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Unternehmerin Wojcicki : Ein Herz für Gentests

Anne Wojcicki am Sonntag in Austin Bild: Bloomberg

Anne Wojcicki will sich mit ihrem Gentest-Spezialisten 23 and Me von Datenschutzsorgen nicht aufhalten lassen. Und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Erbgut-Untersuchungen.

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          Anne Wojcicki ist bekannt geworden als Frau von Sergey Brin, einem der beiden Gründer des Internetkonzerns Google (das Ehepaar lebt seit vergangenem Jahr getrennt). Was ihr aber in diesen Tagen viel mehr Aufmerksamkeit beschert, ist die prekäre Lage ihres eigenen Unternehmens: Der von ihr gegründete Gentest-Spezialist 23 and Me hat auf Druck der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA die Vermarktung seines wichtigsten Produkts eingestellt. 23 and Me muss damit um seine Geschäftsgrundlage kämpfen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Inmitten dieser Kontroverse hielt die 40 Jahre alte Wojcicki eine der Hauptreden auf der „South by Southwest“. Vor einem großen Publikum gab sie ein leidenschaftliches Plädoyer für den Einsatz von Gentests ab und versprach, sich durch die gegenwärtigen Herausforderungen nicht von ihrer Mission abbringen zu lassen. Aber sie gestand auch, dass die Kontroverse ihrem Geschäft erheblich geschadet hat.

          Wojcicki ist Biologin und verfolgt mit ihrem im Jahr 2006 gegründeten Unternehmen das Ziel, Menschen mit Informationen über ihr Erbgut zu versorgen. Auf Basis von Speicheltests seiner Kunden untersucht 23 and Me zum Beispiel, ob ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen vorliegt, etwa Alzheimer oder verschiedene Krebsarten.

          Ärzte werden umgangen

          Das Unternehmen liefert auch Informationen über die Abstammung und verrät Kunden zum Beispiel, zu wie viel Prozent sie indianischer Herkunft sind. Verbraucher können die Tests auf der Internetseite bestellen, mit Speichelprobe zurücksenden und dann das Ergebnis online abrufen.

          Die FDA ist besorgt, dass solche Tests falsche Informationen liefern könnten und stört sich deshalb daran, wenn sie wie im Falle von 23 and Me ohne Einbindung von Ärzten direkt an Verbraucher verkauft werden. Nach Meinung der Behörde könnte dies Menschen zu unnötigen medizinischen Eingriffen veranlassen. Im November forderte die FDA das Unternehmen in einem scharf formulierten Brief auf, die Vermarktung seiner Gentests sofort einzustellen. 23 and Me folgte der Anweisung und liefert Kunden heute keine Gesundheitsdaten mehr, sondern nur noch Informationen zur Abstammung.

          In Austin zeigte sich Wojcicki nun trotzdem überzeugt davon, dass Gentests für Verbraucher ein Markt mit Zukunftspotential sind, auch wenn die Vereinigten Staaten derzeit „in einer Debatte festsitzen“: „Genetische Informationen werden ein Teil unseres Lebens werden.“

          Mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit

          Sie zählte eine Reihe von Beispielen auf, wie die Erkenntnisse ihrer Tests Kunden dabei helfen können, Krankheiten zu vermeiden, etwa durch Umstellung ihrer Ernährung. So habe ein Vater herausgefunden, dass sein Sohn unter Fruchtzuckerintoleranz leide - ein Umstand, der durch falsche Ernährung in der Zukunft zu Erkrankungen der Leber oder der Niere führen könne. Die Tests versetzten Menschen in die Lage, selbst mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

          Und sie könnten dafür sorgen, dass im Gesundheitswesen, dessen finanzielle Anreize derzeit ganz auf die Behandlung von Erkrankten ausgerichtet seien, Prävention eine größere Rolle bekomme. „Das heutige System ist zum Kotzen. Unser Ziel ist es, das zu ändern.“ Fürs erste hat der Streit mit der FDA aber dafür gesorgt, dass 23 and Me weniger neue Kunden gewinnen kann, wie Wojcicki zugab.

          Das Unternehmen will sich aber nicht nach ihren Worten nicht von seinen Ambitionen verabschieden, sondern nun daran arbeiten, von der FDA die Zulassung für seine Tests als medizinische Geräte zu bekommen. Solche „Aufs und Abs“ gebe es nun einmal bei einem „Pionier“, wie 23 and Me das auf dem Gebiet der Gentests sei. Nach der Vorstellung Wojcickis soll es sich in zehn Jahren in der Gesellschaft etabliert haben, dass Menschen auf Basis genetischer Informationen selbst aktiver in Entscheidungen eingreifen, die ihre Gesundheit betreffen.

          Wojcicki wurde in Austin auch auf den Datenschutz und den möglichen Missbrauch der von ihrem Unternehmen gewonnenen Informationen angesprochen. Sie beschränkte sich aber auf vage Aussagen, etwa dass 23 and Me die Privatsphäre seiner Kunden sehr ernst nehme. Sie sagte, sie begrüße eine Debatte über den Datenschutz unter ethischen oder juristischen Aspekten, warnte aber davor, dabei zu ignorieren, welch wertvolle Erkenntnisse Gentests lieferten. „Es ist alles eine Frage der Abwägung von Nutzen und Risiko.“

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