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Alan Eustace : Der Herr hinter den Google-Daten

  • -Aktualisiert am

Ein fehlerhaftes Stück Software in den Street-View-Autos macht Ärger Bild: AFP

Alan Eustace ist der Chef aller Google-Programmierer. Jetzt muss er für die erste große Datenpanne des Unternehmens geradestehen. Jahrelang wurden mit Street-View-Autos auch private Dateien erfasst.

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          Google ist nicht daran interessiert, die kleinen Probleme auf der Welt zu lösen. Unsere Softwareingenieure wollen an den großen Problemen arbeiten, die auch einen großen Einfluss auf die Nutzer haben.“ Mit diesem Satz beschreibt Alan Eustace, was die Armee der Softwareingenieure der Internet-Suchmaschine Google antreibt, die längst viel mehr als eine Suchmaschine ist. „Die Mission unseres Unternehmens lautet, die gesamten Informationen zu organisieren, sie allen zugänglich und nutzbar zu machen.“ Doch wer so große Ziele hat, macht auf dem Weg dorthin auch manchmal Fehler.

          Bisher hat Eustace, der den Titel des Senior Vice President of Engineering and Research trägt, kaum Fehler gemacht. Das ist schon beinahe erstaunlich, denn der ruhige, immer sehr sachlich auftretende promovierte Informatiker muss als Chef aller Google-Programmierer eine kaum überschaubare Zahl kleiner Teams koordinieren, die parallel an vielen verschiedenen Projekten arbeiten. Bisher hat diese Arbeitsweise dafür gesorgt, dass Google sein hohes Innovationstempo über ein ganzes Jahrzehnt hat halten können. Doch nun hat das System versagt. Ein fehlerhaftes Stück Software, das in den Street-View-Autos eingebaut worden ist, hat jahrelang nicht nur – wie gewünscht – die Adressen der lokalen Funknetze (W-Lan) erfasst. Haben die Funknetze ohne Verschlüsselung gearbeitet, hat die Software auch Fragmente der übertragenen Daten wie E-Mails oder Internetseiten mit auf den Festplatten in den Autos gespeichert. Da die Software alle fünf Sekunden den Funkkanal gewechselt hat, wurden zwar nur Datenschnipsel gespeichert. Doch dass niemand der 20000 Google-Mitarbeiter diesen Fehler in den vergangenen Jahren bemerkt hat, zeigt eine gravierende Sicherheitslücke.

          0Eustace, der vor seiner Google-Zeit 15 Jahre für Computerunternehmen wie Hewlett-Packard, Compaq und Digital Equipment gearbeitet hat, muss nun für die erste große Panne im Umgang mit den Daten den Kopf hinhalten. „Wir sind uns bewusst, dass wir hier versagt haben. Es tut uns sehr leid“, schrieb Eustace glaubhaft zerknirscht im Unternehmensblog. Die Ironie der Geschichte: Einen laxen Umgang mit dem Datenschutz, der Amerikanern immer gerne nachgesagt wird, lässt sich gerade Eustace nicht vorwerfen. Intern hat er die Bedeutung des Themas immer wieder betont. Da er sich häufig im Google-Entwicklungszentrum in Zürich aufhält, hat er die Wichtigkeit des Datenschutzes für die Europäer direkt mitbekommen. Aber vielleicht prädestiniert ihn das zu der Aufgabe, nun die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

          Alan Eustace

          Zwar unterstellt niemand Google ernsthaft, diese Funknetze bewusst ausspioniert zu haben. Doch auch die unbewusste Erfassung der Daten bedeutet einen großen Schaden für die Reputation des Unternehmens: Google hatte sich bei Datenschützern in der Vergangenheit den Ruf einer „Datenkrake“ erworben, die möglichst viele Daten sammelt und miteinander verknüpft. Allerdings stand Google bisher immer auch in dem Ruf, die riesige Datenmenge professionell zu behandeln. Lecks oder ein schlampiger Umgang mit den Daten wie in anderen Unternehmen kannte man von Google bisher nicht. Dieser Ruf der Unfehlbarkeit, auf den Eustace seit acht Jahren großen Einfluss hat, ist nun beschädigt.

          Die Anti-Google-Bewegung ist in Deutschland besonders stark

          Eustaces dominante Aufgabe wird nun sein, verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen. Bisher hat er dies – typisch amerikanisch – mit Beiträgen im Blog des Unternehmens getan. Doch das reicht nicht. Der introvertierte Eustace sollte nach Europa kommen, am besten nach Deutschland und dabei den Google-Datenschutzbeauftragten Peter Fleischer ebenso wie das deutsche Google Aushängeschild Philipp Schindler gleich mitbringen. Denn nirgendwo auf der Welt ist die Kritik an Google so groß wie in Deutschland.

          Während sich in Amerika kein Politiker aufregt, sind am Wochenende in Deutschland gleich zwei Bundesministerinnen mit auf die Barrikaden gestiegen. Dass es ausgerechnet die Fragen eines deutschen Datenschützers waren, die das unerlaubte Erfassen der Daten ans Licht brachten, gibt der Anti-Google-Bewegung in Deutschland großen Auftrieb. Google hat zwar zunächst alle weiteren Fahrten der Street-View-Autos gestoppt, will den Datenschützern Einblick in die gespeicherten Daten geben und hat auch schon begonnen, die ersten Daten wieder zu löschen. Doch dies alles reicht nicht, um den Rufschaden einzudämmen.

          Google hat das Problem, seine rund 35 Millionen Nutzer in Deutschland nicht fest an sich gebunden zu haben. Die Nutzer können sehr leicht eine andere Suchmaschine nutzen, andere Landkarten für das Navigieren nutzen oder ein Handy mit einem anderen Betriebssystem nutzen. Google hat bisher mit seinem Leistungsvorsprung seine Nutzer an sich gebunden. Wenn die Stimmung sich nun gegen Google wandelt, nutzen Eustaces gute Arbeit der vergangenen Jahre nur noch wenig.

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