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Versicherungskonzern : Allianz.com

Der künftige Vorstandsvorsitzende: Oliver Bäte Bild: dpa

Erst wechselt der FDP-Politiker Daniel Bahr zur Allianz, dann geht Pimco-Chef Bill Gross, jetzt übernimmt Oliver Bäte den Chefposten: Europas größter Versicherungskonzern baut um. Die Branche verändert sich.

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          Unter Michael Diekmann war der Name Allianz zugleich Programm für den Vorstand. Die Führung von Europas größtem Versicherungskonzern sollte in einem Bündnis funktionieren, der Vorstand als Team und Diekmann als Vorstandsvorsitzender in der Rolle des Mannschaftskapitäns. Wer mochte, konnte diese Haltung auch so interpretieren, dass bei der Allianz jeder ersetzbar ist. So ist es nun gekommen. Diekmann, der im Dezember 60 Jahre alt wird, macht nach der Hauptversammlung im kommenden Jahr Platz für seinen Nachfolger Oliver Bäte. Dazu teilte der Aufsichtsrat mit, es sei das „Verdienst der exzellenten Arbeit von Michael Diekmann und seinem Vorstandsteam, dass die Allianz Gruppe heute so gut dasteht“.

          Einem Vorstand an der Spitze kommt indes eine sehr viel größere Bedeutung zu, als Diekmann und die Allianz in den vergangenen Jahren stets suggeriert haben. Das zeigten in diesen Tagen jüngst zwei andere Veränderungen im Allianz-Konzern: Der Abgang von Bill Gross, dem Chefinvestor der Allianz-Vermögensverwaltung Pimco, war so eine bedeutende Personalie.

          Vor wenigen Tagen verabschiedete sich Pimco-Gründer Bill Gross und heuerte bei der Konkurrenz an.

          Als Gross das kalifornische Unternehmen, das er 1971 gegründet und 2000 an die Allianz verkauft hatte, am vergangenen Freitag im Streit verließ, stürzte die Allianz-Aktie um 6 Prozent ins Minus. Binnen weniger Minuten waren mehr als 4 Milliarden Euro Börsenwert vernichtet. Die Märkte hatten genau registriert, wie wichtig Investorenlegende Gross für Pimco war.

          Der Wechsel des FDP-Politikers Daniel Bahr zum privaten Krankenversicherer der Allianz wiederum schlug sich zwar nicht in der Marktkapitalisierung nieder, richtete aber einen Imageschaden an. Bahr hatte sich erst als Parlamentarischer Staatssekretär und später als Gesundheitsminister für die Interessen der privaten Krankenversicherung eingesetzt. Und von der nach ihm benannten Zusatzversicherung inklusive staatlicher Förderung, dem „Pflege-Bahr“, profitiert nun die Allianz. Bahrs Seitenwechsel von der Politik in die Wirtschaft hat auch deshalb einen faden Beigeschmack, weil die Schamfrist mit zehn Monaten viel zu kurz war, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

          Führungspersonalien, das belegen diese aktuellen Beispiele, finden große Beachtung, erst recht bei einem Versicherer, der wie die Allianz von dem Vertrauen seiner Kunden und Investoren lebt. Zu lange hat die Allianz die Öffentlichkeit im Unklaren gelassen, wie sich ihr oberstes Führungsgremium zusammensetzen wird. Der Aufsichtsrat hätte schon in der Hauptversammlung im Mai den Wechsel von Diekmann zu Bäte bekanntgeben sollen, zumal der Nachfolger aus den eigenen Reihen kommt.

          Es wäre das richtige Signal zur richtigen Zeit gewesen. Die meisten Allianz-Aktionäre vertrauen darauf, dass Bäte den Kurs von Diekmann hält. Als Diekmann 2003 den Vorstandsvorsitz von Henning Schulte-Noelle übernahm, hatte die Allianz gerade einen Milliardenverlust erlitten. Heute nimmt sie in mehr als 70 Ländern Versicherungsprämien von 110 Milliarden Euro ein und machte zuletzt einen operativen Gewinn von 10 Milliarden Euro. Das ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte.

          Bäte übernimmt die Allianz in einem sehr viel besseren Zustand. Doch womöglich wird er in seiner Amtszeit auch sehr viel größere Veränderungen in der Branche erleben. Bäte muss das Kerngeschäft des Versicherungskonzerns in die digitale Welt hinüberrettet. Bislang verkauft die Allianz wie der Rest der Branche in Deutschland die meisten Versicherungspolicen über ihre knapp 9000 Vertreter. Das wird nicht so bleiben. Schon heute nutzen viele Kunden die einschlägigen Vergleichsportale im Internet, um sich per schnellem Mausklick einen Marktüberblick zu verschaffen. Die Vergleichsportale erhalten von den Versicherungen wiederum Provisionen, sobald der Kunde im Netz einen Vertrag abschließt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Google auch in Deutschland in die Rolle des Versicherungsmaklers schlüpft. In anderen Ländern beutet der Internetriese sein Wissen über die Nutzer auch im margenträchtigen Markt der Versicherungsvermittlung geschickt aus. Zwar weiß auch die Allianz über ihren Vertragspartner genau Bescheid, weiß, wie hoch sein Einkommen ist oder welche Erkrankungen er hat. Aber das Versicherungs- und Datenschutzrecht setzt dem Konzern enge Grenzen, die für Google bislang nicht gelten. Das Geschäft der Allianz basiert auf dem Vertrauen der Kunden, dass ihre sensiblen Daten gut aufgehoben sind. Die Allianz betreibt dafür eigene Rechenzentren und hat eine eigene Datenwolke.

          Es mag sein, dass die Menschen nach dem NSA-Skandal misstrauischer geworden sind. Den Ergebnissen einer Suchmaschine vertrauen die meisten jedoch ungebrochen, und vermutlich würden viele bei Google sogar eine Versicherung kaufen. Darauf muss Bäte den eigenen Konzern, der im kommenden Jahr 125 Jahre alt wird, vorbereiten. Natürlich ist die Allianz heute unangefochtener Marktführer. Sie kann sich aber nicht darauf verlassen, dass ihre Versicherungsmathematik dem Google-Algorithmus überlegen ist.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

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