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Alzheimer-Studien : Risiken für Schmerzmittel Vioxx heruntergespielt

  • Aktualisiert am

Merck hat im November 2007 bereits eine Milliardenentschädigung gezahlt Bild: AP

Das Schmerzmittel Vioxx war der große Kassenschlager des amerikanischen Pharmariesen Merck & Co. Im Jahr 2004 wurde das Medikament vom Markt genommen, wegen erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risikos. Amerikanische Mediziner sagen jetzt, das Unternehmen habe auch Todesfälle von Alzheimer-Patienten verschwiegen.

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          Im Skandal um das 2004 vom Markt genommene Schmerzmittel Vioxx erheben amerikanische Mediziner schwere Vorwürfe gegen den amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. Das Unternehmen habe zuvor Todesfälle von Alzheimer-Patienten verschwiegen und die Risiken des Medikaments heruntergespielt, kritisiert eine Forschergruppe der Universität in Seattle nach der Analyse von zum Teil firmeninternen Dokumenten.

          Die Ergebnisse sind im Journal des amerikanischen Ärzteverbands („JAMA“, Bd. 299, S. 1813) vom Mittwoch zusammengefasst. Der Pharmakonzern wies die Vorwürfe zurück. „Die Behauptung, Merck habe Sterblichkeitsdaten aus Alzheimer-Studien unrichtig dargestellt, ist schlichtweg falsch“, erklärte der Forschungspräsident des Unternehmens, Peter Kim.

          Interne Studie aus dem Jahr 2001

          Dem „JAMA“-Bericht zufolge soll eine interne Studie von Merck im April 2001 einen drastischen Anstieg der Todesfälle bei Alzheimer- Patienten nach der Einnahme des Wirkstoffs Rofecoxib ergeben haben. Von 1069 mit dem Medikament behandelten Patienten starben 34. In der etwa gleich großen Gruppe von Alzheimer-Kranken, die nur ein Placebo bekamen, gab es dagegen lediglich 12 Todesfälle. Diese Zahlen seien weder den amerikanischen Gesundheitsbehörden noch der Öffentlichkeit zeitnah mitgeteilt worden, schreiben die Autoren Bruce Psaty und Richard Kronmal.

          Wenige Monate später seien der amerikanischen Arzneimittelaufsicht Daten übermittelt worden, die sich lediglich auf Todesfälle während der unmittelbaren Behandlung bezogen. Über die Sterberaten 14 Tage nach Absetzen des Medikaments und später sei nicht mehr informiert worden, hieß es. „Diese Berichtspraxis verringerte die Anzeichen, dass es überhaupt ein Todesrisiko gibt“, folgern die Mediziner.

          Merck: Alle Daten wurden an die Arzneimittelbehörde geschickt

          Merck konterte, das Unternehmen habe alle Daten aus den Alzheimer-Studien von 2001 und die nachfolgenden Analysen an die amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA geschickt. Das habe Autor Kronmal bei einem Kreuzverhör vor Gericht selbst bestätigt. Den Firmenangaben zufolge war der Mediziner in dem Rechtsstreit um Vioxx als ein von den Klägern bezahlter Zeuge aufgetreten. „Wir sind enttäuscht, dass solche falschen und irreführenden Statements von Verfahrensanwälten über Merck ihren Weg in eine Medizin-Zeitschrift gefunden haben“, erklärte Kim. Das Unternehmen betonte, die gründliche Auswertung der Unterlagen habe keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Todesfällen und dem Medikament ergeben.

          Vioxx, einst ein Kassenschlager des amerikanischen Pharmariesen, war 2004 vom Markt genommen worden, nachdem eine Studie ein erhöhtes Herzrisiko bei Patienten zeigte, die das Schmerzmittel mindestens 18 Monate eingenommen hatten. In einem jahrelangen Rechtsstreit um die Folgen einigte sich Merck im November 2007 schließlich mit einem Großteil der Kläger auf eine Milliardenentschädigung. Danach richtete das Unternehmen einen Fonds in Höhe von 4,85 Milliarden Dollar ein.

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