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Arzneimittel : Aspirin vom Briefträger

11.000 Medikamentenlieferungen täglich Bild: Christian Thiel - F.A.Z.

In der Kleinstadt Bad Laer hat Johannes Mönter gegen den Widerstand der Zunft das größte deutsche Apotheken-Unternehmen aufgebaut. Seine Spezialität ist der Versandhandel. Fast eine halbe Million Kunden hat er schon - Tendenz steigend.

          5 Min.

          Der Weg zu Deutschlands größter Apotheke führt über einen Parkplatz, vorbei an einem Aldi-Markt, einem Kik-Textildiscounter und einem Combi-Verbrauchermarkt. Hier draußen, am Rand des 9200-Einwohner-Örtchens Bad Laer in der Nähe von Osnabrück, das für die Heilkraft seiner Soleanwendungen auch überregional eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, liegt das Reich des Johannes Mönter, das Gesundheitszentrum Bad Laer.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das ist eine eher schmucklose Angelegenheit auf drei Geschossen. Apotheke, Reformhaus und Kosmetikpraxis auf der einen Seite der Ladenzeile, Optiker und „Junior-Treff“, in dem Eltern ihre Kinder für die Dauer eines Arztbesuchs oder Einkaufs parken können, auf der anderen. Dazwischen das „Café Medicus“. In den Arztpraxen im oberen Geschoss hat Mönter zehn Fachärzte einquartiert, darunter einen Chirurgen, Orthopäden, Hautarzt, Psychotherapeuten und eine Hebamme.

          Fast 11.000 Lieferungen am Tag

          Im Trakt gegenüber sitzen ein paar Dutzend Menschen mit Kopfhörern und Sprechmuschel vor Bildschirmen und beantworten, was Kunden an der Hotline wissen, vielleicht bestellen wollen.

          Von der „Elch”-Apotheke zum Großunternehmen - Johannes Mönter

          Das Herz von Mönters Gesundheitsimperiums schlägt im Keller: Auf 15.000 Quadratmetern, der Fläche von zweieinhalb Fußballfeldern, werden Arzneimittel gelagert, verpackt und versandt. 70.000 Präparate in mannshohen Regalen, durch die sich ein anderthalb Kilometer langes Transportband schlängelt. Darauf ruckeln farbige Plastikcontainer Richtung Versandtheke. Zuvor werden alle Bestellungen erfasst, auf Unverträglichkeiten geprüft und die Daten gespeichert, Pillen für Altenheime auf Wunsch auch einzeln abgepackt, verschweißt und mit der Gebrauchsanweisung beschriftet.

          Morgens um drei Uhr bringt die Post den ersten Schub mit Tausenden Rezepten und Bestellungen, abends um sechs verlassen die letzten Päckchen die Rampe. Binnen zwei Werktagen muss die Ware beim Privatkunden sein, in Kliniken meist schneller. Fast 11.000 Lieferungen sind es am Tag, Montag bis Samstag. Gerade überlegt Mönter, ob die erste Schicht der Woche künftig schon Sonntagabend beginnt. Anders seien die immer öfter auch elektronisch eingehenden Aufträge kaum noch zu bewältigen.

          Mehr Kaufmann als Heilberufler

          Mönter ist von Haus aus Apotheker. Bald wird er die vierte Apotheke sein Eigen nennen. Aber er hat sich immer schon mehr als Kaufmann denn als Heilberufler verstanden. Man muss ihn wohl als Gesundheitsunternehmer bezeichnen. Das örtliche Kurmittelhaus betreibt er auch.

          Dass das Geschäft mit der Gesundheit eine Wachstumsbranche ist, lässt sich in seinem Zahlenwerk ablesen: Mönter beschäftigt 622 Mitarbeiter, ein Drittel mehr als vor Jahresfrist, darunter Apotheker, Pharmazeutische Assistenten, Arzthelferinnen. Von Juli 2006 bis Ende Juni dieses Jahres setzte er 356 Millionen Euro um. Das waren 76 Millionen mehr als im Vorjahr. Ende Dezember sollen es 400 Millionen Euro sein. Über die Rendite schweigt er, sagt nur, dass er „keine roten Zahlen“ schreibe. Man darf davon ausgehen, dass das Geschäft mehr als auskömmlich ist.

          Lücken gesucht und gefunden

          Damit das so bleibt, wird der Werbeetat auf mehr als 4 Millionen Euro verdoppelt. Mönters Marketingaufwand entspricht damit dem Drei- bis Vierfachen dessen, was eine nach Angaben der Apothekerverbände „durchschnittliche“ Apotheke im Jahr umsetzt.

          Mönter, Sohn einer örtlichen Landwirtsfamilie, hat Pharmazie studiert, 1975 seine erste, die „Elch“-Apotheke in Bad Laer übernommen, aber von Anfang an Wege gesucht, sein Geschäft zu vergrößern. „Ich habe immer versucht, neue Chancen zu nutzen.“ 1983 nahm er die Versorgung von zwölf Krankenhäusern mit Arzneimitteln auf. Heute beliefert er 45 Kliniken, mehr als 500 Pflegeheime, 79 Gefängnisse und ein paar hundert Arztpraxen. Das ist der Kern seines Geschäfts.

          Im streng regulierten Apothekenmarkt hat er dafür Lücken gesucht und gefunden. Nicht zur Freude anderer Apotheker oder deren Kammer. Denen war so viel Geschäftssinn und Wettbewerb oft suspekt. Immer wieder mussten Gerichte den Weg frei machen. Gerade, berichtet er, blockiere die Apothekerkammer die Gründung eines medizinischen Versorgungszentrums, das er seinem Gesundheitszentrum hinzufügen will.

          Fast eine halbe Million Kunden

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