https://www.faz.net/-gqe-6yesn

Arzneimittel-Preise : In Bombay enteignet

Was sollen Arzneimittel kosten und wer bietet sie wo an? Bild: ZB

In Indien verpflichten die Behörden Bayer zu einer extremen Senkung des Preises für ein Krebsmittel. Die Konzerne werden sich noch gründlicher überlegen, ob sie Neuentwicklungen dort anbieten. Diese heikle Frage gilt es nicht nur in den Schwellenländern zu beantworten.

          1 Min.

          Über den Preis von Arzneimitteln wird nicht nur in den Schwellenländern gestritten. Weil sich Hersteller und Krankenkassen in Deutschland nicht geeinigt haben, legt nun eine Schiedsstelle den Rahmen für die mit der jüngsten Gesundheitsreform eingeführten Preisverhandlungen fest.

          Mit viel groberem Pinselstrich gehen die Behörden in Indien vor, die Bayer zu einem Abschlag von mehr als 90 Prozent auf den Preis für ein Krebsmittel verpflichten. Nur eine Anstandsgebühr trennt diese Entscheidung noch von einer völligen Enteignung.

          So unterschiedlich das regulatorische Maß ist, die Argumentationslinien in beiden Ländern lassen sich vergleichen. Während die Konzerne hohe Preise damit begründen, dass die Entwicklung eines Medikaments sie mehr als eine Milliarde Dollar koste und bis zum Ablauf des Patentschutzes refinanziert sein wolle, haben ihre Gegner ein ganzes Bündel von Einwänden im Köcher.

          Die wichtigsten: Nicht jedes neue Präparat bringt tatsächlich einen Fortschritt. Und die Geschäfte liefen in der Vergangenheit ausweislich branchenüblicher Gewinnmargen von bis zu 40 Prozent so gut, dass Einschnitte überfällig wirken.

          Kein lebensrettendes Medikament

          Nun sind Gewinne, solange private Unternehmen die Arzneimittelentwicklung vorantreiben sollen, notwendig und nicht verwerflich. Die Begründung für die in Bombay verhängte Zwangslizenz ist aber noch unter zwei anderen Gesichtspunkten zweifelhaft. Erstens handelt es sich bei dem Krebsmittel, das nun ein indischer Hersteller nachahmen darf, weder um ein massenhaft benötigtes noch um ein lebensrettendes Medikament.

          Nexavar verlängert das Überleben der Patienten im Durchschnitt um knapp drei Monate, eine Aussicht auf Heilung besteht nicht. Zweitens hat sich in Indien längst eine leistungsfähige Pharmabranche etabliert. Einem ihrer Vertreter wird nun ein Vorteil gewährt, der weit über den marktüblichen Konditionen für Lizenznehmer liegt.

          Deutsche Patienten müssen ohne auskommen

          Die Folge wird sein, dass es sich die Konzerne in Zukunft noch gründlicher überlegen werden, ob sie Neuentwicklungen überhaupt in Indien oder China, wo ähnliche Entscheidungen möglich scheinen, anbieten. Aber auch diese heikle Frage gilt es nicht nur in den Schwellenländern zu beantworten.

          Jüngst haben die ersten beiden Hersteller für ein ganz anderes Land entschieden, ihre neuesten Präparate wegen der in Aussicht gestellten Preise nicht zu vertreiben: Deutsche Patienten müssen vorerst ohne sie auskommen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Impeachment-Anhörungen : Trumps Schattendiplomat

          Gordon Sondland muss sich auf ein regelrechtes Verhör gefasst machen. Von dem amerikanischen Botschafter bei der EU erhoffen sich die Demokraten Aussagen, mit denen sie Donald Trump der Erpressung und Bestechung überführen können.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.