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Angst um Arbeitsplätze : Daimler-Mitarbeiter fürchten Elektroautos

Elektroauto-Studie von Mercedes-Benz der Generation „EQ“ Bild: dpa

Wagen der Marke Mercedes verkaufen sich prächtig, ihr Hersteller Daimler verdient gut. Doch der Betriebsrat fürchtet um Arbeitsplätze, sollte die Elektromobilität bald einen Siegeszug antreten.

          Davon wagt man bei Volkswagen nicht einmal zu träumen: Mercedes meldet Rekord um Rekord, die Rendite liegt im zweistelligen Bereich. Aber auch unterm Stern herrscht Verunsicherung. Vor allem dort, wo die bisher noch hoch geschätzten und gut bezahlten Mitarbeiter Diesel- und Benzinmotoren, Getriebe und Antriebskomponenten herstellen. Ihre Kompetenzen werden für ein Elektroauto nicht gebraucht.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          „Ich will davor warnen, hysterisch zu werden“, sagt Michael Brecht, der Konzernbetriebsratsvorsitzende von Daimler, im Gespräch mit dieser Zeitung. Er hofft, dass schon in drei bis vier Monaten Fakten auf dem Tisch liegen, damit klar ist, wie die Elektrooffensive von Mercedes auf die Beschäftigung wirkt - damit die Weichen richtig gestellt werden, wenn über Investitionen entschieden wird.

          Einiges ist schon passiert, was die Mitarbeiter eher irritiert. Ende Oktober beispielsweise kündigte Daimler an, eine Milliarde Euro in einen Produktionsverbund für Lithium-Ionen-Batterien zu investieren. Das Herz dieses Verbunds ist im sächsischen Kamenz, wo die Deutsche Accumotive GmbH & Co. KG ihren Sitz hat - weit ab also von den traditionellen Standorten und Strukturen des Daimler-Konzerns. Oder die Elektromotoren. Da bedient sich Daimler der langjährigen Erfahrung des Zulieferers Bosch, der die Motoren in Hildesheim baut. „Das ist doch kein Hexenwerk, das können wir auch“, sagt Michael Brecht und fordert: „Wir müssen im Spiel bleiben.“

          Gemeinsame Analyse statt direkter Konfrontation

          Brecht sieht schon die „Stückliste E-Mobilität“ vor sich, aus der hervorgeht, welche Teile ein Elektroauto haben wird und wo diese hergestellt oder eingekauft werden. „Wir wollen alle neuen Beschäftigungsmöglichkeiten sehen und dann diese Diskussion führen“, fordert Brecht. Die direkte Konfrontation mit dem Unternehmen meidet er - nicht nur, weil er ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem badischen Landsmann, dem Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, pflegt. Brecht sieht die Sache pragmatisch: „Die Analyse machen wir gemeinsam. Ich will nicht, dass es nachher lange Diskussionen gibt, ob die Ergebnisse richtig oder falsch sind.“ Erste Arbeitsgruppen sind in den vergangenen Tagen gebildet worden.

          Als Grundlage für die Untersuchung dient die „Elab“-Studie aus dem Jahr 2012, die eine Gemeinschaftsarbeit war von Unternehmen und Betriebsrat mit dem Fraunhofer Institut IAO, dem Institut für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und dem IMU-Institut der IG Metall. Damals, vor vier Jahren, lautete der Tenor noch, die Elektromobilität könnte sogar zum Jobmotor werden. Allerdings hatten die Forscher damals noch vorsichtig geplant. Im Jahr 2030 würde der Anteil der Verbrennungsautos auf 40 Prozent gesunken sein, lautete das Referenzszenario, das die Forscher für am wahrscheinlichsten hielten.

          Nach Tesla bläst auch Mercedes zum E-Angriff

          Seither aber hat Tesla für Erschütterungen in der Autowelt gesorgt und die Phantasie angefacht. Innerhalb von 24 Stunden haben in diesem Frühjahr 180.000 Menschen einen Tesla Model 3 vorbestellt, von dem man kaum etwas wusste. So viele potentielle Kunden? Das hat sie auch bei Mercedes hellhörig gemacht, wo man eigentlich ein Auto erst bis zur Perfektion entwickelt, bevor man Bestellformulare druckt.

          Kaum ein halbes Jahr später blies Mercedes zum Angriff. Auf dem Autosalon in Paris wurde „EQ“ als neue Marke für die Elektroautos präsentiert, die eins nach dem anderen auf den Markt kommen sollen. Begonnen wird mit dem Mercedes GLC-EQ. Das sportliche Geländewagen-Coupé mit 500 Kilometern Reichweite soll 2019 in Serie gehen.

          In Kontakt: Der Daimler-Betriebsratsvorsitzende Michael Brecht (rechts) und Personalvorstand Wilfried Porth

          Gebaut wird der GLC-EQ in Bremen, was logisch erscheint: Dort ist die Kompetenz für die Geländewagen von Mercedes gebündelt, so wie Sindelfingen für Oberklasse- (E- und S-Klasse) und Rastatt für Kompaktwagen steht. Standort für Standort wird nun verhandelt werden.

          Verwerfungen sind absehbar - so oder so

          Brenzlig ist die Sache dort, wo Antriebstechnik speziell für den Verbrennungsmotor hergestellt wird. 30.000 Mitarbeiter seien damit befasst, für Autos und Nutzfahrzeuge zusammen, sagt Konzernbetriebsratschef Michael Brecht. Die Gefahr, dass schnell nur noch Elektrofahrzeuge hergestellt werden, sieht er zwar nur als theoretisch an. Aber erhebliche Verwerfungen sind auch bei einem sanfteren Übergang abzusehen, selbst wenn Batterie und Elektromotor künftig von dieser Daimler-Mannschaft montiert würden (was bisher nicht der Fall ist und was teilweise ganz andere Kompetenzen erforderlich machte). Nur ein Siebtel des Arbeitsumfangs bliebe wohl übrig, lautet die Annahme im Konzern. Das wären, bei insgesamt gleichbleibenden Stückzahlen, nicht einmal mehr 4300 Arbeitsplätze.

          „Wir stehen unter Dampf und müssen sehen, wie wir das hinbekommen“, sagt Brecht. Größter Bremsklotz für den Wandel dürfte der derzeitige Erfolg von Mercedes sein: Noch wächst die Nachfrage nach den herkömmlichen Autos. „Wir können heute kein Problem lösen, das erst 2030 auftaucht“, stellt der Betriebsratschef fest: „Die Frage ist, ob die Übergänge beherrschbar sind. Wir müssen uns bis dahin eben immer wieder neu erfinden.“ Und so fordert Brecht von der Daimler-Führung jetzt das, was man bisher eher als Forderung an die Mitarbeiter gehört hat: „Man muss das Unmögliche denken.“

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