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Jony Ive : Abschied des Apple-Ästheten

Apple-Chef Tim Cook und Chefdesigner Jony Ive Bild: AP

Apples Designchef Jony Ive war ein Günstling von Steve Jobs. Er spielte eine große Rolle bei der Entwicklung von Geräten wie dem iPhone und iMac. Jetzt geht er – und bleibt dem Unternehmen doch erhalten.

          Es ist das Ende einer Ära: Designchef Jonathan „Jony“ Ive wird den Elektronikkonzern Apple verlassen. Neben dem 2011 verstorbenen Mitgründer Steve Jobs und dem heutigen Vorstandschef Tim Cook war Ive in den vergangenen Jahrzehnten eine der prominentesten Figuren von Apple. Er kam 1992 zum Unternehmen und wurde zu einem Günstling von Jobs. Er spielte eine maßgebliche Rolle in der Entwicklung von Erfolgsprodukten wie dem iPhone-Handy, dem iMac-Computer oder dem digitalen Musikspieler iPod.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In der Designszene gilt der gebürtige Brite als Superstar, 2012 wurde er von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen. Wie Apple am Donnerstag mitteilte, wird er das Unternehmen im Laufe des Jahres verlassen und eine eigene Designfirma gründen. Es soll allerdings eine starke Verbindung zu seinem früheren Arbeitgeber bestehen bleiben, denn Apple will nach eigenen Angaben einer von Ives „Hauptkunden“ werden und bei einer „Reihe von Projekten“ mit ihm zusammenarbeiten. Der „Financial Times“ sagte Ive, sein Unternehmen solle „Love From“ heißen, und er wolle hier weiter „sehr involviert“ bei Apple sein, „ich hoffe für viele, viele Jahre“.

          Ive sah „Zeit für Veränderung“

          Die Nachricht von Ives Abschied kommt nicht ganz aus dem Nirgendwo, denn über seine Rolle im Unternehmen wird schon seit einiger Zeit spekuliert. 2015 änderte Apple seinen Titel und machte ihn zum „Chief Design Officer“, womit er die direkte Führung der Designteams abgab und eine übergeordnete Rolle bekam. Er sagte damals, dies erlaube es ihm, sich ein Stück weit von täglichen Verwaltungs- und Managementaufgaben zu lösen. Es schürte aber auch Spekulationen, ob er amtsmüde sein könnte. 2017 übernahm er seine früheren Rollen aber wieder.

          Ansonsten war er in den vergangenen Jahren eng in den Bau des „Apple Park“ eingebunden, der riesigen und futuristisch aussehenden neuen Unternehmenszentrale im kalifornischen Cupertino. Das Gebäude wurde 2017 eröffnet, aber erst vor wenigen Wochen gab es eine offizielle Eröffnungsfeier, bei der Lady Gaga auftrat. In dem Zeitungsinterview sagte Ive jetzt, er finde, nun sei „eine natürliche Zeit“ für eine Veränderung gekommen. Er habe das Gefühl, er habe einige wichtige Projekte wie den Apple Park vollendet.

          Der 52 Jahre alte Ive wird bei Apple offenbar nicht direkt ersetzt. Vielmehr sollen die bisherigen Chefs der Designteams für Hardware und für Software künftig an Jeff Williams berichten, den für das Tagesgeschäft verantwortlichen Chief Operating Officer. Williams soll künftig mehr Zeit im Designstudio verbringen.

          Neue Schwerpunkte 

          In einer Biografie, die wenige Wochen nach seinem Tod erschien, wird Steve Jobs mit den Worten zitiert: „Wenn ich einen spirituellen Partner bei Apple hätte, dann ist es Jony.“ Er habe die Dinge im Unternehmen so eingerichtet, dass niemand Ive sagen könne, was er zu tun habe. Auch Jobs‘ Witwe Laurene Powell Jobs erzählte in dem Buch von Ives Sonderstatus, auch auf persönlicher Ebene: „Er kam oft bei uns zu Hause vorbei, und unsere Familien haben sich angefreundet. Steve ist ihm gegenüber nie mit Absicht verletzend. Die meisten Leute im Leben von Steve sind ersetzbar – aber nicht Jony.“

          Als Ive 1992 zu Apple kam, war Jobs gar nicht im Unternehmen. Der Mitgründer war einige Jahre zuvor hinausgedrängt worden. Ive wurde nach vier Jahren zum Chefdesigner, war aber trotzdem nicht sonderlich zufrieden. Apple steckte zu der Zeit in großen Schwierigkeiten, und Design spielte eine untergeordnete Rolle. Das änderte sich 1997, als Jobs zurückkehrte und den Anspruch erhob, Design wieder zur obersten Priorität zu machen. Zuerst wollte er einen Kreativchef von außen holen, bis er dann aber auf Ive aufmerksam wurde.

          Schon im nächsten Jahr gelang dem Gespann aus Ive und Jobs ein Paukenschlag mit dem iMac-Computer, der mit seinem halbdurchsichtigen Plastikgehäuse zu einer Sensation wurde. Es folgte eine ganze Serie von Produkten, die Maßstäbe im Design setzten. Und den besonderen Designanspruch von Apple vertrat Ive auch lange nach Jobs‘ Tod. Zum Beispiel in den von ihn moderierten Kurzvideos, die oft bei Produktpräsentationen von Apple zu sehen sind und in denen er mit getragener Stimme und in blumigen Worten die neuen Geräte beschreibt. Viele finden diese Videos prätentiös oder auch unfreiwillig komisch, aber sie zementierten Ives Ruf als Designpapst.

          Dass Apple nun seinen Vorzeige-Ästheten verliert, wirft ein weiteres Mal den Blick auf eine Frage, die das Unternehmen seit dem Tod von Jobs verfolgt: Ist der Konzern noch in der Lage, bahnbrechende neue Produkte zu entwickeln? Er ist bis heute enorm vom iPhone abhängig, das auf die Jobs-Ära zurückdatiert und noch immer für mehr als die Hälfte des Umsatzes steht. Das Geschäft mit dem Gerät hat sich zuletzt aber erheblich abgeschwächt, und das bremst den ganzen Konzern.

          Denn Apple hat zwar in den vergangenen Jahren einige erfolgreiche Produkte wie die Digitaluhr Apple Watch und die kabellosen Airpod-Kopfhörer herausgebracht, aber keines von ihnen hat auch nur annähernd einen Schub für das Geschäft gebracht wie einst das iPhone. Dafür setzt das Unternehmen nun mehr und mehr auf Geschäfte jenseits von Hardware, also zum Beispiel Dienstleistungen wie den App Store, die Musikplattform Apple Music und das Videoangebot Apple TV+, das mit Netflix konkurrieren soll. Und dieser neue Schwerpunkt ist nicht die traditionelle Kernkompetenz von Jony Ive. 

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