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Atomenergie : Siemens sagt Allianz mit Rosatom ab

Zankapfel Olkiluoto: Das Kernkraftwerk hat Siemens und Areva entzweit Bild: AFP

Siemens steigt aus der Kernkraft aus: Der Industriekonzern verfolgt seine lang gehegten Expansionspläne in der Atomenergie nicht mehr.

          Die Siemens AG hat einen Schlussstrich unter das einst geplante stärkere Engagement in der Atomkraft gezogen. Per Interview ließ der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher am Wochenende wissen, dass der Konzern nach der Energiewende in Deutschland und der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima nicht mehr in die Gesamtverantwortung sowie die Finanzierung von Kernkraftwerken eintreten werde. Damit ist die vor zweieinhalb Jahre verkündete Absicht eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem russischen Atomkonzern Rosatom ad acta gelegt, das als Ersatz für die langjährige Partnerschaft mit Areva herhalten sollte.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Löscher hat nun verkündet, was sich schon vor Monaten abgezeichnet hatte. Zuletzt hatte der Siemens-Chef Ende Juli eine Entscheidung in absehbarer Zeit angekündigt. Zwar gebe es nach wie vor Gespräche mit Rosatom, wie eine losere Kooperation mit den Russen gestaltet werden könnte, sagte ein Siemens-Sprecher. Er sprach von einer Einigung in den nächsten Monaten; wahrscheinlich sind allerdings eher Wochen. Es gehe darum, das Geschäft mit Rosatom auszubauen, hieß es lapidar.

          Eine solche Zusammenarbeit darf indes nicht überbewertet werde. Denn sie läuft vielmehr auf eine normale Kunden-Lieferanten-Beziehung hinaus. Die Variante von Lizenzvergaben gilt als eher unwahrscheinlich. Denn der Konzern betonte am Wochenende, nur den konventionellen Teil eines Atomkraftwerkes wie Leittechnik, Dampfturbinen oder Generatoren liefern zu wollen, wie sie auch in Kohle- oder Gaskraftwerken eingesetzt werden. Siemens werde nie mehr Teil eines Konsortiums zum Bau eines Kernkraftwerkes sein, sagte der Sprecher.

          Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen zunehmend gespannter

          Ebenso betonte der Konzern, dass der endgültige Ausstieg aus dem Atomgeschäft weder zu Verstimmungen mit Rosatom noch mit den Russen geführt habe; wie der gerade erst erhaltene Milliarden-Auftrag der russischen Bahn belegt habe. Die Russen hätten äußerst verständnisvoll reagiert, auch mit Blick auf die von der deutschen Politik im Frühjahr eingeleiteten Kehrtwende in der Atompolitik.

          Zu einem – mittlerweile beigelegten – heftigen Streit ist es indes in den vergangenen Jahren mit dem langjährigen strategischen Partner Areva gekommen, nachdem der Münchener Konzern Anfang 2009 die Zusammenarbeit aufgekündigt und eine beabsichtigte Allianz mit Rosatom bekannt gegeben hatten. Damals bekundete Siemens das ernsthafte Interesse, an der sich abzeichnenden globalen Renaissance der Kernkraft mit einem erwarteten Bau von mehr als 400 Kraftwerken bis 2030 im Volumen von 1000 Milliarden Euro partizipieren zu wollen.

          Ein angestrebter stärkerer Einfluss in dem langjährigen Gemeinschaftsunternehmen Areva NP scheiterte, zumal 2008 das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen zunehmend gespannter wurde. Die Münchener hatten im Jahr 2001 alle Atomkraftaktivitäten in die Partnerschaft mit Areva eingebracht. Im Gegenzug erhielt der deutsche Industriekonzern eine Beteiligung von 34 Prozent. Areva gehört zu den führenden Anbietern von Atomtechnik neben den Japanern Mitsubishi, Toshiba und einem Gemeinschaftsunternehmen von Hitachi und dem amerikanischen Konzern General Electric.

          Heute immer noch nicht am Netz, kostete es Siemens einen Milliardenbetrag

          Mit der Minderheitsbeteiligung war Siemens zwar finanziell involviert und trug alle Risiken mit, hatte aber kaum Mitspracherechte. Diese Konstellation löste Unzufriedenheit bei Löscher aus, als die Pannenserie des finnischen Kernkraftwerkes Olkiluoto kein Ende nahm. Heute immer noch nicht am Netz, kostete es Siemens einen Milliardenbetrag. Dabei sah sich der Konzern für die gemachten Fehler nicht verantwortlich. Ein zunehmend verärgerter Löscher suchte zunächst mehr Mitspracherechte über einen Ausbau der Position im Gemeinschaftsunternehmen. Als dies nach monatelangen Gesprächen scheiterte, suchte der Vorstand in Rosatom einen neuen Weggefährten, mit dem ein Bündnis unter Gleichen aufgebaut werden sollte. Das führte im Januar 2009 zur Aufkündigung der Kooperation mit Areva.

          Siemens zog die Option, die eigenen Anteile den Franzosen anzudienen. Doch beachtete der Konzern bei der angekündigten Allianz mit Rosatom nicht die Konkurrenzausschlussklausel. Sie verbot Siemens, von 2012 an acht Jahre lang als Wettbewerber von Areva aufzutreten. Die Franzosen strengten eine Schiedsklage an, die im Jahresverlauf 2009 die Verhandlungen zwischen Deutschen und Russen auf Eis legte.

          In dem Schiedsverfahren ging es am Ende um die Bewertung der von Siemens angedienten Areva-Anteile, die Mitte März dieses Jahres an die Franzosen verkauft wurden. Ein Gutachten hatte diese mit 1,62 Milliarden Euro bewertet. Im Mai jedoch hatte das Schiedsgericht die Rückzahlung von 682 Millionen Euro einschließlich Zinsen angeordnet; wegen der offensichtlich unkorrekten Vorgehensweise der Deutschen. Anders als das Areva-Abenteuer hat das Rosatom-Manöver mit dem Ausstieg aus der geplanten Partnerschaft nach Angaben eines Sprechers keine finanziellen Auswirkungen.

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