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Thyssen-Krupp : Die Stahl-Allianz sorgt für Unruhe

Auslaufmodell Hochofen: Stahlkocher von Thyssen-Krupp am Standort Duisburg Bild: Imago

Die mögliche Allianz mit dem indischen Rivalen Tata sorgt für Aufruhr in der Belegschaft von Thyssen-Krupp. Die Börse hingegen spekuliert auf einen raschen Abschluss.

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          Es kann gut sein, dass sich Andreas Pinkwart (FDP), der neue nordrhein-westfälischen Minister für Wirtschaft, Digitales und Innovation, bald sehr intensiv mit der „Old Economy“ wird beschäftigen müssen. Die Großdemonstration, bei der kurz vor der Landtagswahl im Mai Tausende von Stahlkochern gegen Sparrunden und Fusionsverhandlungen protestierten, lieferte einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte. Während es die Börse gar nicht erwarten kann, dass sich Thyssen-Krupp mit dem Konkurrenten Tata zusammentut, und neue Spekulationen über einen baldigen Abschluss am Montag mit hohen Kursgewinnen feierte, geht in der Belegschaft des Ruhrkonzerns die Angst um. „Es ist ein unerträglicher Zustand für die Beschäftigten. Die Unruhe ist groß. Die Mitarbeiter brauchen eine Perspektive“, forderte Betriebsratschef Wilhelm Segerath. Die IG Metall droht mehr oder weniger offen mit einem Arbeitskampf.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Seit mehr als einem Jahr laufen die Verhandlungen. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will sich auf die renditestärkeren Geschäfte mit Aufzügen, Industrieanlagen, Schiffen und der Autoindustrie konzentrieren. Nach dem Verkauf der amerikanischen Stahlwerke könnte er als Juniorpartner in der Allianz mit Tata auch das europäische Stahlgeschäft aus der Bilanz herausbekommen.

          Der Stahl bleibt ein Risiko

          Über die Geschicke der rund 27 000 Beschäftigten, davon mehr als 20 000 in Nordrhein-Westfalen, würde dann, wie Pinkwarts Vorgänger Garrelt Duin (SPD) heftig kritisiert hat, nicht mehr in Essen entschieden, sondern in London, den Niederlanden oder im indischen Mumbai. Für Thyssen-Krupp aber wäre es ein Befreiungsschlag. Stahl ist die Keimzelle des Konzerns, mit Stahl ist er groß und reich geworden, doch der Stahl hat ihn vor einigen Jahren auch an den Rand der Pleite gebracht. Stahl bleibt ein immerwährendes Risiko, weil der Konzern von unkalkulierbar schwankenden Weltmarktpreisen abhängt. Und natürlich von der Politik, die sich nicht nur in China immer wieder einmischt und die Marktbereinigung bremst. „Sparprogramme verschaffen uns nur vorübergehend eine Atempause“, sagt Hiesinger.

          Denn Thyssen-Krupp verdient mit dem Stahl noch immer nicht seine Kapitalkosten. Gleichzeitig lasten riesige Pensionsverpflichtungen für die Stahlkocher auf der ausgezehrten Bilanz. Sollte sich Hiesinger mit dem neuen Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran einig werden, könnten rund 3 Milliarden Euro an Pensionslasten, dazu die der Stahlsparte zuzurechnenden Finanzverbindlichkeiten aus den Büchern des Konzerns verschwinden. In der Bilanz entstünde neuer Spielraum, um die Industriesparten nach vorn zu bringen.

          Essen wartet auf Lösungen von Tata

          Die Frage ist, ob es wirklich so schnell geht, wie manche jetzt hoffen. Bei Thyssen-Krupp legt man jedenfalls großen Wert auf die Feststellung, dass weiterhin auch mit anderen Interessenten gesprochen werde. Ein angeblich im Juli geplantes Treffen von Hiesinger mit Chandrasekaran, über das das „Handelsblatt“ berichtete, wollte der Konzern nicht kommentieren. Angeheizt werden die Spekulationen auch dadurch, dass Finanzvorstand Guido Kerkhoff nach Angaben des Betriebsrates eine Entscheidung pro oder contra in diesem Sommer angekündigt hat.

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          In Essen wartet man darauf, dass Tata liefert: eine abschließende Lösung für die Pensionslasten seiner Beschäftigten in Großbritannien, die Hiesinger auf keinen Fall im Joint Venture sehen will, und, wie ein Sprecher sagte, ein „überzeugendes industrielles Konzept mit entsprechenden Synergien“. Analysten sehen dafür ein Potential in der Größenordnung von einer halben Milliarde Euro. Tata betreibt neben dem Werk im walisischen Port Talbot eine moderne Anlage in den Niederlanden, nur vier Lastwagenstunden von den Thyssen-Krupp-Hochöfen entfernt.

          Belegschaft sorgt sich wegen Sparprogramm

          Für Port Talbot haben die Inder im Zuge der Verhandlungen mit der britischen Regierung über die Pensionsfrage eine Standortgarantie abgegeben, die allerdings nur bis 2021 läuft, was es aus Sicht von Thyssen-Krupp einfacher machen sollte, dieses Werk möglicherweise in die Allianz einzubeziehen. Die Belegschaft hingegen befürchtet, dass die Bestandsgarantie für Port Talbot den Druck auf die deutschen Standorte noch verschärfen könnte.

          Bereits das neue Sparprogramm für die Stahlsparte sorgt für Unruhe. Um weitere 500 Millionen Euro will der Konzern die Kosten in den kommenden drei Jahren kappen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das wird auch Arbeitsplätze kosten. Bekannt ist seit längerem, dass zwei Standorte für die Grobblech-Produktion teilweise geschlossen werden sollen. Rund 350 Arbeitsstellen werden allein dadurch wegfallen. Mit welchen Einzelmaßnahmen das Sparziel erreicht werden soll, ist immer noch nicht entschieden. Rechnungen des Betriebsrates, dass bis zu 4000 Stellen auf dem Spiel stünden, hat Stahlchef Andreas Goss jedoch als falsch zurückgewiesen.

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