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Vorbild Discounter? : Aldi brüstet sich mit regionaler Bauernmilch

Bio oder billig? Was ist hier die neue Strategie von Aldi Süd? Bild: ddp

Ausgerechnet der Discounter Aldi will künftig Milch vom Bauern aus der Region verkaufen. Er verbannt Käfigeier und Stopfleber aus den Regalen und setzt Standards bei der Schweinehaltung. Aber geht es hier wirklich um die Tiere? Oder um etwas anderes?

          Am Donnerstag wurden Journalisten zu bayerischen Milchviehbetrieben geführt - kleinen, herzerfreulichen Höfen, wie sie dem kritischen Verbraucher vermittelbar erscheinen. Was sich dort ankündigte, ist für Aldi Süd eine Revolution, wie für den Lebensmittelhandel in toto: Die Milch aus der Region gibt es künftig nicht nur im Hofladen oder im Alnatura-Biosupermarkt, sondern auch im Discounter.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Was genau es mit Aldis Bauernmilch auf sich hat, werden der Marktführer und die Presse verraten, wenn sie Mitte Juni zunächst in Bayern in den Verkauf kommt. Aber spätestens seit diesem Frühjahr zeichnet sich ab, dass nicht nur Biomärkte und Politik, sondern auch die unter Landwirten und Tierschützern wenig beliebten Discountmärkte einen neuen Weg beschreiten. Sie setzen selbst immer strengere Standards, wenn es um Tierhaltung und Nachhaltigkeit geht.

          Erst im Februar überraschte ebenfalls Aldi Süd mit einem Katalog an Anforderungen, der für die Bauern gilt, die tierische Produkte liefern, nicht nur für Milch und Fleisch, sondern auch für Daunen und Leder. Der Katalog geht über gesetzliche Vorgaben hinaus und orientiert sich eher an den Forderungen und Verordnungen, die von Grünen oder Tierschutzorganisationen kommen. Aldi Nord schloss sich dem nicht an.

          Der Katalog stammt von demselben Aldi Süd, das zuletzt mehrfach in Folge Preise für Milch, Käse und Fleisch gesenkt hatte. Es wurde dafür vom Tierschutzbund bis zum Bauernverband scharf kritisiert. Und sogar vom Konkurrenten Lidl, der Aldi mit Verweis auf laufende Anstrengungen zur Verbesserung des „Tierwohls“ öffentlich kritisierte - allerdings dann selbst sofort nachzog. Aldi ist unter Landwirten und Lebensmittelunternehmern auch unbeliebt, weil seine Einkäufer als wenig zimperlich gelten und die Preise gnadenlos zu drücken verstehen.

          Transparent: Aldis Produkte sollen rückverfolgbar sein

          Genau dieses Unternehmen schreitet nun angeblich zum Wohl der Tiere voran. Zum Beispiel verordnet Aldi Süd Entenhaltern, dass sie den Tieren Wasserbecken zum Plantschen anbieten müssen. Das ist bisher nicht üblich, wird aber von Fachleuten als tiergerecht angesehen. Schon länger verzichtet Aldi Süd auf Käfigeier, auch auf die gesetzlich noch erlaubten aus Volieren und auch für Eiprodukte, etwa in Nudeln. Ganz aus dem Sortiment strich der Handelskonzern Hummer, Kaninchenfleisch, Käfigeier und Stopfleber, dafür weitete er das Angebot an veganen Lebensmitteln aus.

          Während sich die Konkurrenz von Lidl oder das besonders um ein grünes Image bemühte Rewe erst auf eine Teilnahme am zum Jahresanfang gestarteten „Tierwohl“-Programms einigen konnten, dessen Kern eine Spende von einigen Cent je verkauftem Kilogramm Fleisch zur Verbesserung der Tierhaltung ist, verlangt Aldi Süd mehr. Das ärgert die anderen heimlich sehr. Es sieht aus wie ein Wettlauf der Marketingabteilungen um ein grünes Image.

          Aldi Süd verlangt nun für alle tierischen Rohstoffe Rückverfolgbarkeit. Einige Lieferanten müssen darüber hinaus Vereinbarungen unterzeichnen, wonach sie Informationen über Haltungsbedingungen mitliefern. Aldi kündigt an, eigene Kontrollen durchführen zu wollen. Dabei gibt es wirtschaftseigene Kontrollsysteme wie QS für Fleisch oder KAT für Eier. Dort rümpft man die Nase über das Vorpreschen Einzelner, denn dies trage dazu bei, dass das Vertrauen in die anderen Systeme sinke.

          Nach dem Vorbild des Niedersächsischen Tierschutzplans, vor rund drei Jahren von der CDU-geführten Landesregierung ein- und der rot-grünen Landesregierung fortgeführt, hat Aldi Süd im Februar angekündigt, ab 2017 auf Schweinefleisch von kastrierten Ferkeln zu verzichten. Es führt Pilotprojekte mit Legehennen durch, deren Schnäbel nicht gekürzt wurden. Applaus gab es dafür von der Albert-Schweitzer-Stiftung, die Massentierhaltung ablehnt. Von Aldi Süd gehe eine „Signalwirkung für die Branche“ aus.

          Verpflichtet der Discounter Lieferanten zu Standards, gewinnt er auch Kontrolle über diese. Aldi Süd schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Es erhält ein besseres Image und nimmt Lieferanten an die kurze Leine. Der Verbraucher kann, etwa bei Fischprodukten, Informationen mittels QR-Code abrufen. Die Konzerne, die Standards setzen, gewinnen an Macht - so wie es auch Nestlé, Mars, Mondelez oder Ferrero handhaben.

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