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Anlagenbau / Industriegase : "Wir machen aus Linde ein ganz neues Unternehmen"

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Wolfgang Reitzle ist mit Linde am Ziel Bild: dpa/dpaweb

Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Ende einer großen Übernahmeschlacht, neue Zentralen, neue Namen und neue Vorstände.

          Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Ende einer großen Übernahmeschlacht, neue Zentralen, neue Namen und neue Vorstände.

          Herr Reitzle, hätte Linde eine Überlebenschance gehabt ohne die erfolgreiche Übernahme des britischen Konkurrenten BOC?

          Vor drei Jahren waren wir akut übernahmegefährdet. Unser Börsenwert war niedriger als das Eigenkapital. Und ein Übernehmer hätte das Unternehmen wahrscheinlich in Einzelteile zerlegt. Linde hätte es zwar noch gegeben, aber nicht in einer Form, die einem 127 Jahre alten Konzern behagen kann. Es ist ein erstrebenswertes Ziel, unabhängig zu sein.

          Den Aktionären kann das doch egal sein.

          Wir fühlen Verantwortung für die Mitarbeiter, die Kunden und die Länder und Kommunen, in die wir eingebettet sind. Der Kapitalmarkt nimmt solche Rücksichten nicht.

          Nichtsdestotrotz haben Sie Linde komplett auf den Kapitalmarkt ausgerichtet: vom Mischkonzern zum konzentrierten Unternehmen.

          Es wäre in den heutigen Zeiten albern, die Macht der Börse zu ignorieren. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als unsere Performance zu steigern. Sonst hätten es andere für uns gemacht. Und in aller Bescheidenheit: Das haben wir gut hinbekommen. Der Börsenwert der Linde AG hat sich binnen drei Jahren mehr als verdreifacht.

          Trotzdem sind Sie das Label Übernahmekandidat lange nicht losgeworden.

          Das stimmt. Ohne die loyale Unterstützung unserer Großaktionäre Allianz, Deutsche Bank und Commerzbank hätte es uns wohl so nicht mehr gegeben.

          Warum haben diese Konzerne ihre Industriebeteiligungen fast komplett abgestoßen und nur an Linde festgehalten?

          Weil sie an uns geglaubt haben.

          Wir vermuten, die Banken und die Allianz haben bei Linde noch einmal Deutschland AG gespielt.

          Das ist Ihre Interpretation. Aber wenn ich sehe, was Unternehmen wie der Deutschen Börse passiert ist, kann man sich ohne starke Aktionäre gelegentlich unwohl fühlen. Unsere Aktionäre können allerdings mit uns sehr zufrieden sein. Wir haben das Unternehmen ganz neu aufgestellt. Wir haben eine Leistungskultur etabliert und überall die Kosten deutlich gesenkt. Allein in der Zentrale haben wir die Ausgaben um 4o Prozent reduziert.

          Wieviel ist das in absoluten Zahlen?

          Es ist ein schöner zweistelliger Millionenbetrag. Wir haben zum Beispiel die Werbung komplett ausgesetzt und das Golfsponsoring eingestellt.

          Obwohl Sie so gerne golfen.

          Erstens war ich in diesem Jahr noch keine fünfmal auf dem Platz. Aber den Ruf als Dauergolfer werde ich nicht los. Und zweitens verquicke ich nicht meine privaten Interessen mit den Interessen der Firma. Aber das nur am Rande. Wir verbessern uns permanent im gesamten Konzern. Ziel ist eine Kultur, die bewirkt, daß das System sich selbständig heilt, stärkt und verbessert. Die Menschen im Konzern sollen wissen, was wir von ihnen erwarten, ohne daß wir ständig auf ihnen herumhacken. Das verstehe ich unter Führung.

          Jetzt, da Sie gut dastehen, könnten ja Allianz und die Banken als Aktionäre aussteigen.

          Wir sehen das ganz gelassen. Mittelfristig sind 100 Prozent Freefloat das Beste für den Aktienkurs. Und noch schöner: Linde wird nicht mehr übernommen werden können. Wir haben mit der Übernahme von BOC die letzte Chance zur Konsolidierung im Industriegase-Geschäft genutzt und sind jetzt Weltmarktführer. Ein Industriegase-Unternehmen kann uns schon aus kartellrechtlichen Gründen nicht übernehmen, und für einen Finanzinvestor lohnt es sich nicht, weil er keine Synergien erzielen könnte.

          Wann hatten Sie in der Übernahmeschlacht zum ersten Mal das Gefühl, das klappt jetzt?

          Die ersten Gespräche liefen nur über das Telefon zwischen mir und dem CEO von BOC. Als das Gespräch nach mehrmaligen Anläufen zum ersten Mal länger als drei Minuten dauerte, wurde ich zuversichtlich. Das muß Mitte Februar gewesen sein.

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