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Kungelei? : Aktionäre kritisieren Auswahl der Daimler-Aufsichtsräte

Kritik kam auf der Hauptversammlung von den Daimler-Aktionären. Bild: AFP

Sabine Zimmer ersetzt Jörg Spies im Aufsichtsrat von Daimler – ihren Ehemann. Aufgespießt wurde das nicht. Was hat das mit Compliance zu tun?

          Der Aufschrei war laut, und es war wohl der Anfang vom Ende des einstigen Volkswagen-Patriarchen Ferdinand Piëch – als klar wurde, dass er seine Frau Ursula als Nachfolgerin für den Posten des VW-Aufsichtsratschefs sieht, dass also das einstige Kindermädchen der Familie Piëch den VW-Konzern kontrollieren soll. Solche Geschichten gibt es aus dem Aufsichtsrat der Daimler AG nicht, aber eine Familiengeschichte schon. Sabine Zimmer, die auf der Hauptversammlung des Autoherstellers am vergangenen Donnerstag als Arbeitnehmervertreterin neu im Kontrollgremium auftauchte, ist die Ehefrau von Jörg Spies, der aus dem Aufsichtsrat ausscheidet. Aufgespießt hat das in der Hauptversammlung Georg Eppinger, ein Aktionär, der selbst lange Jahre bei Daimler tätig war. Sein Wortbeitrag dazu wurde nicht kommentiert. Das Netzwerk funktioniert: Sabine Zimmer war früher im Sekretariat des Daimler-Gesamtbetriebsrats tätig und ist jetzt Mitarbeiterin in der Personalabteilung.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Martin Gropp

          Ein Verstoß gegen irgendwelche Richtlinien ist das kaum, denn Zimmer wurde auf der Liste der IG Metall als Ersatzkandidatin für den Betriebsrat gewählt und dann von den Delegierten diese Woche als Aufsichtsratsmitglied mandatiert. Aber, so sagt Aktionär Eppinger, mit Compliance habe es trotzdem nicht viel zu tun. Probleme sieht er auch auf Seiten der Vertreter der Anteilseigner – angefangen vom früheren VW-Vorstand Bernd Pischetsrieder, den er als trojanisches Pferd bezeichnete, bis hin zum früheren Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Clemens Börsig, gegen dessen einstigen Freispruch im Kirch-Prozess aktuell die Bundesanwaltschaft vorgeht.

          Noch ein weiteres Mitglied des Gremiums spielte auf der Hauptversammlung eine Rolle: Jürgen Hambrecht, einst Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF. Der Vertreter der Fondsgesellschaft Deka, Winfried Mathes, kritisierte scharf, dass Hambrecht insgesamt drei Aufsichtsratsvorsitze innehabe – bei BASF, beim Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub sowie beim Maschinenbauunternehmen Trumpf. Die Richtlinien seiner Fondsgesellschaft forderten aber eine klare Mandatsbegrenzung, sagte Deka-Vertreter Mathes, „damit jedes Mitglied in der Lage ist, seinen Aufsichtsratspflichten vollends nachzukommen“. Mathes kündigte daher an, den Kandidaten nicht zu unterstützen. Konzilianter gab sich der Vertreter der Fondsgesellschaft Union Investment, Ingo Speich. Die von ihm vertreteten Aktionäre unterstützten zwar die Wiederwahl Hambrechts, jedoch forderte der Fondsmanager diesen gleichzeitig auf, die Zahl seiner Mandate zu reduzieren und nicht die volle Amtszeit auszuschöpfen, „um einen Generationenwechsel im Aufsichtsrat zu unterstützen“, wie Speich sagte. Hambrecht wird im August 72 Jahre alt.

          Ungeachtet der geäußerten Kritik gestanden die Aktionäre Hambrecht jedoch eine weitere Amtszeit zu, die bis zur Hauptversammlung im Jahr 2023 läuft. Im Amt bestätigt wurde abermals die finnische Managerin Sari Baldauf, die seit zehn Jahren in dem Gremium sitzt. Die Aktionäre wählten wie erwartet auch die IBM-Managerin Marie Wieck, die sich für den amerikanischen Computerhersteller um das Zukunftsthema Blockchain kümmert. Ob diese Aufgabe Wieck nicht in Interessenkonflikte stürzen könnte, wollte ein Aktionär wissen. Der Daimler-Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff verneinte das. Und ohnehin sei es in den Sitzungen des Gremiums auch heute schon so, dass amtierende Kontrolleure den Raum verlassen, sobald Interessenüberschneidungen drohen.

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