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AOL und Time Warner : Eine teure Scheidung

Von AOL bleibt oft nur noch die E-Mail-Adresse zur Anmeldung bei Facebook. Im Hintergrund wird getwittert Bild: picture-alliance/ dpa

AOL und Time Warner lassen sich scheiden. Die Ehe kostete 300 Milliarden Dollar Aktionärskapital. Aber zu einem Champion des Internetzeitalters wurde der Konzern nie. Google, Twitter und Facebook haben die Zeit genutzt.

          6 Min.

          Es war ein Montag im frühen Januar des Jahres 2000. In Detroit sollte die jährliche Automesse beginnen. Doch die Schlagzeilen machten andere: Wer morgens den Wirtschaftsnachrichtender CNBC im Fernseher einschaltete, erklomm den Gipfel des Internetfiebers: Der Internetkonzern AOL kündigte an, das sehr viel größere, klassische Medienunternehmen Time Warner mit seinen eigenen, hoch bewerteten Aktien für 165 Milliarden Dollar im Einvernehmen mit dem dortigen Management zu kaufen. Es war das Geschäft der großen Zahlen: Das kombinierte Unternehmen AOL Time Warner sollte einen Börsenwert von 350 Milliarden Dollar haben. Die Aktionäre des Time-Warner-Konzerns, der AOL beim Umsatz um ein Vielfaches hinter sich ließ, würden nur 45 Prozent des neuen Konzerns bekommen. Auf den Internetaufsteiger würden 55 Prozent entfallen. Selbst bei eigentlich skeptischen Börsengeistern war die Begeisterung groß. Der Aktienkurs von AOL legte - ganz entgegen üblichen Erfahrungen mit Fusionen - zunächst sogar weiter zu. Wie schnell und nachhaltig der Aktienkurs alsbald fallen sollte, konnte damals noch niemand ahnen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Die beiden Konzernchefs waren in ihrem Überschwang nicht zu bremsen. Sie präsentierten sich zur ersten Pressekonferenz schon in ihrem Erscheinungsbild demonstrativ integrationswillig: Gerald Levin, der Vorstandsvorsitzende von Time Warner, kam mit offenem Hemd: als ob er damit Lässigkeit wie in einem Internetunternehmen ausstrahlen wollte. Der AOL-Mitgründer und Vorstandschef Steve Case gab den Konservativen und trug eine Krawatte. Case tönte, der neue Konzern könne "einen profunden positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben". Levin versprach "grenzenlose Chancen" für alle, die mit dem fusionierten Unternehmen verbunden sein werden, ob Aktionäre, Mitarbeiter oder Kunden.

          Den Vogel schoss Ted Turner ab, der Gründer des Nachrichtenkanals CNN, der damals größter Einzelaktionär von Time Warner war. Er verkündete, das Eintauschen seiner Aktien für die Kombination mit AOL habe bei ihm mindestens so viel Begeisterung ausgelöst wie viele Jahrzehnte zuvor sein erster Sex. In Deutschland knallten bei Bertelsmann in Gütersloh die Sektkorken: Für die Beteiligung in Höhe von 49 Prozent, die Bertelsmann an AOL Europe hielt, zahlten die Amerikaner den Deutschen den stolzen Preis von 7,5 Milliarden Euro. Diese Freude war nachhaltig. Denn der Betrag floss in bar - und der Erfolg dieser Wette sollte dem damaligen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff in seinem späteren Berufsleben noch manche Tür öffnen, die im Nachhinein betrachtet besser verschlossen geblieben wäre.

          Vom Eroberer zum Stiefkind

          Jenseits von Gütersloh ist von der großen Begeisterung über das AOL/Time-Warner-Geschäft sowieso nichts mehr übrig geblieben. Denn mit dem - damals in der amerikanischen Presse viel beschriebenen - offenen Hemd von Levin und der Krawatte von Case waren die Integrationsbemühungen schon an ihrem Ende angelangt. Der Eroberer AOL ist sehr bald nach dem Zusammenschluss zum Konzernstiefkind verkommen, und nach quälenden Jahren wird der Internetdienst jetzt abgestoßen.

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