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Apotheke der Zukunft : Ein Rezept für die sterbende Landapotheke

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Was tun, wenn die letzte Apotheke im Ort schließt? Eine Gemeinde hat eine Lösung gefunden, die zum Modell werden könnte – ausgerechnet mit Hilfe vom „Lieblingsfeind“, der Versandapotheke Doc Morris.

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          Eigentlich kann Hüffenhardt sich glücklich schätzen. Natürlich, viel gibt es in dem kleinen Ort mit den hübschen Fachwerkhäusern südöstlich von Heidelberg nicht. Doch für ein Dorf mit nur 2000 Einwohnern ist die Versorgung nicht schlecht: eine Sparkasse, eine Volksbank, eine Metzgerei, eine Bäckerei, die neben Brot und Obstkuchen sogar ein wenig frisches Obst, Milch, Käse und Spülmittel verkauft – all das ist hier noch vorhanden. Vor allem aber hat Hüffenhardt noch einen Hausarzt, außerdem einen Zahn- und einen Tierarzt. So weit, so gut also – wenn, ja, wenn nur das Problem mit der Apotheke nicht wäre.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Seit rund einem Jahr steht die Brunnen Apotheke nun leer, nur das Schild mit dem roten „A“ in Frakturschrift vor dem unscheinbaren Backsteinbau lässt noch erahnen, dass Apotheker Reinhold Fuchs 30 Jahre lang den Ort mit Medikamenten versorgt hat. Im März vergangenen Jahres ging er in Rente, eigentlich hatte er schon ein Jahr vorher aufhören wollen. Doch der bei ihm angestellte junge Mann, der die Apotheke ursprünglich übernehmen wollte, sprang kurzfristig ab. Also machten sich Fuchs und Bürgermeister Walter Neff auf die Suche nach einem Nachfolger.

          Die Lösung kommt vom Lieblingsfeind

          Die Voraussetzungen waren nicht schlecht, schließlich zählten zu den Kunden auch die 1500 Einwohner des Nachbarortes, zudem gibt es in Hüffenhardt ein Pflegeheim mit 135 Plätzen. Trotzdem wollte sich niemand finden, auch eine zunächst interessierte junge Mutter sagte schließlich ab. „Vielleicht ist die Verdienstspanne nicht groß genug“, sagt Bürgermeister Neff. „Oder es liegt an den langen Arbeitszeiten, das ist mit einem kleinen Kind natürlich schwierig.“

          Jetzt aber, wo die Einwohner die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, gibt es doch noch eine Lösung. Eine, die zum Modell für andere ländliche Regionen werden könnte, den Inhabern der rund 20.000 Apotheken im Land allerdings kaum gefallen dürfte: Denn sie kommt von ihrem Lieblingsfeind, der Versandapotheke Doc Morris. „Alle reden immer von der Digitalisierung und der Telemedizin“, sagt Max Müller aus dem Vorstand der mit einem Umsatz von 350 Millionen Euro größten Versandapotheke Europas. „Die nehmen wir jetzt beim Wort.“ Über einen Zeitungsartikel war das zur Schweizer Apotheke Zur Rose gehörende Unternehmen auf die Situation in Hüffenhardt aufmerksam geworden.

          Konkret ist die Idee folgende: Doc Morris will in den Räumen der früheren Apotheke eine kleine Beratungskabine aufstellen. Per Videoschalte können die Kunden dann mit einem der von Doc Morris angestellten Apotheker sprechen, die in Heerlen in den Niederlanden sitzen. Der Apotheker soll über mögliche Nebenwirkungen aufklären, prüfen, ob es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen könnte, auch mal erklären, wie ein Asthmaspray oder eine Insulinpumpe funktioniert.

          Medikamente wie aus einem Getränkeautomaten

          Gegen Vorlage des Rezeptes kommt aus dem automatischen Warenlager das Medikament und fällt in einen Schacht – man kann sich das vorstellen wie bei einem Getränkeautomaten. Der Apotheker in Holland kann dann über eine Videokamera sehen, welche Packung in dem Schacht liegt. Nur wenn es die richtige ist, gibt er sie frei. An einem Bezahlterminal kann der Kunde mit EC- oder Kreditkarte bezahlen. Damit die Kunden auch verstehen, wie die Geräte funktionieren, will Doc Morris eigens jemanden anstellen, der ihnen vor Ort zur Seite steht.

          Klingt futuristisch? „Es wird bestimmt gewisse Anlaufschwierigkeiten geben, wie immer, wenn man etwas Neues ausprobiert“, sagt Bürgermeister Neff. Doch er ist überzeugt, dass die Idee für seinen Ort die beste Möglichkeit ist – und von den Einwohnern angenommen werden wird. Auch Doc-Morris-Vorstand Müller betont, dass es sich nicht um eine Provokation für die Apothekerschaft handle.

          Die hat so einige Aktionen der Versandapotheke als Angriff gewertet, etwa den Versuch von Doc Morris, Apothekenketten in Deutschland aufzuziehen, was der Europäische Gerichtshof untersagte. Oder die Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente, die der Bundesgerichtshof 2012 verbot. Oder den Apothekenbus, mit dem Doc Morris 2013 zeitweise durch ländliche Gebiete fuhr, um die Menschen mit Arzneimitteln zu versorgen. Gegen das Vorhaben in Hüffenhardt, ist man bei Doc Morris sicher, werden die Apotheker ebenfalls versuchen vorzugehen.

          Einsatz „nur dort, wo es Versorgungsengpässe gibt“

          Dass es Doc Morris damit ernst ist, davon musste Müller auch den Gemeinderat erst einmal überzeugen, denn der Gemeinde gehört das Gebäude. Die Mitglieder hätten ihn „ganz schön gegrillt“, sagt er. Gut vorbereitet und mit zahlreichen Zeitungsartikeln über Doc Morris gewappnet kamen sie im Juli in die Sitzung, wollten wissen, was passiere, wenn nicht genug Geld reinkomme, und ob die Medikamente aus Deutschland kämen. Auch den ortsansässigen Hausarzt versuchte Müller für die Idee zu gewinnen. „Landärzte haben oft eine besondere Bindung zu den Einwohnern“, sagt Müller. „Wenn sie die nicht auf ihrer Seite haben, brauchen sie gar nicht erst loslegen.“

          Noch wissen die Einwohner in Hüffenhardt nichts von den Plänen, im nichtöffentlichen Teil der Gemeinderatssitzung informierte Bürgermeister Neff am Mittwoch die anderen Mitglieder über den Verlauf der Gespräche. Bald soll der Mietvertrag unterzeichnet werden, schon im Sommer könnte es losgehen. All das hat Doc Morris sich einiges kosten lassen, von einer sechsstelligen Summe spricht Vorstand Müller, die Software beispielsweise hat das Unternehmen extra entwickeln lassen.

          Wenn die Idee aufgeht, könnte Doc Morris sie auch in anderen Orten anbieten – „allerdings nie in Konkurrenz zu bestehenden Apotheken, sondern nur dort, wo es Versorgungsengpässe gibt“, sagt Müller. Dabei könnte helfen, dass das baden-württembergische Wirtschaftsministerium Bürgermeister Neff zufolge überlegt, den Hüffenhardter Ansatz zum Modellprojekt zu machen.

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