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Arzneikonzerne : Die Versäumnisse der Pharmabranche

Bayer, der größte deutsche Arzneikonzern, steht nur noch auf Platz 13 der Weltrangliste Bild: AP

Eitelkeit, Wankelmut und Eigennutz haben die deutsche Pharmabranche behindert. Doch an der nötigen Selbstkritik mangelt es.

          3 Min.

          Deutschland, die einstige „Apotheke der Welt“ – das Bild ist inzwischen etwas abgegriffen, aber dadurch nicht weniger treffend. An den Weltkonzernen des Landes kam noch vor einer Generation niemand vorbei. Heute findet sich Bayer als größter deutscher Arzneikonzern auf Platz 13 der Weltrangliste wieder. Gerade ist er dabei, sich neu zu positionieren – Anlass für eine Bestandsaufnahme. Denn ohne im Vergangenen zu schwelgen: Wenn eine ebenso traditionelle wie zukunftsträchtige Industrie im Land an Bedeutung verliert, lohnt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen?

          Die Pharmabranche hat dazu einige Klagen parat: falsche Gesundheitspolitik, zu wenig Anreize für Forschung, ein skeptisches Volk mit Bedenken gegen Biotechnologie. Das sei mal so stehengelassen. Aber wie wäre es mit Selbstkritik? Wie wäre es mit: Eitelkeit der Manager, strategischer Wankelmut, Eigennutz der Investoren?

          In den neunziger Jahren stellte die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie mit Hoechst, Bayer und BASF drei Konzerne von Weltrang. International setzte damals der Trend ein, dass sich die gewachsenen Mischkonzerne entflochten: Sie setzten fortan entweder auf Arzneien oder auf Chemie. Auf diesen Trend sprang in Deutschland als Erster Hoechst auf. Konzernchef Dormann veräußerte sukzessive die Chemie und fusionierte das Pharmageschäft mit dem von Rhône-Poulenc zu Aventis. Die „gleichberechtigte Partnerschaft“ wurde schnell zur Übernahme durch die Franzosen; am Ende ging das Unternehmen in Sanofi auf – per feindlicher Offerte, unterstützt von der Regierung in Paris. Hoechst war abgewickelt, die deutsche Pharmaindustrie einen ihrer Leuchttürme los.

          Von strategischem Wankelmut ist die Rede

          Nun kann man argumentieren, in einem offenen Markt dürfe die Nationalität eines Unternehmens keine Rolle spielen. Allerdings ist das zweischneidig, wenn zugleich das Herkunftsland des Fusionspartners eine höchst aktive Industriepolitik betreibt. Zudem relativieren sich dann die Klagen der Industrie: Wenn die Pharma-Lobby für ihre Interessen kämpft, argumentiert sie schließlich damit, wie bedeutsam die Branche für das Land sei. Wo ausländische Konzerne übernehmen, verschwinden aber die Zentralen und Entscheidungsträger. Hoechst hatte zuvor mit Bayer verhandelt, daraus sollte je ein großer Arznei- und Chemiekonzern entstehen, ähnlich wie die Schweizer ihren Pharmakonzern Novartis schmiedeten. Ein innerdeutscher Deal scheiterte auch daran, dass beide Konzernchefs das neue Arzneikonstrukt führen wollten. Man darf behaupten: Die Branche stand am Scheideweg – und Eitelkeit der Protagonisten spielte eine wichtige Rolle.

          Bayer hielt an seiner Mischstruktur fest. Dafür gibt es Argumente, zuvörderst die bessere Risikostreuung der Geschäfte. Nur: Bayer hat eineinhalb Jahrzehnte lang strategisch gezaudert und folgt nun doch dem Trend und gibt seine Industriechemie ab. In der Zwischenzeit rutschte die Pharmasparte mangels Investitionen in die zweite Reihe, stand im Zusammenhang mit einem Produktrückruf am Rande des Ruins und vor dem Verkauf. Am Ende rettete Bayer sie mit dem Erwerb von Schering. Das alles darf man strategischen Wankelmut nennen.

          Ja, die Bayer-Aktie ist heute teuer wie nie, das Unternehmen gar das wertvollste im Dax, denn nach langer Pechsträhne in der Forschung reüssierte es zuletzt mit mehreren Neuprodukten. Aber der Teilkonzern Forschende Pharma spielt im Weltmaßstab weiter im zweiten Glied. Hier ist eine gewisse Größe wichtig: Erstens ist die Arzneientwicklung enorm teuer, bei zugleich sehr hohen Ausfallraten. Zweitens hängt das Geschäft an relativ wenigen, umsatzstarken Produkten. Je kleiner das Unternehmen, desto größer die Schwierigkeiten, wenn Patente auslaufen oder Produktprobleme auftreten.

          Der Biotechszene fehlt ausreichend Kapital

          Und BASF? Verkaufte das Pharmageschäft nach Amerika: jene Sparte, die das Rheumamittel Humira hervorbrachte, derzeit das erfolgreichste Präparat der Welt, Jahresumsatz 10 Milliarden Dollar. Sie gehört heute Abbvie.

          Währenddessen ist wenig Neues herangewachsen. Keine blühende Biotechszene beispielsweise, denn ihr fehlt ausreichend Kapital, auch von den etablierten Pharmakonzernen. Als klassischer Arzneianbieter machte Altana, getrieben durch den Erfolg eines Magenmittels, einen kometenhaften Aufstieg bis in den Dax. Aber es musste sich dem Schicksal der zu geringen Größe ergeben: Weil Neuprodukte zu spät heranreiften, verkaufte Mehrheitseignerin Susanne Klatten das Pharmageschäft an einen Finanzinvestor, der es später nach Japan weiterreichte. Natürlich darf jeder mit seinem Besitz tun, was er will. Durch die Brille der Branche betrachtet, darf man aber sagen: Sie litt unter dem Eigennutz der Investorin. Verkaufen kann jeder; ein Unternehmen strategisch entwickeln – das ist die Kunst.

          Die Familien hinter Boehringer, Merck und Merz beweisen da längeren Atem. Obwohl die Forschungsabteilungen der beiden Letzteren immer neue Rückschläge erlitten, sind sie der Branche erhalten geblieben. Beide setzen allerdings zunehmend auf Medizinfelder abseits der klassischen Pillenforschung, wo die Risiken geringer sind. Es scheint: Während sich international durch Fusionen Großkonzerne gebildet haben, sind die deutschen Arzneifirmen für dieses klassische Geschäft reichlich klein.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

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