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Arcandor-Insolvenz : Der bekannteste Häftling Deutschlands

Thomas Middelhoff, gefolgt von seinem Anwalt beim Prozessauftakt in Essen Bild: dpa

Thomas Middelhoff steht mal wieder vor Gericht, es geht um Anstiftung zur Untreue. Doch egal wie das Urteil ausgeht – der einstige Topmanager wird noch eine Weile in Haft bleiben.

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          Alles ist gedrängt im Sitzungssaal N001 am Landgericht in Essen. Neben den Staatsanwälten passt noch ein Tisch für die Sanitäter mit ihrem Rettungskoffer samt Defibrillator. Ihre Anwesenheit sei notwendig, erklärt Richter Edgar Loch zu Beginn der Verhandlung, weil es bei dem ein oder anderen Angeklagten ernste gesundheitliche Probleme gebe. Gestützt werden müssen die einstigen Aufsichtsräte des insolventen Handelskonzern auf dem Weg zur Anklagebank nicht: Friedrich Carl Janssen, ehemals persönlich haftender Gesellschafter der Bank Sal. Oppenheim und Chefaufseher bei Arcandor, der einstige Rewe-Chef Hans Reischl und Leo Herl, Ehemann der früheren Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz, nehmen wie drei weitere Angeklagte Platz.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Thomas Middelhoff, einst Vorstandschef des Konzerns und derzeit wohl bekanntester Häftling Deutschlands, kommt als Letzter. Im Maßanzug, eine Ledertasche lässig über die Schulter geworfen, durchschreitet er mit schnellen Schritten den Saal. Ein kurzer, freundlicher Plausch mit Reischl, dann verzieht sich Middelhoff in die äußerste Ecke der langen Anklagebank, weit weg von der Staatsanwaltschaft. Derzeit verbüßt Middelhoff eine dreijährige Haftstrafe, zu der er 2014 wegen Veruntreuung von Arcandor-Vermögen und Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Es ist einer der ersten Auftritte nach dem Bekanntwerden seiner schweren Autoimmunerkrankung und der zerbrochenen Ehe mit Frau Cornelie. Wo er wohne, will das Gericht von ihm wissen: „Das Gefängnis in Bielefeld“. Und sein Familienstand? „Verheiratet, zur Zeit in Scheidung lebend“, antwortet er knapp.

          Auch wenn alle neugierigen Blicke auf den einstigen Topmanager gerichtet sind, ist er nur eine Randfigur im Prozess. Im Zentrum der Untreuevorwürfe stehen Janssen und die anderen Aufseher. Sie sollen zum Jahresende 2008 fragwürdige Boni und Sonderzahlungen in Höhe von 3,8 Millionen Euro an Middelhoff und seinen Ko-Vorstand Peter Diesch bewilligt und ausgezahlt haben – trotz der desaströsen Lage der Arcandor-Holding. Knapp neun Monate später folgte der Insolvenzantrag. Middelhoff soll laut Staatsanwaltschaft Janssen zur Überweisung von rund 2,3 Millionen Euro ermuntert haben. Nach dem Gesetz wäre das eine Anstiftung.

          Seine Anwältin Anne Wehnert weist den Vorwurf entschieden zurück. Ihr Mandant habe mit Janssen über einen Bonus verhandelt. Daraus aber eine Anstiftung zur Untreue zu konstruieren, sei nicht haltbar, sagt sie. Auch Janssens Anwälte kritisieren die Anklageschrift: Die sei doch nur noch ein Fragment der ursprünglich Ende 2015 erhobenen Anklage; diese sei schon vom Landgericht Essen sowie vom Oberlandesgericht Hamm „in weiten Teilen zerpflückt“ worden.

          Ursprünglich wollten die Staatsanwälte 15 Personen vor Gericht bringen, sie scheiterten aber mit ihrer Beschwerde gegen die Nichtzulassung der erweiterten Anklage. Ulrich Leimenstoll, Janssens Strafverteidiger sagt, dass entgegen der These der Staatsanwaltschaft alle Bonuszahlungen auf einer „wirksamen vertraglichen Grundlage“ beruhen. Bis das geklärt ist, muss Middelhoff einige Male vom 150 Kilometer entfernten Bielefeld anreisen. Bis Jahresende hat Richter Loch 34 Verhandlungstage angesetzt.

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