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Emissionsfreier Schmelzprozess : Alu-Riesen und Apple versprechen grüne Revolution

Das Joint Venture von Alcoa und Rio Tinto trägt den Namen „Elysis“. Bild: Apple

Zwei Rohstoffkonzerne schließen ein Bündnis mit Apple – für mehr Umweltschutz. Die Partner arbeiten an einer „revolutionären“ neuen Technik in der Aluminiumproduktion.

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          Der Elektronikkonzern Apple verwendet in seinen Produkten viel Aluminium. Mit dem Metall will er Geräten wie iPhone-Handys und Macintosh-Computern ein edles Erscheinungsbild geben und damit seinen Premiumanspruch rechtfertigen. Die Herstellung von Aluminium ist allerdings nicht sehr umweltfreundlich. Sie verursacht jährlich ein Prozent des gesamten Treibhausgasausstoßes auf der Welt, schätzt die Columbia University. Bei Apple steht Aluminium sogar für 24 Prozent aller Emissionen, für die sich das Unternehmen verantwortlich sieht.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Jetzt hat Apple die führenden Rohstoffkonzerne der Welt zusammengebracht, um eine neue Technik in der Aluminiumproduktion voranzubringen, die das Unternehmen „revolutionär“ nennt. Dabei wird im Schmelzprozess, einem zentralen Schritt in der Herstellung von Aluminium, keinerlei schädliches Kohlendioxid mehr freigesetzt, sondern Sauerstoff.

          Um diesen Prozess weiterzuentwickeln und zu kommerzialisieren, haben jetzt der australisch-britische Rohstoffkonzern Rio Tinto und sein amerikanischer Wettbewerber Alcoa mit Apples Hilfe das Gemeinschaftsunternehmen Elysis gegründet. An dem Projekt ist auch die kanadische Regierung beteiligt. Kanada ist hinter China und Russland der drittgrößte Aluminiumproduzent der Welt und auch die Heimat von Rio Tintos Tochterunternehmen Alcan. Elysis wird seinen Sitz in Montreal haben.

          Die Kanadier nehmen Millionen in die Hand

          Die beiden eigentlich konkurrierenden Aluminiumhersteller nennen die neue Technik „die bedeutendste Innovation der Aluminiumindustrie seit mehr als einem Jahrhundert“. Die Massenproduktion von Aluminium folge heute noch dem gleichen Prinzip wie es einst Alcoa-Gründer Charles Hall 1886 etabliert habe.

          Dabei werde ein Kohlenstoffmaterial verbrannt, was Treibhausgase verursache. Die neue Technik soll 2024 marktreif sein. Die Partner wollen insgesamt 188 Millionen Kanadische Dollar (123,6 Millionen Euro) in das Projekt investieren. Vorstandsvorsitzender von Elysis wird der bisherige Rio-Tinto-Manager Vincent Christ, der zuletzt als Forschungsdirektor im Konzern arbeitete.

          Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau sprach davon, dass das neue Verfahren „Tausende Arbeitsplätze in Kanada schaffen und sichern“ werde. Elysis selbst wird allerdings zunächst nur rund hundert Mitarbeiter zählen. Wie wichtig den Kanadiern das Vorhaben ist, zeigt die Finanzierung: Sowohl der Staat, als auch die Provinz Quebec investieren jeweils 60 Millionen Kanadische Dollar in das neue Unternehmen, Quebec soll eine Beteiligung von 3,5 Prozent bekommen.

          Einen Haken gibt es

          Rio Tinto und Alcoa selbst, die den Rest der Anteile halten, versprechen, neben Patenten und Forschungsleistungen 55 Millionen Kanadische Dollar in die Vermarktung der entwickelten Technik einzubringen. Auch Apple hält sich finanziell eher zurück und ist mit 13 Millionen Kanadischen Dollar und der Zusage technischer Unterstützung an Bord. Der Konzern wird nicht an Elysis beteiligt sein. Um den wachsenden Nationalismus in Amerika zu besänftigen, verspricht das Gemeinschaftsunternehmen, auch 40 Millionen Kanadische Dollar jenseits der Grenze zu investieren.

          Der neue Fertigungsprozess wird von Alcoa in kleinem Stil schon seit 2009 angewendet. Ein wichtiger Anstoß für das jetzt verkündete Vorhaben kam nach Darstellung der Unternehmen, als eine Gruppe von Apple-Ingenieuren sich im Jahr 2015 auf die Suche nach einem umweltfreundlicheren Produktionsverfahren für Aluminium machte und bei Alcoa fündig wurde. Weil die Technik als so wegweisend eingestuft wurde, sei entschieden worden, einen weiteren Partner ins Boot zu holen, womit Rio Tinto ins Spiel gekommen sei.

          Angestrebt ist nun, die Maschinerie so zu verbessern, dass sie industriereif ist und nicht nur in neue Schmelzanlagen eingebaut werden kann, sondern auch in bestehende. Allerdings geht es wohl nur um so genannte Scope-1-Emissionen. Sie entstehen direkt im Schmelzprozess. Unangetastet bleibt der Ausstoß von Treibhausgas beim Gewinnen von Elektrizität („Scope 2“), die im Übermaß für die Fertigung von Aluminium gebraucht wird. Nicht grundlos wird Aluminium in der Branche oft als „fester Strom“ bezeichnet.

          Apple versucht sein Image aufzupolieren

          Rio Tinto hatte einst Alcan auch übernommen, um Zugriff auf deren hauptsächlich mit Wasserkraft betriebenen Schmelzanlagen in Kanada zu bekommen. Theoretisch könnte die neue Schmelztechnik, eingesetzt bei allen Aluminiumschmelzen Kanadas, so viel Kohlendioxid einsparen, wie wenn 1,8 Millionen Kleinlaster aus dem Straßenverkehr genommen würden.

          Apple-Chef Tim Cook sagte zu dem Bündnis: „Wir setzen darauf, eines Tages Aluminium verwenden zu können, das ohne direkten Ausstoß von Kohlendioxid produziert wurde.“ Das Unternehmen ist früher viel von Umweltschützern kritisiert worden und versucht seit einigen Jahren verstärkt, sich einen grünen Anstrich zu geben.

          Erst kürzlich teilte das Unternehmen mit, jetzt alle seine Standorte auf der Welt mit erneuerbarer Energie zu betreiben, also sowohl Bürogebäude als auch Rechenzentren und Läden. Unlängst stellte Apple auch einen Roboter namens „Daisy“ vor, der iPhones zerlegen kann, um darin enthaltenes Material wiederzuverwerten. Daisy hat nach Angaben von Apple das Potential, aus 100.000 iPhones 1900 Kilogramm Aluminium herauszuholen.

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