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Arcandor : Die Insolvenz wäre nicht das Ende

  • -Aktualisiert am

Rund 50.000 Arbeitsplätze sind vor allem bei Karstadt und Quelle bedroht Bild: ddp

Für den angeschlagenen Arcandor-Konzern wird es eng. Sollte er tatsächlich Insolvenz anmelden müssen, bedeutet das aber nicht das Aus für alle Mitarbeiter. Interessenten für Teile des Konzerns wären wohl schnell zur Stelle.

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          Ohne Staatsbürgschaft gibt es keine neuen Kredite der Banken. Und ohne neuen Finanzierungsrahmen drohen die Insolvenz und das Aus für Arcandor. Diese Sequenz trägt der Arcandor-Vorstandsvorsitzende Karl-Gerhard Eick seit einigen Wochen fast gebetsmühlenartig vor. Sollte er in den nächsten Tagen in Berlin tatsächlich die Rote Karte erhalten und ihm die Bürgschaft verwehrt bleiben, dürfte der Gang zum Amtsgericht wohl schon sehr zeitnah folgen. Das würde mehr als 50.000 Arbeitsplätze gefährden und möglicherweise die Verödung vieler Innenstädte nach sich ziehen, hat Eick schon ein düsteres Bild gemalt. Allein während der Zeit des Insolvenzverfahrens fielen nach seiner Rechnung für den Staat Kosten von mindestens 1 Milliarde Euro an, nämlich durch den Verlust von Steuereinnahmen, Sozialabgaben und durch die Weiterzahlung der Löhne durch die Bundesagentur für Arbeit.

          Theoretisch kann Eick jedoch noch immer einen weiteren Rettungsversuch starten und sogenannte Rettungsbeihilfen oder Umstrukturierungsbeihilfen beantragen. Das hätte aber erhebliche Einschnitte in das Konzerngefüge zur Folge, was Eick offenbar derzeit keinesfalls will. Denn die Europäische Kommission macht in solchen Fällen empfindliche Auflagen. So müssten die Geschäfte um rund 30 Prozent zurückgeschnitten werden. Auch Anteilseigner und Banken hätten einen erheblichen Eigenbeitrag zu leisten.

          Nicht einmal die Altschulden gedeckt

          Sollte der Handels- und Touristik-Konzern tatsächlich in die Insolvenz gehen, drohte vielleicht das Aus für die neue Marke Arcandor. Aber längst nicht alle Mitarbeiter stünden auf der Straße. Wahrscheinlich stünde am Ende eines Insolvenzverfahrens das in den vergangenen Jahren wiederholt gezeichnete Zerschlagungsszenario. Das Gros der einzelnen Tochtergesellschaften dürfte unter die Dächer neuer Eigentümer schlüpfen.

          Der Arcandor-Konzern hofft auf eine Staatsbürgschaft
          Der Arcandor-Konzern hofft auf eine Staatsbürgschaft : Bild: AP

          In den Strudel der Insolvenz des Mutterkonzerns gerieten umgehend die beiden hundertprozentigen Tochtergesellschaften Karstadt mit ihren fast 90 Warenhäusern und 27 Sporthäusern sowie die Versandhandelsgruppe Primondo mit der traditionsreichen Marke Quelle. In diesen beiden Gesellschaften sind jene rund 50.000 Mitarbeiter beschäftigt, mit deren Zukunft Eick argumentiert. Weniger tangiert wäre dagegen der Touristik-Konzern Thomas Cook, an dem Arcandor etwas mehr als 50 Prozent hält. Thomas Cook steht für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes von Arcandor, ist an der Londoner Börse gelistet und arbeitet operativ eigenständig. Müsste diese Beteiligung, die an der Börse mit etwas mehr als 1 Milliarde Euro bewertet wird und bei den Hausbanken Bayern LB, RBS und Commerzbank verpfändet ist, unter Druck verwertet werden, könnten eigenen Aussagen zufolge aus dem Erlös nicht einmal die Altschulden gedeckt werden.

          Den letzten Rest des Tafelsilbers verscherbelt

          Die seit Jahren unprofitablen, mit hohen Verlusten kämpfenden Karstadt-Häuser sind das Hauptproblem des Konzerns. Denn sie sorgen seit langem für einen erheblichen Mittelabfluss. Doch müsste eine der Arcandor-Insolvenz folgende Karstadt-Pleite nicht unweigerlich zur Schließung der vielen höchst heterogenen Filialen führen. Der Vorstandsvorsitzende des konkurrierenden Metro-Konzerns, Eckhard Cordes, wirbt seit geraumer Zeit für eine Deutsche Warenhaus AG aus Karstadt und Kaufhof. Sie würde nach internen Metro-Papieren angeblich 30 Karstadt-Filialen und zehn Kaufhof-Filialen sowie 5000 Vollzeitarbeitsplätze, davon 4000 bei Karstadt, kosten. Doch auch das hätte nach vielen vorausgegangenen Pleiten im Einzelhandel, darunter die von Hertie, verheerende Auswirkungen auf viele Innenstädte, wie der Handelsverband BAG fürchtet.

          Könnte Cordes die zu seiner Kaufhof-Gruppe passenden Karstadt-Filialen aus der Insolvenz übernehmen, könnte er die neue Kaufhaus-Gruppe wegen der dann nicht mehr mitzuschleppenden Altlasten möglicherweise sogar aus eigener Kraft und ohne Partner aus der Immobilien- und Bankenwelt schmieden. Ein Insolvenzverwalter hat nämlich einen Instrumentenkasten zur Verfügung, auf den das Management nicht zugreifen kann: Neben dem dreimonatigen Insolvenzgeld, das nicht mehr vom Unternehmen erarbeitet werden muss, sondern aus öffentlichen Kassen fließt, gibt es vor allem sehr viel leichtere Kündigungsrechte. Das gilt vor allem für Miet- und Arbeitsverträge, aber auch für Verträge mit den Lieferanten. Zudem besteht nach der Insolvenzordnung ein Kündigungsverbot für die Vermieter. Im Branchenvergleich überdurchschnittlich hohe Mieten sind eines der Hauptprobleme von Karstadt, seit Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff mit den Immobilien den letzten Rest des früheren Tafelsilbers verscherbelt hat.

          Die Bank ist ohnehin Mitglied des Einlagensicherungsfonds

          Bei Primondo bliebe vermutlich lediglich das Gemeinschaftsunternehmen TriStyle zunächst außen vor. An der Gesellschaft, zu der die Spezialversender Madeleine, Goldener Schnitt oder Peter Hahn gehören, ist der Konzern nämlich nur zu 50 Prozent beteiligt. Der Primondo-Gruppe - zu der neben dem Universalversand von Quelle auch Spezialversender wie Hess Natur oder Baby Walz sowie der Home-Shopping-Sender HSE24 gehören - werden von Branchenbeobachtern noch die größten Chancen für eine eigenständige Zukunft nach der Insolvenz eingeräumt. Zwar erwirtschaftet sie noch keine nachhaltigen Gewinne, aber sie hat operativ die Wende geschafft. Angeblich gibt es aber schon Interessenten zumindest für einige der Spezialversender, darunter der Hamburger Otto-Versand.

          Von Tochterunternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche hat sich Arcandor im Frühjahr getrennt. Die Karstadt-Quelle-Versicherungen sind an den langjährigen Partner Ergo gegangen. Die Karstadt-Quelle-Bank, Deutschlands größter Mastercard-Emittent, steht seit April unter dem Dach der Valovis Bank, die wiederum voll dem Karstadt-Quelle- Mitarbeitertrust gehört. Die Bank ist ohnehin Mitglied des Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken.

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