https://www.faz.net/-gqe-8zg17

Arzneimittelhersteller : Stada tauscht Vorstandschef aus

  • Aktualisiert am

Matthias Wiedenfels Bild: dpa

Der Verkauf des Arzneimittelherstellers Stada an zwei große Finanzinvestoren ist gescheitert. Jetzt müssen der Vorstandschef und ein weiterer Topmanager gehen. Ihre Nachfolger stehen schon fest.

          Kurz vor einem erwarteten neuen Übernahmeangebot für Stada bekommt der hessische Arzneimittelhersteller einen neuen Vorstandschef. Der ehemalige Boehringer-Ingelheim-Manager Engelbert Tjeenk Willink soll den Posten übernehmen - allerdings nur bis zum Jahresende, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Matthias Wiedenfels, der das Amt als Stada-Chef vor rund einem Jahr "bis auf weiteres" übernommen hatte, sei mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Auch der langjährige Finanzvorstand Helmut Kraft geht. Er wird bis Ende 2017 durch den ehemaligen Finanzchef von Lanxess und Beiersdorf, Bernhard Düttmann, ersetzt.

          An der wohlwollenden Haltung des Stada-Vorstands zu einem neuen Anlauf der Finanzinvestoren Bain und Cinven, das Unternehmen aus Bad Vilbel bei Frankfurt zu schlucken, soll der Wechsel nichts ändern. "Wir setzen unsere Strategie unbeirrt fort", erklärte Aufsichtsratschef Carl Ferdinand Oetker. Er galt lange als skeptisch gegenüber einem Verkauf, betonte aber, Stada werde mögliche weitere Offerten "unvoreingenommen prüfen und bewerten". Tjeenk Willink erklärte, er werde alle Optionen "im Interesse der Aktionäre und der Belegschaft" abwägen.

          Wiedenfels, der durch das Aus für den langjährigen Stada-Chef Hartmut Retzlaff an die Spitze gespült worden war, hatte den Verkauf des Konzerns auch gegen interne Widerstände vorangetrieben und nach Ansicht von Fachleuten einen hohen Preis für Stada herausgeholt. Noch vor einer Woche hatten Wiedenfels und Oetker Einigkeit demonstriert. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir absolut an einem Strang gezogen haben", hatte Wiedenfels gesagt. Trotzdem galt er als Vorstandschef auf Abruf. Der Aufsichtsrat hatte seit Monaten einen Marketing-Chef gesucht, der im besten Fall auch die Nachfolge von Wiedenfels übernehmen könnte. Der 56-jährige Tjeenk Willink war bei Boehringer bis 2012 für Marketing und Vertrieb zuständig.

          Bald grünes Licht von der Bafin?

          Die kurze Laufzeit der Verträge der neuen Vorstände gibt den Erwartungen Nahrung, dass sich Stada weiter auf eine baldige Übernahme einstellt. Finanzinvestoren bringen nach dem Kauf eines Unternehmens oft ihre eigenen Manager mit. Bain und Cinven bereiten nach Angaben von Stada bereits einen neuen Anlauf vor. Sie wollen sich von der einjährigen Wartefrist befreien lassen, die sie nach dem Scheitern ihres Angebots eigentlich einhalten müssten. Der Antrag muss bei der Wertpapieraufsicht Bafin gestellt werden, der Schlüssel liegt allerdings beim Vorstand von Stada - er muss dem zustimmen. Der Aufsichtsrat spielt erst dann wieder eine Rolle, wenn es um die Beurteilung eines neuen Übernahmeangebots selbst ginge.

          Nach einem Bericht der "Financial Times" könnten Bain und Cinven spätestens am Mittwoch grünes Licht von der Bafin und von Stada erhalten. Die Finanzinvestoren waren mit ihrer 5,3 Milliarden Euro schweren Offerte in der vergangenen Woche zunächst gescheitert, weil nur 65,5 statt der erforderlichen 67,5 Prozent der Stada-Aktionäre ihre Offerte angenommen hatten. Das lag Finanzkreisen zufolge vor allem an Hedgefonds, die in der Hoffnung auf ein höheres Angebot bei Kursen von mehr als 66 Euro eingestiegen waren. Um keinen Verlust zu machen, hielten sie einen Teil ihrer Aktien zurück - und sorgten damit dafür, dass die Übernahme platzte.

          Bain und Cinven haben laut "FT" inzwischen von einigen Investoren Zusagen bekommen, dass sie ihre Anteile nun verkaufen. Beim zweiten Anlauf solle es bei 66 Euro je Aktie bleiben. Um sicher zu gehen, wollten die Finanzinvestoren die Mindestannahmeschwelle aber auf 65 Prozent oder weniger senken. Ihr Kalkül: Zusammen mit den Anteilen von börsengehandelten Indexfonds (ETF), die ihre Aktien erst später andienen können, kämen sie letztlich auf mehr als 75 Prozent, die notwendig sind, um über einen Beherrschungsvertrag Zugriff auf die Kasse von Stada zu bekommen.

          An der Börse trieb die Hoffnung auf ein neues Gebot Stada-Aktien um 2,2 Prozent auf 63,92 Euro. Der Druck auf Stada ist groß, den Finanzinvestoren einen abermaligen Vorstoß zu erlauben. Analyst Bernhard Weininger von Independent Research hält es für wahrscheinlich, dass das Unternehmen "vor dem Hintergrund der betont guten Zusammenarbeit im Übernahmeprozess zwischen Stada und den Finanzinvestoren" sich darauf einlassen wird. Die Erwartung eines Verkaufs hatte den Aktienkurs binnen eines Jahres von weniger als 40 bis auf knapp 67 Euro getrieben.

          Weitere Themen

          Verunsicherung nach Pleite von Thomas Cook Video-Seite öffnen

          Britischer Reisekonzern : Verunsicherung nach Pleite von Thomas Cook

          Am Montag und Dienstag wollten von Deutschland aus 21.000 Menschen mit Thomas Cook abheben. Das Tochterunternehmen Condor teilte mit, den Flugbetrieb fortzusetzen und beantragte bei der Bundesregierung einen Überbrückungskredit.

          Topmeldungen

          UN-Klimagipfel in New York : War das alles, Frau Merkel?

          Mit ihrem Klimapaket enttäuschte die Bundesregierung viele. Auch in New York steht Merkel unter Rechtfertigungsdruck. Sie verweist auf die Bevölkerung – und den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft.

          AKK in Amerika : Im Leer-Jet zum Pentagon

          Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer reist zum ersten Mal nach Washington. Ihr Terminplan überrascht – vor allem, wen sie alles nicht trifft.

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.