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Arzneimittelhersteller : Wettlauf gegen den Krebs

Objekt der Forschung: Brustkrebszelle mit typischen Bläschen (blau) und Zellplasmaausstülpungen (rot, links) Bild: (c) STEVE GSCHMEISSNER/ SPL / Ag

Die Zahl der Krebspatienten wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Für die Pharmabranche ist das eine lukrative Aussicht.

          Rund 14 Millionen Menschen sind 2012 auf der Welt an Krebs erkrankt, 2032 werden es nach einer Prognose der Weltkrebsgesellschaft 22 Millionen sein – fast doppelt so viele. Die rasche Zunahme hängt einer am Montag veröffentlichten Studie zufolge mit der steigenden Lebenserwartung, aber auch mit ungesunden Lebensgewohnheiten zusammen. Für die Arzneimittelhersteller rund um die Welt birgt diese dramatische Entwicklung, so zynisch das klingen mag, ein großes kommerzielles Potential. Die Krebstherapie ist für die Konzerne schon jetzt ein florierendes Geschäft: Auf 65,6 Milliarden Dollar veranschlagt der Branchendienst IMS Health das Marktvolumen, so viel wie für keine andere Erkrankung. Und für die Zukunft wird überdurchschnittliches Wachstum erwartet. Der Weltkrebstag, zu dem die Gesundheitsorganisation WHO an diesem Dienstag aufruft, dürfte deshalb auch in den Kalendern vieler Pharmamanager rot angestrichen sein.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unangefochtener Marktführer ist der Schweizer Anbieter Roche, der drei sogenannte Blockbuster-Medikamente zur Krebstherapie im Sortiment hat, wie Präparate mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar im Jahr genannt werden. Aus Deutschland mischten bisher Bayer aus Leverkusen und Merck aus Darmstadt in diesem Geschäft mit. Nun versucht auch der dritte große einheimische Anbieter, Boehringer Ingelheim, das bisher vor allem mit Herz-Kreislauf- und Atemwegspräparaten erfolgreiche Familienunternehmen aus Rheinland-Pfalz, auf dem Markt Fuß zu fassen. Zwar wird in den Laboren schon seit 15 Jahren daran geforscht, aber erst im vergangenen Herbst wurde das erste Präparat aus der neu aufgebauten Sparte, das Lungenkrebsmittel Afatinib, von der europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen.

          Den klinischen Studien zufolge verdoppelt das Medikament in Kombination mit einer Chemotherapie die Zeit, die Lungenkrebspatienten ohne weiteres Tumorwachstum überleben – von knapp sieben auf mehr als dreizehn Monate. Dennoch ist der Einstieg in den Onkologiemarkt kein Selbstläufer. „Gegenüber Platzhirschen wie Roche, Novartis und Astra-Zeneca haben es Neulinge schwer“, sagt Andrea Brückner vom Beratungsunternehmen Accenture. Boehringer müsse nicht nur überzeugende Studienergebnisse vorlegen. Auch ein eigenes Vertriebsnetz und gute Beziehungen zu den Meinungsführern unter den Krebsmedizinern seien entscheidend. Hinzu kommt, dass das Präparat nur für etwa jeden zehnten Patienten geeignet ist. Den anderen fehlt ein bestimmter Rezeptor, an den die Wirkung der Substanz gekoppelt ist. Obwohl Lungenkrebs unter Männern die am weitesten verbreitete Krebsart ist, rechnet Boehringer deshalb zunächst nur mit einer vierstelligen Zahl von Patienten in Deutschland.

          Dieses Prinzip ist für die Krebsmedizin (Onkologie) genauso typisch wie die lange Entwicklungsdauer. Die herkömmlichen Zellgifte, die für die Krebsbehandlung jahrzehntelang prägend waren, verlieren Marktanteile. Auf dem Vormarsch sind zielgerichtete Präparate, die wie Afatinib nur zusammen mit einem diagnostischen Test eingesetzt werden, um die Treffsicherheit zu erhöhen. Vor zehn Jahren entfiel noch die Hälfte der Ausgaben der Krankenkassen für Krebsmittel in Deutschland auf Zellgifte, die ohne solche Tests verabreicht werden, und knapp ein Viertel auf solche Kombinationspräparate. Heute ist es umgekehrt.

