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Gesundheitspolitik : Erste Krankenkasse zahlt für Apple Watch

  • -Aktualisiert am

Wer einen elektronischen Fitnessmesser und Datenspeicher wie eine Apple Watch kauft, bekommt als Mitglied der AOK Nordost bis zu 50 Euro Zuschuss. Bild: AFP

Um Mitglieder zu einem gesunden Leben zu veranlassen, lassen sich Kassen immer mehr einfallen. Als Lohn gibt es jetzt Gutscheine und Fitnessarmbänder. Doch was passiert mit den Daten?

          Elektronische Angebote zur Überprüfung der persönlichen Fitness und Überwachung der Gesundheit überschwemmen derzeit den Markt. 400.000 solcher Apps soll es auf der Welt geben. Auch private Versicherer und gesetzliche Krankenkassen bieten die „smarten“ Helfer immer öfter an. Erstmals bezuschusst jetzt eine Allgemeine Ortskrankenkasse, die AOK Nordost, den Kauf der dafür notwendigen Geräte. Die Techniker Krankenkasse, die größte deutsche Kasse, will bald nachziehen. Noch wartet sie auf die Genehmigung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wer einen elektronischen Fitnessmesser und Datenspeicher wie eine Apple Watch kauft, bekommt als Mitglied der AOK Nordost bis zu 50 Euro Zuschuss. Fallen Gebühren für E-Health-Apps an, gibt es dafür vom „persönlichen AOK-Gesundheitskonto“ 20 Euro im Jahr.

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          In einschlägigen Internetforen wird das begeistert kommentiert. So eine Apple-Uhr - Ladenpreis mindestens 399 Euro - kann eben mehr als nur Herzfrequenz, Streckenlänge, Höhenmeter, Geschwindigkeit und verbrauchte Kalorien registrieren. Und die AOK Nordost sichert sich in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern einen Wettbewerbsvorteil.

          Gutscheine im Wert von bis zu 250 Euro

          Andere Kassen prüfen, ob sie ihren Mitgliedern - nicht nur in dieser Gegend - ähnliche Angebote unterbreiten können. Die TK mit ihren 9,3 Millionen Versicherten gehört dazu. Als Lohn für absolvierte Vorsorgeuntersuchungen sollen sie künftig statt einer Bargeldprämie Gutscheine bis zu 250 Euro im Jahr erhalten, wie ein Sprecher sagt. Das kann eine Zahnreinigung sein oder ein Zuschuss zu einem Fitnessarmband. Noch prüft die Bundesaufsicht den Plan, ihre Zustimmung wird erwartet. Andere große Kassen wie DAK und Barmer/GEK hegen solche Pläne nach eigenem Bekunden derzeit nicht.

          Die Aufsicht hat gerade erst in ihrem Jahresbericht mehrere Einwände gegen die Nutzung von Apps geltend gemacht. Das bezog sich allerdings darauf, dass Bonuszahlungen als Gegenleistung für die Nutzung von Gesundheits-Apps (und die Datensammlung) unzulässig seien. Das stehe „nicht in Einklang mit den rechtlichen Grundlagen.“

          Es besteht Missbrauchsgefahr

          So fehle der Nachweis, dass es sich bei der sportlichen Betätigung des Versicherten auch um eine „qualitätsgesicherte Maßnahme“ handle. Es bestehe Missbrauchsgefahr. Schließlich werde nicht kontrolliert, ob das Mitglied selbst den Sport betreibe, dessen Daten gemeldet würden. Die Bundesaufsicht treibt vor allem die Frage um, ob Bonuszahlungen der Krankenkassen für gesundheitsbewusstes Verhalten ihrer Versicherten gerechtfertigt sind. In welcher Form sie dann ausgezahlt werden, ist ihr vergleichsweise egal.

          Das BVA weist dann noch auf „erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken“ hin, die durch den Einsatz von Gesundheits-Apps entstünden. Auf solche hatte Mitte Juli auch erst die Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Andrea Voßhoff, hingewiesen. Immer mehr Krankenkassen zeigten Interesse am Einsatz derartiger Anwendungen. Der Versicherungskonzern Generali hatte damit Ende vergangenen Jahres Aufsehen erregt. „Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig herunterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen und die kurzfristigen finanziellen Vorteile, welche die Datenoffenbarung vielleicht mit sich bringt, gegen die langfristigen Gefahren abzuwägen“, empfahl Voßhoff.

          Wachsendes Interesse der Kassen an Fitnessdaten

          Sie bezog ihre Kritik allerdings auf private Anbieter. Deren Apps erfassten zum Teil sehr sensible Gesundheitsdaten, sogar eine „komplette Krankengeschichte“. Die mit Versicherungstarifen angebotenen Vorteile klängen besonders für junge und gesunde Menschen verlockend. Die Daten würden den privaten Anbietern helfen, „profilgenaue Angebote zu unterbreiten, das Leistungsspektrum entsprechend anzupassen oder künftige Risikozuschläge zu berechnen“.

          Auch bei den gesetzlichen Kassen sei ein wachsendes Interesse an Gesundheits- und Fitnessdaten ihrer Versicherten zu beobachten, stellte Voßhoff fest. Doch gebe es unterschiedliche Schutzniveaus: Während bei privaten Versicherungen die Kunden freiwillig der Erhebung solch sensibler Daten zustimmen könnten, sei das den gesetzlichen Kassen nur in vorab vom Gesetzgeber festgelegten Fällen überhaupt möglich. Voßhoff empfahl, „diesen Schutz auch den Versicherten privater Kassen zu gewähren“.

          Manche gesetzliche Kasse hätte es lieber genau andersherum: „Wir sitzen auf einem Datenschatz, den wir nicht heben dürfen, obwohl es unseren Versicherten helfen könnte“, moniert der Vorsitzende einer großen Betriebskrankenkasse.

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