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Arcandor : Mit Quelle entsteht ein neuer Krisenherd

Viel wurde über das Schicksal von Karstadt spekuliert. Doch auch für Quelle sieht es richtig düster aus Bild: ddp

Bisher war der Blick auf die Karstadt-Warenhäuser gerichtet. Nun rücken die Probleme bei Quelle in den Vordergrund der Arcandor-Krise. Es geht um Tausende von Arbeitsplätzen. Der Betriebsrat beschwerte sich: „Wir haben keine Abwrackprämie bekommen.“

          Horst Seehofer, CSU-Parteivorsitzender und Minsisterpräsident von Bayern, hat am Montag unmissverständlich darauf hingewiesen, dass der Freistaat von einer Arcandor-Pleite mit am stärksten betroffen sein könnte. Erst relativ spät ist aufgefallen, dass nicht nur in Essen und an allen Karstadt-Standorten in Deutschland Ungemach droht: Mit dem in Fürth ansässigen Versandhaus Quelle droht ein neuer Problemfall in Franken. Dort sind die meisten der insgesamt 15.600 Mitarbeiter der Arcandor-Versandhandelsgruppe Primondo beschäftigt, deren Kern Quelle neben den Karstadt-Warenhäusern zum zweiten großen Sorgenkind reift.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Entsetzt reagierte nun auch der Quelle-Betriebsrat auf erste Informationen über eine Ablehnung des Rettungskredites für Arcandor. „Es ist eine Katastrophe, was da abläuft“, sagte der Gesamtbetriebsratschef Ernst Sindel am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Zigtausende Existenzen stünden auf dem Spiel. „Wir fühlen uns als Opfer.“ Die Politik mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Spitze habe sich überhaupt nicht die Mühe gemacht, sich die Situation bei Arcandor (früher Karstadt-Quelle) genau anzuschauen, kritisierte Sindel. „Anders als die Industrie hat der Handel keine Lobby“, sagte er mit Blick auf die Hilfen für Opel. „Wir haben keine Abwrackprämie bekommen.“ Stattdessen exekutiere die Politik gnadenlos ein Exempel.

          Schon Ende vergangener Woche hatte sich Seehofer mit Gewerkschaftern sowie Betriebsräten von Karstadt wie auch Quelle getroffen. Mit Nachdruck forderten damals alle Seiten, dass die beantragte Rettungsbeihilfe des Bundes bewilligt werden möge. Dadurch könnten Arbeitsplätze in den „arbeitsmarktpolitisch schwierigen Gebieten Frankens“ gesichert werden. Dies ist nun aber in weite Ferne gerückt. Mit Quelle könnte ein weiterer Krisenherd in Franken entstehen – neben der Herzogenauracher Autozuliefergruppe Schaeffler und dem insolventen Porzellanhersteller Rosenthal aus Selb.

          Eine Lösung ist nicht in Sicht

          Quelle sei ein riesiges Problem, wird hinter vorgehaltener Hand in Unternehmenskreisen gesagt. Für den Versender – einen der führenden in Deutschland neben Otto und Neckermann – zeichne sich keine Lösung ab; schon gar nicht für das Versandhausgeschäft in Deutschland. Mit Blick auf die Wachstumsperspektiven in Osteuropa und in Russland sei vielleicht ein Verkauf der Auslandsaktivitäten vorstellbar. Osteuropa und Russland sind erklärte Wachstumsregionen, wo Quelle besser vorankommt als in den etablierten Märkten Deutschland oder Österreich. Aber auch das ist keine leichte Nummer, da Osteuropa derzeit in einer Konsumkrise steckt, selbst wenn für das nächste Jahr eine Erholung erwartet wird.

          Damit gerät die Arcandor-Sparte Versandhandel unter dem Kunstnamen Primondo in ernste Nöte. Quelle stellt mit einem Anteil von zwei Dritteln am Jahresumsatz von zuletzt genannten rund 4,3 Milliarden Euro die mit Abstand größte Säule dar und ist maßgeblicher Verursacher für den Verlust vor Zinsen und Steuern von 77 Millionen Euro.

          Zerschlagung steht an

          Für die in der Primondo ebenfalls untergebrachten 13 Spezialversender könnten sich nach Ansicht von Branchenbeobachtern indes Kaufinteressenten finden. So gilt es als weniger problematisch, auf spezielle Käufergruppen ausgerichtete Versender wie Hessnatur, Baby-Walz, Walz-Kiddz oder Planet-Sports loszuschlagen. Ebenso könnte es Interesse am Fernsehverkaufskanal HSE 24 geben. Um eine mehr oder minder starke Zerschlagung kommt die Arcandor-Sparte nicht umhin. Das vom Wirtschaftsprüfer Pricewaterhouse Coopers (PwC) erstellte Gutachten hat schon Bereiche definiert, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören. Dazu gehört etwa Foto Quelle. Abgestoßen werden sollten aber auch die defizitären Geschäftsbereiche Quelle Shops und der SB-Außendienst.

          Für den verbleibenden größeren Teil unter dem Arbeitstitel „Primondo Core“ mit einem Umsatz von rund 3,7 Milliarden Euro sehen die Experten auf Dauer eine Lösung nur unter einer wesentlichen Annahme: Es gelingt, das Katalog-Geschäft auf den Online-Handel zu verschieben. Doch genau darin liegt das Problem, das Quelles Existenz bedroht. Der Anteil des Online-Geschäftes im Versandhandel von Quelle erreichte 2008 rund 26 Prozent. Er soll in den nächsten vier Jahren aber auf mehr als 60 Prozent gesteigert werden.

          Amazon und Ebay bestimmen die Regeln im Versandgeschäft

          Doch muss Quelle nicht nur aus einer extrem geschwächten Position heraus in die Offensive gehen, sondern trifft auch auf ein zunehmend feindliches Umfeld, das Finanzkraft erfordert. Zwar steht Quelle nach dem PWC-Gutachten im Internet-Versand auf Platz drei in Deutschland, noch vor Otto und Neckermann, die nur noch zu 49 Prozent zu Primondo gehört. Doch die eigentlichen Internetanbieter Amazon und Ebay bestimmen angesichts ihrer Dominanz mittlerweile die Regeln im Versandgeschäft.

          Damit nicht genug: Immer mehr stationäre Einzelhandelsketten vertreiben ihre Produkte zunehmend online. Dazu gehört der Weltbild-Verlag ebenso wie Tchibo oder Esprit. Primondo, insbesondere Quelle, gerät an vielen Stellen zwischen die Fronten. Denn es fällt dem Unternehmen wie Karstadt schwer, sich klar zu profilieren; vor allem in den gesättigten Märkten Deutschland, Österreich und Schweiz.

          Nach dem von der Unternehmensberatung KPMG vorgelegten Sanierungskonzept sollen im ersten Halbjahr des Geschäftsjahrs 2008/09 die Umsätze im Online-Versand um 29 Prozent über dem Vorjahreswert und um 8 Prozent über dem Planwert gelegen haben. Sie konnten aber die Einbrüche im Kataloggeschäft von Quelle Deutschland bei weitem nicht auffangen.

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