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Aldi hat schon einmal simuliert, wie die Wohnungen aussehen könnten. Bild: EPA

Mangel in Berlin : Aldi baut jetzt auch Wohnungen

Fast 200.000 Wohnungen fehlen in Berlin. Da ist für eingeschossige Supermärkte kein Platz mehr. Darauf reagiert jetzt der Discounter – zur Freude der Politik.

          Im Berliner Stadtteil Lichtenberg sollen die Bauarbeiten zum Jahresende beginnen. Dann wird die bestehende eingeschossige Filiale von Aldi Nord abgerissen und durch einen mehrstöckigen Neubau ersetzt. Ins Erdgeschoss zieht ein Aldi-Laden mit vergrößerter Verkaufsfläche ein, in den darüber liegenden Stockwerken entstehen 50 bis 60 Wohnungen. Das langgestreckte, hell gestrichene Gebäude mit den Balkonen, das Aldi Nord in einer Visualisierung zeigt, markiert den Einstieg des Discounters in den Wohnungsbau. In den nächsten fünf bis sieben Jahren will der Essener Lebensmittelhändler in Berlin rund 2000 Wohnungen errichten – stets in Kombination mit seinen Filialen.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          An mindestens 30 Aldi-Standorten sollen solche gemischt genutzten Immobilien entstehen, wie das Unternehmen am Mittwoch ankündigte. In einem ersten Schritt sind in Lichtenberg und einem Projekt in Neukölln zusammen 200 Wohnungen vorgesehen. Darüber hinaus laufen an 15 weiteren Standorten Planungen für insgesamt 600 Wohneinheiten.

          330 Standorte eignen sich für Aldi

          Mit seinen Wohnungsbauaktivitäten kommt der Handelskonzern Forderungen der Berliner Politik nach, die angesichts des Mangels an bezahlbarem Wohnraum stark unter Druck steht. Bis 2030 rechnet die Hauptstadt mit einem Zuwachs von rund 300.000 Einwohnern. Der Berliner Senat bezifferte den Neubedarf am Mittwoch auf 194.000 Wohnungen bis 2030 und kündigte die Beschleunigung von Wohnungsbauprojekten an, um den Zuzug zu bewältigen.

          In der Stadtentwicklungspolitik wird stark auf Nachverdichtung gesetzt. Die eingeschossigen Supermärkte gelten – zumal oft in hochfrequentierten Lagen – als nicht mehr zeitgemäß. Die Senatsverwaltung hat 330 solcher Standorte ausgemacht, die sich für eine mehrgeschossige Bebauung in Kombination mit Wohnungen eigneten. Das damit verbundene Neubaupotenzial wird auf bis zu 36.000 Wohnungen geschätzt. Im vergangenen Sommer hatte die Senatsverwaltung der Lebensmittelbranche ihre Vorstellungen auf einem „Supermarktgipfel“ kundgetan, der in diesem Jahr in zweiter Auflage stattfinden soll.

          Sondersituation Hauptstadt

          Im Zuge seines 5,2 Milliarden Euro teuren Modernisierungsprogramms ist Aldi Nord auf Baugenehmigungen durch die Berliner Bezirke angewiesen. Das neue Filialkonzept namens Aniko soll den Kunden mehr Platz beim Einkauf sowie ein deutlich erweitertes Frischeangebot an Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Backwaren und Bioprodukten bieten. Dafür ist eine Vergrößerung der Verkaufsfläche auf bis zu 1400 Quadratmeter nötig – entweder durch Anbauten oder neue Standorte. „Wir haben die Grundstücke, wir brauchen größere Märkte. Da bietet es sich an, Wohnungen zu bauen“, sagte ein Sprecher von Aldi Nord. Der für die Immobilienverwaltung zuständige Geschäftsführer Jörg Michalek sprach von einer „konsequenten und zukunftsorientierten Lösung“.

          Der Discounter tritt nicht nur als Projektentwickler auf, sondern will die Wohnungen langfristig in seinem Besitz halten. Ob das Unternehmen die Hausverwaltung selbst übernimmt oder einem Dienstleister überträgt, ist noch offen. Für 30 Prozent der Wohnungen soll die Kaltmiete auf 6,50 Euro je Quadratmeter gedeckelt werden, für den Rest sind maximal 10 Euro je Quadratmeter geplant. Die Ambitionen des Discounters im Wohnungsbau beschränken sich auf Berlin. Eine Ausweitung auf andere Städte sei nicht geplant, stellte der Sprecher klar. In der Hauptstadt herrsche angesichts des starken Bevölkerungswachstums eine Sondersituation. Bereits abgeschlossene, kleinere Projekte in Hamburg und Brüssel sollen Einzelfälle bleiben. „Der Lebensmittelhandel bleibt unser Hauptgeschäft“, wird darüber hinaus deutlich gemacht.

          Auch die Schwestergesellschaft Aldi Süd hat sich schon in die Wohnungsbranche vorgewagt. Das Projekt TÜ3 in Tübingen umfasst 43 Wohnungen zwischen 27 und 53 Quadratmetern Verkaufsfläche. Lidl baute ebenfalls schon Wohnungen über Filialen: am Tegernsee und am Prenzlauer Berg in Berlin. Die Mülheimer Tengelmann-Gruppe wiederum betreibt über ihre Tochtergesellschaft Trei Real Estate GmbH schon seit Jahren Studentenwohnungen.

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