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Amerika : Delta Air Lines und Northwest beim Insolvenzrichter

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Hohe Ölpreise und Sicherheitsausgaben haben die Fluggesellschafen Delta und Northwest ins Insolvenzverfahren getrieben. Die Lufthansa klagt, der Gläubigerschutz im amerikanischem Insolvenzrecht benachteilige die Europäer.

          Die Fluggesellschaften Delta Air Lines und Northwest Airlines haben am Mittwoch nach Handelsschluß in den Vereinigten Staaten einen Konkursantrag und Gläubigerschutz nach Kapitel elf des amerikanischen Insolvenzrechts beantragt.

          Der Schritt war am Markt erwartet worden: Die dritt- und die viertgrößte Fluggesellschaft Amerikas standen bereits seit längerem wegen hoher Schulden, hoher Kosten und Pensionsbelastungen wirtschaftlich unter Druck. Steigende Treibstoffkosten und die starke Konkurrenz der Billiggesellschaften haben die Lage noch verschärft. Unter dem Gläubigerschutz des „Chapter 11“ wollen beide Unternehmen versuchen, ihre Kostenbelastung zu reduzieren (was es damit auf sich hat: Das „Chapter Eleven“- Verfahren).

          Delta erklärte am Mittwoch in Deutschland, vorerst werde der reguläre Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. „Delta führt ihre Geschäfte normal weiter und wird heute und während des gesamten Reorganisationsprozesses ihre Flüge durchführen“, erklärte Firmenchef Gerald Grinstein.

          Am Boden: Northwest Airlines

          Lufthansa beklagt Wettbewerbsverzerrungen

          Die Deutsche Lufthansa sieht im amerikanischen Insolvenzrecht eine massive Wettbewerbsverzerrung zu Lasten europäischer Fluggesellschaften. Der Gläubigerschutz bedeute eine einseitige Protektion und gehöre abgeschafft, sagte Lufthansa-Sprecher Klaus Walther am Donnerstag. Auch andere europäische Fluggesellschaften kritisierten bereits in der Vergangenheit, daß im Rahmen der Sanierung Lasten wie Pensionsverpflichtungen teilweise auch vom Staat übernommen werden. Allerdings sichert auch in Europa noch der Staat als Miteigner bei zahlreichen Fluggesellschaften das Überleben. Zu den Nutznießern von Chapter 11 gehört auch die mit Lufthansa in der Star Alliance verbundene United Airlines. „Unser Partner United wird Chapter 11 bald verlassen. Diese Regelung bleibt aber ein grundsätzliches Problem. In einem globalen Geschäft brauchen wir auch annähernd gleiche Wettbewerbsbedingungen. Es darf keine einseitige Protektion regionaler Märkte geben“, sagte Walther. In Amerika werde immerhin über Veränderungen der Regelung beraten. „Unseres Erachtens muß es ganz abgeschafft werden.“ Dieses Thema gehöre auch bei den Beratungen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten über eine Abschaffung der nationalen Barrieren für den internationalen Flugverkehr auf den Tisch.

          Im Kampf um Arbeitsplätze

          Delta hatte in der vergangenen Woche den Abbau von 1000 Arbeitsplätzen und den Verkauf von Flugzeugen angekündigt. Das Unternehmen ist mit schätzungsweise 20 Milliarden Dollar verschuldet.

          Northwest-Chef Doug Steenland sagte, sein Unternehmen müsse die Kosten signifikant reduzieren, um im Wettbewerb zu bestehen. Er verwies darauf, daß Northwest bereits daran gearbeitet habe, das Unternehmen ohne Gläubigerschutz zu sanieren. „Unglücklicherweise wurden diese Bemühungen ... durch die explosionsartig gestiegenen Treibstoffkosten unterlaufen.“ Analysten sehen in der Entscheidung von Northwest auch eine Möglichkeit, den Gewerkschaften größere Zugeständnisse abzutrotzen.

          Vier der sieben großen unter Gläubigerschutz

          Mit diesen beiden Gesellschaften arbeiten derzeit vier der sieben größten amerikanischen Fluggesellschaften unter Gläubigerschutz (siehe auch: Eine halbe Branche vor dem Insolvenzrichter) United Airlines und US Airways, die zweit- und die siebtgrößte Fluglinie des Landes, befinden sich schon im Insolvenzverfahren. Nach Schätzungen von Standard & Poor's Ratings Services entfiele die Hälfte der verfügbaren Flugkapazität auf insolvente Unternehmen, wenn man Delta und Northwest hinzurechnet.

          Ein Insolvenzfall bedeutet nicht das Ende: Das Konkursrecht mit einem Chapter-11-Verfahren erlaubt angeschlagenen Gesellschaften, den Fortbestand zu sichern und sich neu auszurichten - geschützt vor dem Zugriff ihrer Gläubiger und verbunden mit mehr Möglichkeiten, bestehende Tarifvereinbarungen mit Mitarbeitern zu ändern. Die Folgen für die Kunden halten sich in Grenzen: United Airlines und US Airways haben weitgehend den normalen Flugbetrieb fortgesetzt. United ist mit der Muttergesellschaft UAL seit fast drei Jahren im Insolvenzverfahren. In der vergangenen Woche hatte das Unternehmen einen neuen Reorganisationsplan vorgestellt, United will damit im Februar 2006 das Insolvenzverfahren beenden. Die Gläubiger sollen nur bis zu 7 Prozent ihrer ungesicherten Forderungen bekommen, die Aktionäre würden leer ausgehen.

          US Airways könnte indessen schon in den kommenden Wochen den Abschluß des Gläubigerschutzes feiern. Die Gesellschaft will sich mit dem Wettbewerber America West zusammenschließen und damit ein stabileres Unternehmen schaffen. Für diesen Donnerstag hat das Insolvenzgericht eine Anhörung über den Reorganisationsplan von US Airways angesetzt und könnte damit den Weg zur Beendigung der Insolvenz freimachen.

          Delta Air Lines stand vor einem Jahr schon einmal kurz vor der Insolvenz, konnte dies aber durch in letzter Minute erzielte Gehaltszugeständnisse der Piloten noch einmal abwenden. Seither hat sich die finanzielle Situation wieder zugespitzt, obwohl Delta die Kosten weiter reduziert hat. Wie die anderen traditionellen amerikanischen Fluggesellschaften steht auch Delta unter erheblichem Druck von Billig-Fluggesellschaften wie Southwest Airlines oder Jetblue, die weitaus bessere Kostenstrukturen haben. Für zusätzliche Belastungen haben die aufgrund der hohen Rohölpreise stark gestiegenen Kosten für Flugbenzin gesorgt.

          Bei Delta ist die Lage besonders prekär: Das Unternehmen ist mit 20 Milliarden Dollar hochverschuldet, und die Barreserven schmelzen dahin. Ende Juni wurde die Liquidität auf 1,7 Milliarden Dollar beziffert, seither dürfte sie deutlich geschrumpft sein. Unter Analysten gilt ein Unterschreiten der Marke von 1,5 Milliarden Dollar als Zeichen für Insolvenzgefahr. Northwest hatte noch Ende August liquide Mittel von 1,7 Milliarden Dollar und hat damit noch etwas mehr Spielraum als Delta.

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