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AOL kauft „Huffington Post“ : Gedopter Journalismus

Arianna Huffington Bild: dpa

Arianna Huffington wird als „Blogger-Queen“ bezeichnet. Ihre Website „The Huffington Post“ hat sie jetzt für 315 Millionen Dollar an das alteingesessene Internetunternehmen AOL verkauft. Sie hat viele Überzeugungen, nicht wenige davon sind überraschend radikal.

          Arianna Huffington kann diejenigen, die ihr zuhören oder mit ihr reden unglaublich nervös machen. Diese Feststellung gilt vor allem für Journalisten klassischer Medien. Das hat viele Gründe, davon seien zunächst diejenigen genannt, die mit dem Journalismus als solchem nichts zu tun haben: Sie redet schnell, viel zu schnell. Sie hat viele Überzeugungen, nicht wenige davon sind überraschend radikal, und möglicherweise sind es auch insgesamt zu viele. Sie erweckt nicht den Eindruck, allzu tief über das nachgedacht zu haben, was sie da gerade so sagt.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Andererseits weiß man im selben Moment, dass sie in Amerika sehr viel Erfolgreiches auf die Beine gestellt hat, und das geht ja normalerweise nicht ohne Selbstreflektion und Zielstrebigkeit. Was aber ist Zielstrebigkeit? Wo beginnt Selbstreflexion? Wer überhaupt ist dieser Wirbelwind von Frau? Und ist es möglich, dass man mit 60 Jahren noch so unglaublich aufgedreht ist?

          Fragen über Fragen. Und dann auch das noch: Huffington gilt vielen Journalisten, oder jedenfalls vielen Beobachtern der Entwicklung des Journalismus, als Vorbild. Sie wird als „Blogger-Queen“ bezeichnet. Sie hat eine rein journalistische Website, die ihren Namen trägt und erst vor knapp sechs Jahren gegründet wurde, soeben für 315 Millionen Dollar an das alteingesessene Internetunternehmen AOL verkauft.

          „The Huffington Post“ wird unter der Website „www.huffingtonpost.com“ Monat für Monat von rund 25 Millionen Menschen besucht. Das sind mehr, als sich auf die Website der „Washington Post“ oder von „USA Today“ verlieren - und das sind ja durchaus Medien mit einem guten Klang nicht nur in den Vereinigten Staaten.

          Viele Autoren sehen für ihre Arbeit kein Geld

          Die Besucher von „The Huffington Post“ suchen und finden dort einen Journalismus, der in weiten Teilen nicht dem entspricht, was in einer klassischen journalistischen Ausbildung vermittelt wird. Hier wird vor allem Meinung gemacht; die Nachricht steht im Hintergrund, und das ist noch wohlwollend formuliert. Zudem ist Huffington zwar eine eloquente Verfechterin des Qualitätsjournalismus und wirbt durchaus zu marktfähigen Konditionen Autoren etablierter Zeitungen ab. Zugleich beschäftigt sie aber Tausende Autoren, die im Internet Blogger genannt werden und für ihre Arbeit kein Geld sehen.

          Nicht zuletzt sind wohl mehr als ein Drittel des Inhalts ihrer Website nichts anderes als Verweise auf Fremdquellen, sogenannte Links. Mindestens so wichtig wie die Journalisten des Hauses sind daher die von Huffington beschäftigten Programmierer, die in den Vereinigten Staaten, aber auch in der Ukraine, in Indien, Chile, den Philippinen oder Vietnam am „Content Management System“ der Huffington Post basteln - und dafür sorgen, dass die Inhalte (der „Content“) auf dieser Website mit einer ganz besonderen Mischung aus Videos und Verschnitten verschiedenster anderer Nachrichtenquellen präsentiert werden.

          Das Unternehmen macht Gewinn

          Das alles kommt schon wie gedopt daher wird dann mit der Meinung der Huffington Post-Autoren vermischt, stets mit einem wachen Auge auf die Zahl der Besucher, die der jeweilige Text anzieht. Nachrichten von Kommentaren dürfen gerne andere trennen. Hier zählt die Zahl der Kommentare, die sich unter einem Text finden. Und das sind nicht selten mehr als 5000, mithin eine Zahl, von der klassische Medienhäuser mit ihren Internetauftritten nur träumen können.

          Im Jahr 2010 hat das Unternehmen erstmals Gewinn gemacht, und das ist im Online-Journalismus eine Leistung. Zudem stützt sich das Geschäftsmodell der „Huffington Post“ heute und in der Zukunft allein auf Werbeeinnahmen. Geld für einzelne Texte will Huffington nach eigenen Worten nie verlangen.

          Womit die eigentliche Frage, wer das alles aufgebaut hat, im engeren Sinne noch immer nicht beantwortet ist. Aber hilft es weiter, wenn man weiß, dass Huffington in Griechenland geboren wurde, über London nach Amerika kam, Glück und Pech mit manchen Männern hatte, 13 Bücher geschrieben hat, deren Inhalte genauso umstritten sind wie manches andere, was sie sagt, dass sie bestens vernetzt ist, ständig im Fernsehen diskutiert, früher konservativ war und jetzt linksliberal, zugleich aber gerne alle „unfähigen“ Lehrer in Amerika entlassen würde? Arianna Huffington ist so verrückt, energiegeladen und voller Widersprüche wie die Stadt New York, lebt aber in Los Angeles, ist ein Dauergast auf dem Weltwirtschaftsforum in New York, lässt darüber aber kaum auf ihrer Nachrichtenseite berichten. Wirtschaft läuft nicht so gut. Was kann man da machen? Sie würde sagen, „Klicks“ sind gar nicht so wichtig. Und dann würde sie sagen, aber irgendwie doch.

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