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Technologie : Deswegen ist Samsung so erfolgreich

Samsung hat auch vom Untergang der deutschen Elektroindustrie gelernt Bild: AFP

Wir Deutsche können aus der Geschichte des südkoreanischen Konzerns Samsung viel lernen. Vor allem, wie wichtig eine technikbegeisterte Gesellschaft ist.

          3 Min.

          Der Blick auf die Weltkarte der Elektroindustrie zeigt Anfang des 21. Jahrhunderts ein eindeutiges Bild. Der südkoreanische Konzern Samsung Electronics ist unbestritten die große Marke der Branche. In China zeigen sich die ersten, aufstrebenden Konkurrenten. Die japanischen Konkurrenten Sony, Sharp oder Panasonic – einstmals führend – sind heute nur noch Zulieferer und kämpfen ums Überleben. In Amerika hält Apple die Stellung, die Deutschen und die Europäer sind aus dem Rennen.

          Samsungs Siegeszug scheint unaufhaltsam. Seit Jahren eilt das Unternehmen von Gewinn- zu Gewinnrekord. Sinkende Margen im Smartphone-Geschäft bremsen diese Profitjagd zwar in letzter Zeit, aber auch von den aktuellen operativen Gewinnen Samsungs können andere Unternehmen nur träumen. Und nach einem extrem starken ersten Quartal erwarten die Samsung-Manager für das laufende Quartal abermals Rekordzahlen.

          Warum ist Samsung so erfolgreich? Am Anfang stand der Staat. Der holländische Journalist Karel van Wolferen hat auf dem Höhepunkt der japanischen Wirtschaftskraft Ende der achtziger Jahre in einem vielbeachteten Buch geschrieben, es gebe im Westen zwei große Vorurteile über das ostasiatische Land: Erstens, dass die parlamentarische Demokratie funktioniere wie in Europa; zweitens, dass es sich um eine liberale Marktwirtschaft handele. Der Staat spielt in Japan und Korea im Wirtschaftsleben bis heute eine viel stärkere Rolle. Ausgerechnet ein Militärdiktator hat in den sechziger Jahren die Samen der Früchte gesät, die Südkoreas Vorzeigeunternehmen wie Samsung, LEG oder der Autobauer Hyundai bis heute ernten. General Park Chun-hee eroberte die Macht in Südkorea 1961 mit einem Putsch und setzte auf Wohlstand durch Export. Er förderte handverlesene, loyale Familienunternehmen, die bis heute die gigantischen Industriekonglomerate des Landes und die Wirtschaft beherrschen. Südkorea folgte bei seinem „Wirtschaftswunder“ einer Planwirtschaft nach dem Vorbild der früheren Kolonialmacht Japan: Der Staat bestimmt, welche Industrien er fördert, und schützt die heimischen Unternehmen vor Wettbewerb von außen.

          Eine technikbegeisterte Gesellschaft

          Diese auf Koreanisch Chaebol – reiche Clans – genannten Industriekonglomerate wie Samsung erwirtschaften mittlerweile mehr als zwei Drittel des südkoreanischen Bruttoinlandsprodukts. Wer heute über den globalen Erfolg Samsungs nachdenkt, darf diese Anfänge und die aktive staatliche Industriepolitik nicht außer Acht lassen. Es sind Produkte eines Staatskapitalismus, die von Südkorea aus heute vom Schiffbau bis zu Smartphones die Welt beherrschen. Als Nächstes schicken sich chinesische Unternehmen an, diesen japanischen Weg zu kopieren. Doch es greift viel zu kurz, den Erfolg Samsungs allein mit der aktiven Industriepolitik zu erklären.

          Die Führungsriege des südkoreanischen Konzerns hat den Niedergang der deutschen Elektroindustrie genau studiert. Sie verfolgt jetzt, wie sich die Geschichte bei den einstigen Weltmarktführern Sony, Sharp oder Panasonic in Japan zu wiederholen droht. Samsung fürchtet deswegen nichts mehr als die eigene Bequemlichkeit. Sich auf den Lorbeeren ausruhen, behäbig werden, den Anschluss an technische Entwicklungen verlieren, das dürfe nicht passieren, heißt es immer wieder.

          Dass Südkoreas Unternehmen ihre Erfolge heute in erster Linie ihren Produkten und nicht einer Industriepolitik alter Schule verdanken, zeigt auch der direkte Vergleich mit dem Nachbarn Japan. Japan versucht durch aggressive Geldpolitik und die Schwächung der Landeswährung Yen Wettbewerbsvorteile für seine Unternehmen zu schaffen. Obwohl der südkoreanische Won dagegen an Wert zugelegt hat, haben südkoreanische Unternehmen Marktanteile gewonnen – die Japaner nicht. Dahinter verbirgt sich die Produktinnovation, auch die Offenheit gegenüber fremden Märkten.

          Samsung hilft, dass es im Gegensatz zu Apple auf sehr vielen Märkten vertreten ist. TV, Chip, Smartphones, Haushaltsgeräte, Medizintechnik – überall spielen die Südkoreaner vorne mit. Kreativität und Innovation sind Unternehmensziele, die auf internen Strategietreffen immer wieder betont werden. Das ist nicht immer einfach in einer Unternehmenskultur, die streng hierarchisch aufgebaut ist. Doch es funktioniert. Das hat viel damit zu tun, dass Samsung in einem Umfeld agiert, das technischen Neuerungen und Experimenten sehr aufgeschlossen gegenübersteht.

          Um weiter die Nummer eins in der Welt zu bleiben, hat Samsung seinen früheren Vorstandschef Choi Gee-sung zum Chef eines neuen, einflussreichen Strategiebüros gemacht. Seine Aufgabe: Wachstumsfelder erkennen und fördern. Nirgendwo lässt sich Neues am Markt so schnell durchsetzen wie in der technikbegeisterten südkoreanischen Gesellschaft.

          In Südkorea gehörte – kostenfreie – drahtlose Internetverbindung in den ärmlichsten Landgasthöfen schon zum normalen Standard, als in Deutschland selbst in Spitzenhotels allenfalls eine Verbindung per Kabel zu horrenden Preisen üblich war. In einer Gesellschaft, die offen für technische Neuerungen ist, lässt sich bei stetig kürzer werdenden Entwicklungszyklen Innovation leichter durchsetzen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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