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Alessandro Banchi : Der italienische Unbekannte

Der Fotograf einer großen deutschen Nachrichtenagentur ist sichtlich verwirrt. Hilfesuchend wendet er sich auf der Jahrespressekonferenz von Boehringer Ingelheim an seine Kollegen: "Wer ist denn hier der Chef?" fragt er mit einem Anflug von Panik.

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          Der Fotograf einer großen deutschen Nachrichtenagentur ist sichtlich verwirrt. Hilfesuchend wendet er sich auf der Jahrespressekonferenz von Boehringer Ingelheim an seine Kollegen: "Wer ist denn hier der Chef?" fragt er mit einem Anflug von Panik. "Und die anderen, wer sind die anderen, wo ist der Vorstand?" fügt er mit einem Blick auf die am Podium angebrachten Namensschilder hektisch hinzu. Der Mann hatte die Sorge, auf der falschen Veranstaltung zu sein. Doch er war richtig, auf der Jahrespressekonferenz von Deutschlands größtem Pharmakonzern. Und dieser Pharmakonzern ist eben keine börsennotierte Aktiengesellschaft, sondern eine Familiengesellschaft. Einen Vorstand gibt es deshalb nicht, wohl aber eine Unternehmensleitung - und die hat einen Sprecher. Er heißt Alessandro Banchi und ist in der Tat das Gegenteil eines weithin bekannten Vorstandsvorsitzenden mit Star-Charakter.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Als Banchi den Saal betritt, gibt es deshalb - trotz der zahlreichen Fotografen - auch kein Blitzlichtgewitter. Das setzt erst ein, nachdem er hinter seinem Namensschild Platz genommen hat. Zuvor kann sich Banchi in aller Ruhe von einer Mitarbeiterin erklären lassen, welcher Pressevertreter denn wo sitzt. Das dauert eine kleine Weile. Denn die Veranstaltung im beschaulichen Ingelheim am Rhein ist sehr viel besser besucht als vergleichbare Termine bei den - börsennotierten - deutschen Pharma- und Chemiekonzernen Altana in Bad Homburg bei Frankfurt oder Merck in Darmstadt. Banchi würde auf eine solche Beobachtung gewiß mit einem entwaffnenden, charmant mit italienischem Akzent formulierten: "Wir sind ja auch viel größer" antworten. Und da hat Banchi recht. Selbst Bayer oder Schering kommen nicht an die Größe von Boehringer Ingelheim heran. Im vergangenen Jahr ist Boehringer Ingelheim zum fünften Mal in Folge schneller als der Durchschnitt der Wettbewerber gewachsen.

          Doch bei Boehringer bleibt man bescheiden, läßt den Erfolg für die Mitarbeiter sprechen. "Es zeichnet ihn aus, daß er nicht nur ein perfekter Fahrer, sondern der Anführer eines gut funktionierenden internationalen Teams ist." Das sagt der elegant gekleidete Banchi zwar nicht über sich selbst, sondern über den Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher. Aber der Satz über Schumacher beschreibt eben auch sehr treffend, wie der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim von Banchi geführt wird: in Form eines reibungslosen Zusammenspiels qualifizierter Kollegen aus vielen Ländern. Der Mann ist Erster unter Gleichen. Sein Glück ist, daß sich das Unternehmen nach wie vor vollständig im Besitz der Familien Boehringer und von Baumbach befindet, und mit dieser Eigentümerstruktur abseits der Kurzatmigkeit der Börse in den vergangenen Jahren bestens gefahren ist.

          Banchi weiß diese Konstellation sehr zu schätzen. Auch die von ihm geübte freundliche Zurückhaltung mit Blick auf die Beschreibung seiner eigenen Person läßt sich in einem Familienunternehmen besser pflegen. Zur großen Familie Boehringer Ingelheim mit ihren mehr als 34000 Mitarbeitern ist Banchi ohnehin nur deshalb gestoßen, weil er selbst in einem Familienunternehmen die ersten Schritte ins Berufsleben gewagt hat, dem Pharmabetrieb seines Vaters, in das der 1946 in Florenz geborene Banchi nach dem Chemiestudium und der Promotion in Bologna eingetreten war. Im Jahr 1973 kaufte Boehringer Ingelheim das väterliche Unternehmen, und Banchi machte fortan bei den Deutschen weiter. 1992 wurde Banchi Geschäftsführer von Boehringer Italien. Seit Anfang 2000 ist Banchi Mitglied der Unternehmensleitung, an deren Spitze er Anfang vergangenen Jahres berufen wurde.

          Seit seinem Wechsel an den Rhein verbringt Banchi den größten Teil seiner Zeit in Deutschland, sein Herz aber gehört offensichtlich, auch wenn er selbst es nicht so formuliert, weiterhin Italien. Auch Banchis sprachliche Heimat bleibt trotz seines deutschen Wohnorts das Italienische, aber sein Deutsch wird immer besser - und auf der Jahrespressekonferenz vermengt er nur noch ein einziges Mal eine englische Antwort mit ein paar deutschen Sätzen.

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