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Atommüll : Endlager Bullerbü

Atommüll, ja bitte: Jenny Rees vor dem Kernkraftwerk von Oskarshamn Bild: Sebastian Balzter / F.A.Z.

Deutschland exportiert oder ignoriert seinen Atommüll am liebsten, Schweden dagegen plant schon seit 30 Jahren eine Deponie. Gleich mehrere Gemeinden haben sich um den Standort beworben, die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Gelöst ist das Problem deshalb aber noch lange nicht.

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          Vierzehn Brennstäbe aus Ringhals hat die MS Sigyn heute angeliefert. Einmal in der Woche bringt das rot-weiße Schiff den Abfall aus Schwedens Kernkraftwerken nach Oskarshamn. Hier, 300 Kilometer südlich von Stockholm an der von Schären gesäumten Ostküste, hat die Sigyn ihren Heimathafen. Hier ist auch Brita Freudenthal zu Hause, eine von hundert Mitarbeitern in Schwedens zentralem Zwischenlager für Atommüll. „Alle Knöpfe sollten jetzt zugeknöpft, alle Taschen geleert werden“, lässt sie Besucher an der Sicherheitsschleuse wissen. „Und Kautabak ist hier nicht erlaubt.“ Sie trägt einen gelben Helm und einen blauen Arbeitskittel, ihre Augen sind wach, ihr Humor ist rauh. Während die neue Lieferung durch Prüf- und Kühlbecken geleitet wird, steigt sie über Wendeltreppen hinab zu der schweren roten Metalltür, hinter der alle Brennstäbe lagern, die in den Reaktoren von Forsmark, Ringhals, Oskarshamn, Barsebäck und Ågesta seit ihrer Inbetriebnahme zur Stromerzeugung gebraucht worden sind. Sie stecken in fünf Meter hohen Kassetten in blau schimmernden Wasserbassins, der gekachelte Raum wirkt wie ein unterirdisches Schwimmbad.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Man könnte getrost reinspringen“, sagt Freudenthal am Beckenrand und verkneift sich das Lächeln dabei. „36 Grad, angenehme Temperatur.“ Die Wasserschicht über den Brennstäben sei acht Meter tief, anderthalb Meter wären als Strahlenschutz genug. „Aber wenn wir eine der Kassetten mit dem Kran nach oben an die Luft holen, bekommen wir in zwei Sekunden eine tödliche Dosis ab.“

          Mehrere Gemeinden haben sich um die Deponie beworben

          Nicht mehr lange, dann sind die Becken von Oskarshamn voll. Schon jetzt ist ihre Kapazität zur Hälfte ausgeschöpft. Anders als in Deutschland macht sich in Schweden niemand Illusionen darüber, dass für die Brennstäbe weder Wiederaufbereitung noch Export eine Lösung sein werden. 100.000 Jahre lang werden Uran und Plutonium so stark strahlen, dass der Kontakt lebensgefährlich ist. Anders als in Deutschland ist der Ort, an dem sie so lange aufbewahrt werden sollen, in Schweden schon gefunden. Und anders als in Deutschland, wo neun von zehn Befragten ein Endlager in ihrer Nachbarschaft ablehnen, haben sich in Schweden gleich mehrere Gemeinden um die Deponie für hochradioaktiven Abfall beworben.

          Inger Nordholm mit dem Endlagerplan für Östhammer

          In Oskarshamn, einem Städtchen mit 20.000 Einwohnern, einem Hafen für die Fähre zur Insel Gotland und einer großen Lastwagenfabrik, haben sich 80 Prozent der Bevölkerung dafür ausgesprochen. Peter Wretlund, früher Gewerkschaftsfunktionär, seit acht Jahren Bürgermeister und wie alle seine Amtsvorgänger seit 1921 Sozialdemokrat, ist sichtlich zufrieden mit dem Umfrageergebnis. „Wir sind die kernkraftfreundlichste Gemeinde der Welt“, verkündet er in seinem Büro und faltet die Hände auf dem Bauch. Nein, dahinter stecke keine Abhängigkeit von der Branche, die 1300 Menschen in Oskarshamn beschäftigt. Die Stadt sei wirtschaftlich gesund, betont Wretlund, statt Krediten habe sie Guthaben auf der Bank.

          „Wissen ist das beste Mittel gegen die Angst“

          Auch deshalb hätten die Lokalpolitiker in Gorleben und in Gundremmingen gestaunt, als er dort zu Besuch war. Noch mehr aber über den Unterschied in der Mentalität, von dem er ihnen berichtete. Über die Schulausflüge und Sonntagsspaziergänge zum Zwischenlager und zu dem Versuchsstollen nebenan, in dem die Endlagertechnik erprobt wird. Am Schwarzen Brett im kommunalen Kulturzentrum wirbt ein Poster für die zweistündige Führung durch die Anlage, Kaffee gibt es gratis dazu. Jedes Jahr buchen im Fremdenverkehrsamt der Stadt Tausende die Tour. Die wenigsten von ihnen haben wie Wretlund auch schon Harrisburg und Tschernobyl besucht. Aber Forsmark und Ringhals sind schon störungsanfällig genug, sie dürften auch so um die Risiken der Kernkraft wissen. Dem Bürgermeister ist das recht. Er hält in seinem Büro die Ideale der Aufklärung hoch: „Wissen ist das beste Mittel gegen die Angst.“

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