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Baustopp durch Gericht : Amazon will Afrika-Zentrale auf heiliger Stätte bauen

Hier plant Amazon den Bau. Bild: Reuters

Auf einer Grünfläche in Kapstadt, die die indigene Volksgruppe Khoi-San als „heiligen Ort“ betrachtet, soll ein Amazon-Campus entstehen. Ein Gericht hat dem Bau nun vorläufig einen Riegel vorgeschoben.

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          In traditioneller Tracht hatten sich ein gutes Dutzend Khoi-San zu Gebeten, Gesängen und einer Zeremonie nahe der Flüsse Liesbeek und Black River in Kapstadt versammelt. Diesmal aber ging es nicht nur um Glauben und Tradition. Vertreter der indigenen Volksgruppe feierten. Sie hatten gerade einen Etappensieg in einem jahrelangen Streit um den Standort für die neue Afrika-Zentrale von Amazon gewonnen.

          Claudia Bröll
          Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Auf der Grünfläche, die die Khoi-San als „heiligen Ort“ betrachten, sollen ein Amazon-Campus mit mehreren Tausend Arbeitsplätzen und ein neuer Geschäftskomplex entstehen. Umgerechnet 275 Millionen Euro kostet das Projekt. Doch die Stadtverwaltung von Kapstadt, die Bauunternehmer und vermutlich der amerikanische Konzern selbst hatten den Widerstand von einigen Mitgliedern der Bevölkerungsgruppe unterschätzt, die als ältestes Volk der Welt gilt und über Jahrhunderte hinweg unterdrückt wurde.

          Ende vergangener Woche entschied ein Gericht, die schon weit fortgeschrittenen Bauarbeiten an dem umstrittenen „River Club“-Projekt vorläufig zu stoppen. Die Immobiliengesellschaft müsse mit den kritischen Khoi-San-Gruppen einen „echten Austausch und Konsultationen führen“, sagte die Richterin Patricia Goliath. Der für Amazon ausgewählte Standort sei für sie ein historisch wichtiger Ort.

          Selbst einige Aktivisten hatten dies nicht erwartet. „Wir sind beeindruckt von unserer Gerichtsbarkeit“, sagt Tauriq Jenkins im Gespräch mit der F.A.Z. „Das Gericht setzt ein Beispiel, dass kulturelles Erbe nicht wegen wirtschaftlicher Interessen zerstört werden darf.“ Seinen Angaben nach habe es 74.000 Einwände gegeben, mehr als 20 Organisationen wollten das Vorhaben stoppen, unter ihnen auch Umweltschützer und Bürgerinitiativen. Eine andere Khoi-San-Gruppe hingegen unterstützte das Vorhaben vor Gericht.

          Doch trotz der Proteste und des noch nicht abgeschlossenen Gerichtsverfahrens waren die Bauarbeiten im Eiltempo vorangekommen. „Es ist traumatisch gewesen, den Baggern zuzusehen“, sagt Jenkins. Vermutlich sei permanenter Schaden angerichtet worden. Nicht nur das Zusammentreffen der beiden Flüsse mache den Ort für die Khoi-San zu einer besonderen Stätte. Ungefähr dort habe sich auch einer der ersten Befreiungs- und Widerstandskämpfe indigener Volksgruppen gegen europäische Siedler zugetragen. 1510 hatte sich angeblich eine Khoi-Gruppe erfolgreich gegen portugiesische Kolonialherren zur Wehr gesetzt. Das Areal soll daher aus seiner Sicht zu einem Kulturerbe erklärt werden.

          Zukunft der Amazon-Afrika-Zentrale ist weiter offen

          Die Gegenseite wiederum verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung und die Schaffung dringend benötigter Arbeitsplätze. Kapstadt habe außerdem die Chance, sich zu einem Tech-Zentrum in Afrika zu entwickeln. Der Cloud-Computing-Anbieter Amazon Web Services hat dort schon einen Sitz. Stadtplaner und Bauunternehmer hatten außerdem die Grünfläche in bester Lage schon länger im Blick. Tausende Autofahrer fahren täglich daran vorbei. Wenigen dürfte die Bedeutung der Stätte vor dem Rummel um das Immobilienprojekt bewusst gewesen sein.

          Dessen Zukunft und der Standort für die Amazon-Afrika-Zentrale ist offen. Womöglich wird die Gerichtsentscheidung angefochten. Wenig deutet darauf hin, dass sich Bauunternehmer und die Stadt mit den Khoi-San auf einen Kompromiss einigen. Ein längerer Baustopp könnte dazu führen, dass sich Amazon einen anderen Standort sucht.

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