          Die Diagnose ist längst nicht mehr in jedem Fall ein Todesurteil

          Entscheidend verändert haben sich auch die Überlebenschancen für Krebspatienten. Die gefürchtete Diagnose ist längst nicht mehr in jedem Fall ein Todesurteil. Rund um die Welt erforschen Wissenschaftler die Krankheit; eine der wichtigsten Adressen dafür ist das vor fünfzig Jahren gegründete Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Die Wissenschaftler dort betrachten inzwischen jeden Tumor als eine individuelle Ausprägung der Krankheit. Für die Therapie heißt das: Was einem Patienten hilft, ist beim nächsten unter Umständen wirkungslos – eine Einsicht, die die Aussicht auf viele weitere „Blockbuster“-Medikamente deutlich einschränkt.

          Stattdessen nimmt die Zahl der unterschiedlichen Präparate schneller zu als je zuvor. Mehr als ein Dutzend neue Krebsmedikamente lässt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA inzwischen im Jahr zu, 2008 waren es ganze zwei. Und mehr als 900 neue Wirkstoffe werden zurzeit an Patienten getestet. Die Forscher kommen dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Der Wirkstoff Thalidomid, den der deutsche Hersteller Grünenthal einst mit großem Schaden für Schwangere und ihre ungeborenen Kinder für das Schlafmittel Contergan verwendet hat, wird inzwischen vom amerikanischen Anbieter Celgene als Mittel gegen Knochenmarktkrebs vertrieben. Ungewöhnlich ist auch der Ansatz, den Bayer für sein neues Prostatakrebsmittel Xofigo verfolgt, dessen Wirkung auf einen radioaktiv strahlenden Stoff zurückgeht; vor kurzem hat der Konzern fast 2 Milliarden Euro bezahlt, um den norwegischen Anbieter zu übernehmen, der diese Technik entwickelt hat. Das Berliner Unternehmen Magforce wiederum verspricht sich viel davon, Tumore mit Hitze zu bekämpfen. Dass der frühere Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns Fresenius Medical Care, Ben Lipps, an der Spitze dieses kleinen Anbieters steht, mag als Indiz für seine Erfolgsaussichten gelten.

          Ein Behandlungsweg, auf den sich besonders große Erwartungen richten, ist die Immuntherapie. Das Ziel ist eine Art Impfung gegen den Krebs. Erst 3 Prozent der Krebspatienten werden nach einer Analyse der Citibank zurzeit so behandelt, in zehn Jahren könnte sich die Quote aber verzwanzigfachen. Auch auf diesem Feld gibt es ein erfolgreiches Vorbild: Der amerikanische Anbieter Dendreon hat seit 2010 die Zulassung für ein Verfahren, das die körpereigenen Abwehrkräfte gegen Prostatakrebszellen aktivieren soll.

          In Deutschland arbeiten vor allem kleine Biotechunternehmen an vergleichbaren Ansätzen, die von SAP-Gründer Dietmar Hopp mitfinanzierte Tübinger Universitätsausgründung Curevac zum Beispiel und seit neuestem auch der Münchner Anbieter Medigene. Dieser hat erst in der vergangenen Woche eine Ausgründung aus dem Helmholtz-Zentrum namens Trianta übernommen, die sich auf die Weiterentwicklung des von Dendreon eingesetzten Prinzips spezialisiert hat. Es sei in der Pharmabranche nicht zwangsläufig ein Nachteil, aus der zweiten Reihe zu starten, erläutert die wissenschaftliche Leiterin Dolores Schendel.

          Ob das Lungenkrebsmittel Afatinib für Boehringer der erhoffte Erfolg geworden ist, lässt sich noch nicht absehen. Zunächst kommt es darauf an, wie es in den Augen von Ärzten und Krankenkassen im Vergleich mit Arzneimitteln abschneidet, die schon auf dem Markt sind. Nur für einen hohen Zusatznutzen werden die Kassen nämlich bis zum Ablauf des Patentschutzes im nächsten Jahrzehnt einen hohen Preis dafür zahlen – nach diesem Prinzip werden seit zwei Jahren die Erstattungsbeträge für neue Medikamente ausgehandelt. So sollen die in der Vergangenheit oft als übertrieben kritisierten Erstattungsbeträge – hohe fünfstellige Jahrestherapiekosten sind in der Onkologie keine Seltenheit – im Maß gehalten werden. Hinter der bürokratischen Praxis steht eine heikle Frage: Was ist es dem Gesundheitssystem wert, dass ein Krebspatient sechs Monate länger lebt?

          Die Preisverhandlungen für Afatinib werden sich voraussichtlich bis Mitte November hinziehen. Boehringer hat mit der neuen Regelung in der Vergangenheit gemischte Erfahrungen gemacht: Einem Diabetesmittel wurde kein Zusatznutzen zugesprochen, deshalb hat es der Hersteller - ein Novum in der Unternehmensgeschichte - in Deutschland nicht auf den Markt gebracht. Diesmal seien die Aussichten viel besser, heißt es aus Ingelheim.

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