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Anton Schlecker vor Gericht : Der gefallene Drogerie-König

Anton Schlecker im Landgericht in Stuttgart Bild: dpa

Anton Schlecker galt als deutscher Drogeriemarkt-König. Als guten Unternehmer aber hat man ihn nie kennengelernt. Vor Gericht könnte sich das jetzt rächen.

          3 Min.

          Braucht Anton Schlecker ein Taschentuch? In seinem bleichen Gesicht hat es verdächtig gezuckt, als der Staatsanwalt gerade von „überzogenem, rücksichtslosen, sittlich anstößigen Erwerbsinteresse“ gesprochen hat. Und jetzt sucht seine Hand etwas unterm Tisch. Offenbar findet sich in der Hosentasche ein Bonbon, das kurz danach einen Platz irgendwo in den Backen sucht. Dann hat er sich wieder gefasst, der mittlerweile 72 Jahre alte Drogeriemarkt-König, wie man ihn früher tituliert hat – damals, als die von ihm aufgebaute Filialkette 56.000 Mitarbeiter quer durch Europa hatte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Er ist jetzt kein König mehr, sondern Angeklagter vor dem Stuttgarter Landgericht. Die Anklageschrift gegen ihn, seine Frau, seine Kinder und zwei Wirtschaftsprüfer ist 250 Seiten lang. Und alles, was dort aufgeführt ist, rankt sich um den selben Vorwurf: Anton Schlecker hat Geld verschoben, zu seiner Frau und seinen Nachkommen, als eigentlich längst klar war, dass der Drogeriekette die Zahlungsunfähigkeit droht.

          Jetzt weiß die Öffentlichkeit, wie die vier Enkelkinder heißen und wo sie ihre Konten haben, auf die der Opa am 31. März 2011 insgesamt 800.000 Euro überwiesen hat. Man stellt sich die Wohnung von Schlecker-Sohn Lars in der Berliner Sophienstraße vor, für die der Vater Rechnung um Rechnung an Holzwerkstätten, Marmor- und Terrakotta-Spezialisten überwiesen hat, insgesamt mehr als eine Million Euro.

          „Der hat alles kaputt gemacht“

          Man fragt sich, was es zu schützen gibt im Haus von Schlecker-Tochter Meike, für deren Anwesen in Ehingen er eine Alarmanlage für 296.848 Euro spendiert hat. Und: Ist der Familien-Urlaub auf der Antillen-Insel Antigua wirklich so traumhaft schön gewesen, dass er 58.072 Euro wert war? „Sauerei“, flüstert eine Schlecker-Frau im Gerichtssaal. Sie hat wahrscheinlich im ganzen Leben nicht so viel Geld für die Familienferien ausgegeben, wie dieser Unternehmer hier, unvorstellbar.

          „Der hat alles kaputt gemacht“, kam es zuvor von der Sitznachbarin. Es sind zwei Stimmen von ehemaligen Mitarbeiterinnen, „Schlecker-Frauen“, wie sie etwas despektierlich genannt wurden, nachdem Schlecker vor fünf Jahren in die Insolvenz ging und allein in Deutschland dadurch 23400 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Einige von ihnen sind nach Stuttgart ins Landgericht gekommen, um diesen Mann hinter ihrer persönlichen Tragödie zu sehen.

          Als die Fotografen und Kameraleute ihren Platz im Gerichtssaal räumen müssen, wird der Blick frei auf den kleinen, schmächtigen, weißhaarigen Mann, der unter dunklen Nadelstreifen einen schwarzen Rollkragenpulli trägt. Unverkennbar ist er das gealterte Exemplar jenes Mannes, von dem einst in jeder Filiale Plakate hingen. Neben Anton Schlecker war auf diesen Fotos immer seine Frau Christa zu sehen. Auch sie ist dieselbe geblieben, Püppchen-Gesicht, selbst mit 70 Jahren noch lange, blonde Haare.

          Nie lebendig, nie greifbar und schon gar nicht transparent

          Ist für die Schleckers die Zeit stehengeblieben? Angeblich fährt das Unternehmer-Paar noch heute, fünf Jahre nach der Insolvenz, fast täglich mit dem Porsche in die einstige Schlecker-Zentrale, wo eine Firma der Familie Büros angemietet hat – im 7. Stock, wo die beiden schon früher residierten. Und ohnehin ist die Sache mit der Insolvenz Ansichtssache. Zwar äußert sich Anton Schlecker am ersten Prozesstag nicht, und er versucht, Mimik und Körpersprache während des einstündigen Vortrags der Ankläger auf ein Minimum zu beschränken.

          Aber unerkennbar schüttelt er den Kopf, als Staatsanwalt Thomas Böttger gleich zu Beginn sagt, spätestens am 31. Dezember 2009 hätte Anton Schlecker erkennen müssen, dass dem Drogeriekonzern die Zahlungsunfähigkeit droht. Norbert Scharf, der Verteidiger von Anton Schlecker, setzt offenbar genau auf diese vermeintliche Unschuld, die man erkennen könne, wenn man die unbestrittenen Geldflüsse und ihre Bestimmung einer Betrachtung „ex ante“ zuführe, wie sie das Gesetz und die Rechtsprechung forderten. Man müsse sich in den Angeklagten hineinversetzen, die „individuelle Vorstellungswelt“ aufklären, fordert der Verteidiger.

          Das Bild des rechtschaffenen, uneigennützigen Unternehmers, der als „eingetragener Kaufmann“ Verantwortung für wirklich alles trägt, käme der Verteidigung zugute. Aber es existiert nicht, denn Anton Schlecker war nie lebendig, nie greifbar und schon gar nicht transparent.

          Systematische Bezahlung unter Tarif

          Dabei hätte es viele Anlässe gegeben, Erfolge öffentlich zu feiern. Mit 21 Jahren begann Anton Schlecker, damals der jüngste Metzgermeister der Republik, seine fraglos erfolgreiche unternehmerische Karriere im Betrieb des Vaters in Ehingen bei Ulm. Die Fleischfabrik mit Metzgereien funktionierte er schnell in eine Kette von modernen Warenhäusern um. Als 1974 die Preisbindung für Drogerieartikel fiel, eröffnete Schlecker bald den ersten Drogeriemarkt, zehn Jahre später waren es schon tausend Filialen.

          Traurige Bekanntheit erlangte Anton Schlecker, als seine beiden Kinder vor Weihnachten 1987 entführt wurden und der Unternehmer die Lösegeldsumme von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunterhandelte: Was für eine Chuzpe. Anfang der neunziger Jahre spätestens war Anton Schleckers Ruf als Arbeitgeber ruiniert. Ein tödlicher Überfall in einer Filiale ohne Telefon war der Anlass, dass man genauer hinschaute, wie Mitarbeiter schikaniert wurden.

          Wegen vielfachen Betrugs durch systematische Bezahlung unter Tarif wurden Anton und Christa Schlecker 1998 rechtskräftig zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Im aktuellen Fall könnten wegen vorsätzlichen Bankrotts in besonders schwerem Fall bis zu zehn Jahre Haft drohen. Aber Anton Schlecker will den Anklägern seine Unschuld beweisen. Nächsten Montag wird er zum ersten Mal selbst sprechen.

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