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Gesundheitstipps : Angriff auf die Apotheken-Umschau

Ein Stapel der „Apotheken Umschau“ und andere medizinische Ratgeberhefte liegen in einer Apotheke in Berlin. Bild: dpa

Der Online-Handel macht Apotheken und ihren Lieferanten zu schaffen – auch mit eigenen Apothekenmagazinen.

          3 Min.

          Apotheken und „Apotheken Umschau“, das gehört für viele Menschen zusammen. Seit mehr als 60 Jahren liegt die „Rentner-Bravo“ bei den Medikamentenhändlern aus. Wer will, kann sich neben seiner Arznei auch kostenlos Ratschläge zur Verbesserung seiner Gesundheit mitnehmen. Von Ernährungstipps, bis zu „Was Sie jetzt tun können, um ihre Lunge zu stärken“ – immer wird das Positive betont. Um Krankheiten geht es nur indirekt.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          „Lesen, was gesund macht“, lautet der Slogan. Weil der ADAC seiner Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ ein Sparprogramm verordnet hat, ist das Ratgeber-Blatt im ersten Quartal sogar zur auflagenstärksten Zeitschrift in Deutschland aufgestiegen. Monat für Monat werden zwei Ausgaben mit zusammen fast 8,3 Millionen Exemplaren gedruckt.

          Die Krise der Printmedien ist schon deshalb zum großen Teil an der Umschau vorbeigegangen, weil das Geschäftsmodell trotz des Apothekenschwundes noch immer funktioniert: Privatleute können die Apotheken-Umschau nicht abonnieren, sie wird exklusiv über Apotheken vertrieben und ist über die Jahre zu einem Instrument der Kundenbindung geworden. Um die 50 Cent zahlen die Apotheker – abhängig von der abgenommene Menge – für jedes Exemplar. Dass die Nachfrage trotz des Kostendrucks in den Apotheken hoch bleibt, dafür sorgt der mittelständische Wort&Bild Verlag aus dem bayerischen Baierbrunn mit aufwändiger Werbung. So mancher Apotheker sieht sich deshalb unter Druck gesetzt. An der Präsenz der Apotheken-Umschau und der hohen Kundennachfrage hat das all die Jahre kaum etwas geändert. Schon immer haben andere Verlage versucht, dem Platzhirsch das Wasser abzugraben, bislang ohne Erfolg.

          Europas größte Gesundheitsredaktion

          Nun erwächst der Umschau aber eine neue Konkurrenz aus einem finanzkräftigen Lager. Die Pharmagroßhändler, die Lieferanten der Apotheken also, haben den Markt für sich entdeckt. Vor ein paar Tagen hat der Mannheimer Marktführer Phoenix – ein Gigant mit 27 Milliarden Euro Umsatz – mit der Funke-Mediengruppe aus Essen „Deine Apotheke“ lanciert. Startauflage 500.000 Exemplare. In einem ersten Schritt will das Duo 5000 der noch knapp 19.500 Apotheken in Deutschland beliefen. Einmal im Monat soll die Zeitung erscheinen, in der Einführungsphase nichts kosten, später dann schon. Phoenix reagiert auf einen Vorstoß der Einkaufsgenossenschaft Noweda. Die hat mit dem Verlagshaus Burda das Konkurrenzprodukt „My Life“ seit einem Jahr im Markt und die Auflage mittlerweile – im ersten Quartal – auf 2,3 Millionen erhöht.

          Wort&Bild-Verlagsgeschäftsführer Andreas Arntzen schreibt auf Anfrage, es habe schon immer ernst zu nehmende Konkurrenten gegeben. In Zeiten rückläufiger Vertriebs- und Anzeigenerlöse versuchten sich nun auch Publikumsverlage an neuen Kundenmagazin-Formaten. Deren Fokus liege aber mehr auf Lifestyle-, Mode- und Prominenten-Themen; nach Arntzens Worten „oftmals eine Zweitverwertung aus anderen Magazinen“ – ein Seitenhieb auf Funke. Die Apotheken Umschau unterscheidet sich nach seiner Darstellung durch Europas größte Gesundheitsredaktion – etwa 100 Redakteure sollen es sein – deutlich in der Positionierung. Alle Berichte würden von Fachleuten geprüft, entsprächen dem aktuellen Stand der Wissenschaft und den Leitlinien für Diagnose und Therapie.

          Während das Noweda-Angebot mit seiner ebenfalls vierzehntägigen Erscheinungsweise und Ablegern für Diabeteskranke, Kinder und Senioren wie eine Eins-zu-eins Kopie des Umschau-Geschäftsmodells wirkt, versucht Phoenix eine Kooperation. „Deine Apotheke“ sei anders, keine direkte Konkurrenz, sie schließe eine Marktlücke neben der Apotheken-Umschau, heißt es aus Mannheim. Das Magazin ist auf Frauen zugeschnitten. Die Marktforschung habe gezeigt, dass Leserinnen großen Wert auf Gesundheit und Ernährung legten, sich zugleich aber Beiträge zur Unterhaltung, Beauty und Wohnen wünschten, sagte Phoenix-Deutschland-Chef Marcus Freitag bei der Vorstellung der Pläne.

          Apothekenketten sind in Deutschland verboten

          Phoenix und die Apotheken-Umschau kooperieren schon länger: So liefert der Großhändler die Umschau nicht nur teilweise aus, sondern bietet seinen Apothekenkunden auch besonders gestaltete Ausgaben – teils mit eingehefteten Beiträgen oder einer gesonderten Gestaltung der Umschläge. Phoenix und der Umschau-Verlag sind deshalb bemüht, die Konkurrenz nicht weiter anzuheizen. Man arbeite daran, die Kooperation auszuweiten, heißt es, ohne die Pläne zu konkretisieren.

          Die Pharmagroßhändler erhoffen sich mit den Magazinen, die Kundenbindung der Apotheken vor Ort in einem Markt mit stark wachsendem Onlinehandel zu festigen. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern sind Apothekenketten in Deutschland nämlich verboten. In Europa betreibt Phoenix 2700 eigene Apotheken, in Deutschland muss der Händler Kooperationen schmieden, um den Absatz zu sichern. Wer als Apotheker mitmacht, kann von günstigeren Einkaufskonditionen profitieren, er hat Zugriff auf eine eigene App, bekommt Hilfe für die Homepage-Gestaltung und jetzt eben ein Frauenmagazin.

          Die „My life“-Macher von Burda und Noweda sind auf Kooperationen mit der Umschau nicht angewiesen und gehen auch verbal auf Konfrontation. Der Burda-Projektverantwortliche Kay Labinsky feierte den ersten Geburtstag vor ein paar Tagen mit markigen Worten. „My life“ sei mit Abstand eine der erfolgreichsten Neueinführungen auf dem Zeitschriftenmarkt der letzten Jahre und habe als modernes Apothekenkundenmagazin Schwung in den einseitig von einem großen Anbieter bespielten Markt gebracht. Innerhalb eines Jahres habe sich das Magazin mit einer bezahlten Auflage von 2,34 Millionen etabliert. Der Erfolg spiegele sich nicht zuletzt in der Auflagenentwicklung der Konkurrenz wider. Nun erwächst mit Phoenix/Funke nicht nur der Umschau ein Konkurrent. Auch Burda und Noweda müssen sich auf mehr Wettbewerb einstellen.

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