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Arzneimittelhersteller : Wettlauf gegen den Krebs

Stattdessen nimmt die Zahl der unterschiedlichen Präparate schneller zu als je zuvor. Mehr als ein Dutzend neue Krebsmedikamente lässt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA inzwischen im Jahr zu, 2008 waren es ganze zwei. Und mehr als 900 neue Wirkstoffe werden zurzeit an Patienten getestet. Die Forscher kommen dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Der Wirkstoff Thalidomid, den der deutsche Hersteller Grünenthal einst mit großem Schaden für Schwangere und ihre ungeborenen Kinder für das Schlafmittel Contergan verwendet hat, wird inzwischen vom amerikanischen Anbieter Celgene als Mittel gegen Knochenmarktkrebs vertrieben. Ungewöhnlich ist auch der Ansatz, den Bayer für sein neues Prostatakrebsmittel Xofigo verfolgt, dessen Wirkung auf einen radioaktiv strahlenden Stoff zurückgeht; vor kurzem hat der Konzern fast 2 Milliarden Euro bezahlt, um den norwegischen Anbieter zu übernehmen, der diese Technik entwickelt hat. Das Berliner Unternehmen Magforce wiederum verspricht sich viel davon, Tumore mit Hitze zu bekämpfen. Dass der frühere Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns Fresenius Medical Care, Ben Lipps, an der Spitze dieses kleinen Anbieters steht, mag als Indiz für seine Erfolgsaussichten gelten.

Ein Behandlungsweg, auf den sich besonders große Erwartungen richten, ist die Immuntherapie. Das Ziel ist eine Art Impfung gegen den Krebs. Erst 3 Prozent der Krebspatienten werden nach einer Analyse der Citibank zurzeit so behandelt, in zehn Jahren könnte sich die Quote aber verzwanzigfachen. Auch auf diesem Feld gibt es ein erfolgreiches Vorbild: Der amerikanische Anbieter Dendreon hat seit 2010 die Zulassung für ein Verfahren, das die körpereigenen Abwehrkräfte gegen Prostatakrebszellen aktivieren soll.

In Deutschland arbeiten vor allem kleine Biotechunternehmen an vergleichbaren Ansätzen, die von SAP-Gründer Dietmar Hopp mitfinanzierte Tübinger Universitätsausgründung Curevac zum Beispiel und seit neuestem auch der Münchner Anbieter Medigene. Dieser hat erst in der vergangenen Woche eine Ausgründung aus dem Helmholtz-Zentrum namens Trianta übernommen, die sich auf die Weiterentwicklung des von Dendreon eingesetzten Prinzips spezialisiert hat. Es sei in der Pharmabranche nicht zwangsläufig ein Nachteil, aus der zweiten Reihe zu starten, erläutert die wissenschaftliche Leiterin Dolores Schendel.

Ob das Lungenkrebsmittel Afatinib für Boehringer der erhoffte Erfolg geworden ist, lässt sich noch nicht absehen. Zunächst kommt es darauf an, wie es in den Augen von Ärzten und Krankenkassen im Vergleich mit Arzneimitteln abschneidet, die schon auf dem Markt sind. Nur für einen hohen Zusatznutzen werden die Kassen nämlich bis zum Ablauf des Patentschutzes im nächsten Jahrzehnt einen hohen Preis dafür zahlen – nach diesem Prinzip werden seit zwei Jahren die Erstattungsbeträge für neue Medikamente ausgehandelt. So sollen die in der Vergangenheit oft als übertrieben kritisierten Erstattungsbeträge – hohe fünfstellige Jahrestherapiekosten sind in der Onkologie keine Seltenheit – im Maß gehalten werden. Hinter der bürokratischen Praxis steht eine heikle Frage: Was ist es dem Gesundheitssystem wert, dass ein Krebspatient sechs Monate länger lebt?

Die Preisverhandlungen für Afatinib werden sich voraussichtlich bis Mitte November hinziehen. Boehringer hat mit der neuen Regelung in der Vergangenheit gemischte Erfahrungen gemacht: Einem Diabetesmittel wurde kein Zusatznutzen zugesprochen, deshalb hat es der Hersteller - ein Novum in der Unternehmensgeschichte - in Deutschland nicht auf den Markt gebracht. Diesmal seien die Aussichten viel besser, heißt es aus Ingelheim.

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