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Kommentar : Apples schöner Schein

  • -Aktualisiert am

Das Iphone 6 ist immer noch beliebt. Aber wann kommt das nächste große Ding? Bild: Reuters

Allein das iPhone bringt mehr Umsatz als Google und Facebook zusammen. Der Börsenwert nähert sich der Billionenmarke. Aber Wow-Momente sind selten geworden.

          Ungläubige Thomasse, so nannte Tim Cook kürzlich Skeptiker, die meinen, der von ihm geführte Elektronikkonzern Apple habe nicht mehr die Innovationskraft früherer Tage. Mit solcherlei Kritik sieht sich der Manager konfrontiert, seit er vor mehr als sechs Jahren das Ruder vom legendären Mitgründer Steve Jobs übernommen hat. In dessen Ära entstanden bahnbrechende Produkte wie der Musikspieler iPod, das iPhone-Handy und der Tabletcomputer iPad. Vergleichbare große Würfe gelangen Cook bislang tatsächlich nicht. Und doch zeigt sich der heutige Apple-Chef demonstrativ gelassen und beteuert, er schenke Zweiflern wenig Beachtung.

          Die reinen Zahlen sprechen für ihn. Apple hat gerade ein Geschäftsjahr mit einem sagenhaften Nettogewinn von fast 50 Milliarden Dollar abgeschlossen. Allein das iPhone brachte mehr Umsatz, als die Internetholding Alphabet und das soziale Netzwerk Facebook zuletzt kombiniert erreichten. Apples Börsenwert stieg jetzt erstmals auf mehr als 900 Milliarden Dollar, die Billionenmarke scheint in Reichweite. Fast zwei Drittel seiner heutigen Marktkapitalisierung hat der Konzern seit Cooks Antritt hinzugewonnen – wahrlich keine schlechte Bilanz.

          Kaum Wow-Momente bei neuen Produkten

          Apple ist weiterhin eine Erfolgsgeschichte. Es ist aber eine andere als zu Zeiten von Steve Jobs. Wenn Cook darauf besteht, Apple sei heute so innovativ wie eh und je, vermittelt er ein verzerrtes Bild. Das Rezept des Konzerns bestand in den vergangenen Jahren vor allem darin, Bestehendes immer noch ein Stück besser zu machen, anstatt neue Türen aufzustoßen, wie so oft unter Jobs.

          Wirtschaftlich geht die Rechnung voll auf, und das ist auch nicht ehrenrührig. Es verträgt sich aber nicht mit dem nach außen getragenen Selbstverständnis des Silicon-Valley-Giganten. Die von Jobs kultivierte Hybris ist Apple bis heute eigen, nur ist sie immer schwerer zu rechtfertigen. Das Unternehmen vermittelt gerne den Eindruck, es zünde ein Innovationsfeuerwerk nach dem anderen, selbst maßvolle Weiterentwicklungen werden als revolutionär angepriesen. Es hat mittlerweile eine unfreiwillige Komik, wie dick Apples Designchef Jonathan Ive in den Videos aufträgt, die der Konzern bei der Vorstellung neuer Geräte zeigt. Er tut so, als sei jedes Produktdetail eine Offenbarung.

          Nach wie vor sind die Produkte des Unternehmens großartig. Was von Apple kommt, ist üblicherweise hochwertig, sieht gut aus und funktioniert fast reibungslos. Dass der Konzern für seine Geräte sowohl Hardware als auch die Software entwickelt, hilft ihm, Dinge aus einem Guss zu liefern. Aber wann hat er zum letzten Mal Maßstäbe gesetzt, wie er es einst mit dem ersten iPhone tat? Die Wow-Momente sind selten geworden. Das gerade eingeführte vermeintliche Superhandy iPhone X mag dem so nahegekommen sein wie schon lange keine Neuheit mehr, und es ist gewiss ein erstklassiges Gerät. Aber es ist reichlich hoch gegriffen, wenn Apple behauptet, es sei wegweisend für die nächsten zehn Jahre.

          Eine gut geölte Maschine

          Apples Pionierleistung bestand auch zu Zeiten von Jobs nicht immer darin, mit einer Neuheit der Erste zu sein. Aber das Unternehmen schaffte es, mit überlegenen Produkten alles bisher Dagewesene in den Schatten zu stellen und damit Kategorien ganz neu zu definieren. Das iPhone war nicht das erste Smartphone, aber irgendwie erscheint es aus heutiger Sicht so, denn es ließ sich so viel einfacher und eleganter bedienen als alles, was es vorher gab. Dies brachte den Geräten den Durchbruch in der breiten Masse. Inzwischen kommt es vor, dass Apple von anderen überholt wird. Mit seiner Software Siri etwa war der Konzern ein früher Anbieter von Assistenzprogrammen. Aber während er sich noch Spott zuzog, weil Siri oft nicht weiterhelfen konnte, war es der Online-Händler Amazon, der ein integriertes System mit dem Echo-Lautsprecher und der Software Alexa herausbrachte und damit diese digitalen Helfer zu einem der aussichtsreichsten neuen Märkte der Branche machte.

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          Und während nach der Erfolgsserie mit iPod, iPhone und iPad noch spekuliert wurde, ob Apple als Nächstes auch den Fernseh- oder den Automarkt aufmischen würde, hat es heute den Anschein, als seien die Ambitionen des Unternehmens auf diesen Gebieten bescheidener. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, die kreativsten Köpfe von Apple säßen derzeit in der Steuerabteilung. Die „Paradise Papers“ warfen zum wiederholten Mal ein Licht auf die Steuerkniffe des Konzerns.

          Apple ist heute eine gut geölte Maschine, nicht mehr und auch nicht weniger. Der Konzern wird weiter Abermillionen Geräte verkaufen und muss dazu nicht einmal die Menschen mit jeder Neuheit vom Stuhl reißen. Viele Kunden sind der Marke allein deshalb treu, weil sie gut mit ihr gefahren sind und es bequem ist, im Ökosystem aus Apple-Geräten und damit verbundenen Diensten zu bleiben. Zumindest solange Smartphones ihre herausragende Rolle im Leben von Menschen behalten, dürfte kein Anlass bestehen, sich um Apple Sorgen zu machen. Wenn sich das einmal ändert, könnte sich aber die heutige Abhängigkeit des Konzerns vom iPhone rächen. Dann würde es nicht mehr reichen, die Früchte vergangener Arbeit zu ernten.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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