Einheiten von EY wird es auch weiterhin geben

          Der Headhunter

          Hellmuth Wolf ist Managing Partner bei der internationalen Personalberatung Signium Deutschland. Wolf betreut schwerpunktmäßig Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften sowie Rechtsanwaltssozietäten.

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