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Arriva billigt Übernahme : Teuerster Zukauf in der Geschichte der Bahn

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Nicht nur rote Busse: Arriva betreibt Busse und Bahnen in acht europäischen Ländern und transportiert im Jahr mehr als eine Milliarde Menschen Bild: © UPPA/Photoshot

Die kostspieligste Übernahme in der Geschichte der Deutschen Bahn naht: Das britische Bus-und Bahnunternehmen Arriva hat einem Kauf durch die Bahn zugestimmt. Einige Politiker sind entsetzt. Die Rede ist von „Größenwahn“ und Verstaatlichung eines Privatunternehmens.

          Die Deutsche Bahn AG steht vor dem teuersten Kauf ihrer Geschichte: Sie einigte sich mit dem britischen Verkehrsunternehmen Arriva auf die Übernahme des Konzerns für 1,8 Milliarden Euro plus knapp einer Milliarde Schulden, wie die Vorstandschefs am Donnerstag mitteilten.

          Bahnchef Rüdiger Grube verspricht sich davon eine bessere Wettbewerbsposition im europäischen Transportmarkt. Grube hatte am Vorabend grünes Licht vom Aufsichtsrat des Staatsunternehmens bekommen, und das britische Unternehmen teilte in London mit, es habe der Übernahme durch die Deutsche Bahn zugestimmt. Arriva-Chef David Martin, der bei Grubes Pressekonferenz aus London zugeschaltet war, deutete an, dass er keine weiteren Angebote erwarte. Als Mitbieter war die französische Staatsbahn SNCF im Gespräch.

          Arriva betreibt in zwölf Ländern Europas Bus- und Bahnlinien und betreibt eines der wenigen größeren Verkehrsunternehmen, die nicht von Staat kontrolliert werden.

          Widerstand in vielen Parteien

          Der Plan der Bahn ist an einigen Stellen auf Kritik gestoßen; im Bundestags-Verkehrsausschuss wandten sich Grüne und Linke dagegen. Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Anton Hofreiter, hatte zuvor gefordert, im Aufsichtsrat die Pläne von Bahnchef Rüdiger Grube zu stoppen. „Der Größenwahn bei der Deutschen Bahn, der unter dem früheren Bahnchef Mehdorn begonnen hat, geht unter Grube weiter.“ Es müsse ausgeschlossen werden, dass der Zukauf aus Gewinnen der DB Netz AG finanziert werde.

          Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) plädierte dafür, dass sich die Bahn stärker auf den Inlandsmarkt konzentrieren sollte anstatt verschuldete ausländische Unternehmen zu kaufen. Die Bahn müsse sich für eine Übernahme Geld am Kapitalmarkt leihen, wodurch ihr „ohnehin schon gewaltiger Schuldenberg“ von 15 Milliarden Euro weiter wachse. Der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer warnte ebenfalls vor einer kostspieligen Expansion der Bahn auf Pump. Auch in Kreisen der FDP gab es Kritik: Hier werde ein privates Unternehmen faktisch verstaatlicht.

          Bahn-Vorstand verteidigt den Zukauf

          Grube widersprach den Bedenken aus dem politischen Raum, die Bahn erhöhe mit der Übernahme ihren Schuldenberg. Vergangenes Jahr sei als Ziel für ein 1:1-Verhältnis zwischen Eigenkapital und Schulden das Jahr 2014 ausgegeben worden. Das Verhältnis von damals 15,9 Milliarden Euro Schulden zu 12 Milliarden Eigenkapital habe sich bereits auf 15 zu 13,2 Milliarden gebessert. „Ohne den Zukauf hätten wir schon 2011 das Ziel erreicht; so wird es 2013, immer noch früher als im Plan“, rechnete Grube vor.

          Die Übernahme von Arriva werde nicht dazu führen, dass die Investitionen der Deutschen Bahn in Deutschland vernachlässigt würden, versicherte Grube außerdem. Das jährliche Investitionsbudget solle in Deutschland bei 8 Milliarden Euro und mehr liegen. Insgesamt plane die Deutsche Bahn AG „in den nächsten Jahren Investitionen von 41 Milliarden Euro“, sagte Grube.

          Der Bahn-Aufsichtsratsvorsitzende Utz-Hellmuth Felcht erklärte, dass Deutschland weiter der Kernmarkt für den Konzern bleibe. „Für die deutschen Kunden wird es dadurch keinerlei Einschränkungen oder Abstriche geben.“

          Die Marke Arriva solle vorerst erhalten bleiben, sicherte Grube zu. Ebenfalls seien bei den Wirtschaftlichkeitsberechnungen „keine Synergieefekte unterstellt“ worden. Vielmehr setze man auf die Motivation der Arriva-Mitarbeiter und ihr Know-how im europäischen Wettbewerb. „Weil manche tolle Braut nur einmal im Leben vorbeikommt“, sagte der Bahnchef, habe man die Gelegenheit jetzt ergreifen müssen. Arriva-Chef David Martin nahm den Ball auf und entgegnete, er habe schon viel erlebt, sei aber noch nie als „das Mädchen der Träume“ eines anderen Mannes bezeichnet worden. Sein Vorstand habe dennoch das Angebot einstimmig akzeptiert und werde den Aufsichtsgremien die Annahme empfehlen.

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