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EU-Kreise : Astra-Zeneca will mehr Impfstoff liefern und Vertrag veröffentlichen

Medizinisches Personal befüllt eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff von Oxford-Astra-Zeneca Bild: dpa

Wie die F.A.Z. aus EU-Kreisen erfahren hat, lenkt Astra-Zeneca im Impfstoff-Streit mit der EU ein. Unternehmenschef Pascal Soriot schlug demnach in einem Gespräch beschwichtigende Töne an und will mehr Dosen liefern – aber wie viel mehr?

          3 Min.

          Im Streit zwischen dem Impfstoffhersteller Astra-Zeneca und der EU haben sich die Fronten am Donnerstag etwas gelockert. Wie die F.A.Z. aus der EU-Kreisen erfuhr, hat Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot in einer Videokonferenz mit Vertretern der Mitgliedstaaten am Mittwochabend zugestimmt, dass der Liefervertrag beider Seiten veröffentlicht wird. Die Astra-Zeneca-Hausjuristen erarbeiteten derzeit einen Vorschlag, welche heiklen Teile des Vertrags geschwärzt werden sollen. Diese Vorschläge sollen dann mit der EU-Kommission abgestimmt werden. Angestrebt werde eine Veröffentlichung an diesem Freitag, hieß es in Brüssel.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Nach Angaben eines EU-Vertreters hat Soriot in dem zweieinhalbstündigen Gespräch auch nicht mehr auf seine in einem Interview gemachten Aussage bestanden, der Vertrag enthalte keine quantifizierten und mit Datum versehenen Angaben über die Lieferverpflichtungen des Herstellers für die EU. Soriot habe nicht wiederholt, dass sich Astra-Zeneca im Vertrag nur auf eine „bestmögliche“ Produktion, nicht aber auf konkrete Liefermengen verpflichtet habe. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hatte diese Aussage „weder zutreffend noch akzeptabel“ genannt. In dem Gespräch sei auch die implizite Behauptung ausgeräumt worden, dass die EU vertraglich später als andere Staaten beliefert werden könne, mit denen Astra-Zeneca zu einem früheren Zeitpunkt einen Vertrag abgeschlossen hat, hieß es. Auch andere „rechtliche Abenteuerlichkeiten“ habe Soriot nicht wiederholt. Kyriakides hatte hervorgehoben, dass der Vertrag für jedes Quartal genaue Liefermengen enthalte.

          Der Konzernchef sei in dem Gespräch deutlich bemüht gewesen, die wegen seines Interviews entstandene Konfrontation zu entschärfen. Anders als zunächst geplant habe er das Unternehmen persönlich vertreten und keine Vertreter geschickt. „Dieses Signal hat die EU verstanden, zumal er sich aus Australien zugeschaltet hat, wo es vier Uhr morgens war“, hieß es.

          Drei Chargen im Februar

          In der Sache habe Soriot zugesagt, dass sein Unternehmen schon im Februar mehr Impfdosen in die EU liefert als kürzlich angekündigt. Ursprünglich stand für das erste Quartal ein Volumen von 80 Millionen Dosen im Raum, am Wochenende reduzierte das Unternehmen die Menge auf 31 Millionen. „Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir doch noch auf 80 Millionen kommen. Aber es sollten doch deutlich mehr werden als 31“, hieß es. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese berichtete, das Unternehmen werde im Februar drei Chargen liefern und damit eine Woche nach der für diesen Freitag vorgesehenen Zulassung beginnen. In der Ankündigung des Herstellers vom Wochenende war demnach von nur einer Lieferung im Februar die Rede, die zwei Wochen nach der Zulassung geplant gewesen sei.

          Woher die Zusatzlieferungen kommen sollen, blieb freilich offen. Die scharfe EU-Kritik an dem Unternehmen hatte sich nicht zuletzt daran entzündet, dass Großbritannien offenbar trotz der angeführten Produktionsprobleme in unveränderter Höhe beliefert werden sollte. Der britische Staatsminister Michael Gove deutete an, dass seine Regierung der EU unter die Arme greifen könnte. „Wir werden mit unsere Freunden in Europa sprechen und sehen, wie wir helfen können”, sagte Gove im britischen Fernsehen. Allerdings dürfe das eigene Impfprogramm nicht gefährdet werden.

          Die EU-Kommission will derzeit nicht direkt mit London sprechen. Im Konflikt mit dem Hersteller gehe es aber auch nicht darum, irgendwann vor Gericht Recht zu bekommen. „Wir brauchen jetzt den Impfstoff, und deshalb sind wir an einer Eskalation nicht interessiert“, hieß es. Eine Klage führe „alle Seiten ins Elend“.

          Zulassung wohl nur für unter 64-Jährige

          Der Brüsseler Ärger hat sich offenbar vor allem daran entzündet, dass Astra-Zeneca so spät seine Produktionsprobleme einräumte und diese mit wenig nachvollziehbaren Argumenten erklärte. Der CDU-Politiker Liese sagte, die vom Hersteller angegebenen Schwierigkeiten in einem belgischen Werk reichten als Erklärung nicht. Denn im Vertrag seien ausdrücklich zwei Werke in Großbritannien für die Versorgung auf dem Kontinent genannt. Zudem habe die Endabfüllung des Impfstoffs zumindest bis vor ein paar Tagen in einem Werk in Dessau stattgefunden. Liese erinnerte daran, dass der als erster zugelassene Impfstoff von Biontech und Pfizer unmittelbar nach der Genehmigung am 21. Dezember zur Verfügung gestanden habe. Das müsse auch für Astra-Zeneca der Maßstab sein. Auch Kyriakides hatte darauf hingewiesen, dass der Hersteller laut Vertrag verpflichtet sei, rechtzeitig vor der absehbaren Zulassung so viel zu produzieren, dass danach mit den Impfungen begonnen werden könne.

          Es ist derweil damit zu rechnen, dass die Europäische Arzneimittelbehörde EMA am Freitag den Impfstoff von Astra-Zeneca nur für die Altersgruppe unter 64 zulassen wird, lässt die deutliche Stellungnahme der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) zur Bewertung der Impfstoffe aufhorchen. Der F.A.Z. lag das Papier vor.

          „Der Covid-19 Vaccine AstraZeneca wird aufgrund der derzeit verfügbaren Daten nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen“, heißt es von der Stiko. Zur Beurteilung der Impfwirkung für ältere Menschen lägen keine ausreichenden Daten vor. Von dieser Einschränkung abgesehen hält die Stiko den Vektor-basierten Impfstoff jedoch für gleichermaßen geeignet.

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