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Apotheken : Ohne uns essen die Leute Aspirin wie Bonbons

„Sie kennen sich aus mit der Dosierung?” Bild: AP

Die Apotheker kämpfen für ihre Privilegien. Versandhandel und Drogerien machen ihnen das Leben schwer. Sie sehen sich als Heilberufler, nicht als Kaufleute. Was stimmt? Beobachtungen in einer Berliner Apotheke. Von Carsten Germis.

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          Morgens, kurz nach halb neun, kommt die erste Kundin. Die junge Frau hat es eilig. „Einmal Aspirin“, sagt sie und wedelt nervös mit dem Zehn-Euro-Schein, den sie schon aus ihrer Geldbörse gezogen hat. „Sie kennen sich aus mit der Dosierung?“, fragt Katrin Strauss, die als pharmazeutisch-technische Assistentin in der Otto-Apotheke im Berliner Stadtteil Moabit arbeitet. „Nicht mehr als...“ Die Kundin streicht gereizt ihre schwarzen Haare von der Stirn und unterbricht Katrin Strauss. „Ich weiß“, sagt sie und steckt die Packung Aspirin in ihre Handtasche. „Ich hab's eilig.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Rainer Bienfait beobachtet die Szene aus dem Nachbarraum. Bienfait ist Apotheker und Besitzer der Otto-Apotheke. Und er ist Vorsitzender des Berliner Apotheker-Vereins. Seit Jahren stemmt er sich mit seinen Standesgenossen gegen mehr Markt bei der Arzneimittelversorgung. In den vergangenen Jahren hat die Politik mit jeder Gesundheitsreform immer wieder versucht, Löcher in die Schutzmauern um die deutschen Apotheken zu reißen - und immer wieder scheiterten sie am gut organisierten Heer der Verteidiger.

          Eine Ware besonderer Art

          Rezeptfreie Medikamente wie Aspirin in Drogeriemärkten, Apothekenketten im Besitz von Kapitalgesellschaften: Bienfait sieht dadurch nicht nur die Privilegien der Apotheken bedroht, er befürchtet eine Verdrängung der mittelständischen Apotheken und damit ein Ende der Beratung der Patienten.

          Katrin Strauss kontrolliert die Lagerbestände

          „Wollen Sie Verhältnisse haben wie in Amerika?“, fragt Bienfait und schüttelt den Kopf. „Arzneimittel sind kein banales Konsumgut, sondern eine Ware besonderer Art.“ Der Apotheker zitiert dann lang aktuelle Untersuchungen aus Amerika, wo viele Arzneimittel wie Lebensmittel in den Selbstbedienungsregalen der Supermärkte vermarktet werden. „Die Leute essen Aspirin wie Bonbons“, sagt er und warnt vor massenweisem Missbrauch von Arzneimitteln.

          Deutscher Sonderweg

          Noch sind die Schutzzäune um die deutschen Apotheken stark. Ein Apotheker muss Pharmazie studiert haben, wenn er die staatliche Zulassung bekommen will. Und er darf höchstens vier Apotheken besitzen. Doch der Druck aus der EU wächst, diese Schutzmauern zu schleifen. Zwar arbeitet die Bundesregierung in Brüssel hart daran, den deutschen Sonderweg zu erhalten, doch der Internethandel mit Medikamenten ist schon möglich. Auch Pläne für Apothekenketten gibt es bereits, wie der Kauf der DocMorris-Kette durch den Pharmagroßhändler Celesio zeigt.

          „Dann sind wir nicht mehr Apotheker, sondern Kaufleute“, warnt Bienfait. Er sieht seine Zunft wie die Ärzte aber als Heilberufler, die dem Wohl der Patienten verpflichtet sind und nicht allein dem schnöden Mammon. „Nur wenn Apotheker und Kunde sich auf Augenhöhe begegnen, ist gute Beratung möglich.“

          Stammkunden fragen mehr

          In der Otto-Apotheke wird Beratung tatsächlich großgeschrieben. „Es wird aber selten nachgefragt“, berichtet Gülsen Öztas, eine der drei Mitarbeiterinnen in der Otto-Apotheke. „Das Angebot muss ich von mir aus machen.“ Die aus der Türkei stammende Frau fragt deswegen jeden Kunden, ob er Beratung wünscht. Schließlich sei sie keine Bonbonverkäuferin, die nur einfach bunte Pillen über die Ladentheke schiebt. Als eher mittelgroße Apotheke in einem Stadtteil mit großen sozialen Spannungen sind die Patienten, die in Bienfaits Apotheke kommen, zu gut 80 Prozent Stammkunden. Rezepte lösen die meisten immer noch in der Apotheke um die Ecke ein.

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