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Airline-Wettbewerb : Droht Deutschland ein Lufthansa-Monopol?

Lufthansa: Die Fluglinie könnte bald 63 Prozent des deutschen Marktes abdecken. Bild: Reuters

Wer bekommt die insolvente Air Berlin? Die Verwertung wirft auch gravierende Wettbewerbsfragen auf – vor allem im nationalen Luftverkehr.

          Die Bundesregierung hegt keine Präferenzen für einen bestimmten Bewerber unter den Interessenten für die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin. „Es gibt keine Vorfestlegung“, sagte ein Sprecher von Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) am Freitag in Berlin. „Die Bundesregierung sitzt in den Verhandlungen nicht am Tisch. Das ist die Sache der Unternehmen.“ Im Ringen um Air Berlin bezieht das Ministerium damit Position gegen Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der eine Vorliebe für die Deutsche Lufthansa geäußert hat und von einem „deutschen Champion“ im internationalen Luftverkehr spricht. Es sei „dringend geboten, dass Lufthansa wesentliche Teile von Air Berlin übernehmen kann“. Dobrindt geht es um Arbeitsplätze in Deutschland und um eine starke Position deutscher Anbieter im Wettbewerb zu (teilweise staatlich subventionierten) ausländischen Fluggesellschaften.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zypries‘ Sprecher hob hervor, schon aus wettbewerbsrechtlichen Gründen könne nicht nur ein Interessent zum Zug kommen. „Es muss eine sinnvolle Lösung geben für die Beschäftigten und für den Wettbewerb im Luftverkehr“, sagte der Sprecher des Wirtschaftsministeriums weiter. Eine Zeitvorgabe der Bundesregierung gebe es nicht. Auch FDP-Chef Christian Lindner sagte: „Wir brauchen kein Monopol im Luftverkehr.“

          Für Air Berlin, gibt es eine Reihe von Interessenten, nachdem die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft mit rund 8000 Mitarbeitern diese Woche Insolvenz angemeldet hat. Die Bundesregierung hat dem Unternehmen einen Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro gewährt, damit der Flugbetrieb von Air Berlin vorerst weitergehen kann.

          Der Lufthansa-Anteil stiege auf 63 Prozent

          Dass eine Übernahme von Air Berlin durch Lufthansa gravierende Wettbewerbsfragen aufwerfen würde, ist offensichtlich: Bei Flügen innerhalb Deutschlands und Verbindungen zwischen Deutschland und dem EU-Ausland kontrolliert die Lufthansa-Gruppe einschließlich Eurowings und Germanwings schon heute rund die Hälfte des Marktes. Würde Air Berlin und deren Ferienflugsparte Niki dem Marktführer zugeschlagen, stiege der Lufthansa-Anteil auf 63 Prozent.

          Im innerdeutschen Luftverkehr allein könnte die Lufthansa rechnerisch sogar fast eine Monopolstellung erreichen: Durch eine Komplettübernahme von Air Berlin würde der Marktanteil der Lufthansa-Gruppe von 72 auf 96 Prozent steigen. Das zeigt eine Auswertung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die Analysten der amerikanischen Großbank Morgan Stanley weisen auf große Überschneidungen in den Streckennetzen der beiden Fluggesellschaften hin. Auf wichtigen Strecken wie Berlin-München, Berlin-Düsseldorf und Berlin-Köln sind Lufthansa und Air Berlin direkte Konkurrenten.

          Air Berlin verhandelt nach eigenen Angaben mit der Lufthansa und zwei weiteren Interessenten über die Übernahme von Teilen des Unternehmens. Angeblich will die Lufthansa bis zu 90 der rund 140 Flugzeuge von Air Berlin übernehmen. Zum engeren Kreis zählt auch der britische Konkurrent Easyjet, offenkundig aber nicht Ryanair. Der führende Preisbrecher in Europa hat beim Bundeskartellamt und der EU-Kommission Beschwerde eingereicht. Ryanair-Chef Michael O’Leary sieht eine wettbewerbswidrige „Verschwörung“ mit dem Ziel, Air Berlin der Lufthansa zuzuschanzen. Die Zeche dafür müssten die Flugpassagiere in Form von höheren Ticketpreisen bezahlen. Schon heute gibt es enge Verbindungen zwischen beiden Unternehmen: Die Lufthansa-Gruppe hat 38 Flugzeuge einschließlich Besatzungen von Air Berlin gemietet. Vorstandschef von Air Berlin ist seit Februar Thomas Winkelmann, ein langjähriger Lufthansa-Manager.

          Starke Marktpositionen vor allem in Berlin und Düsseldorf

          Wettbewerbsexperten sehen eine mögliche Übernahme durch die Lufthansa kritisch: „Mir wäre eine Übernahme durch Ryanair lieber als durch die Lufthansa“, sagte der Düsseldorfer Ökonom Justus Haucap der „Rheinischen Post“. Der Chef der Monopolkommission der Bundesregierung, Achim Wambach, forderte, einen Teil der wertvollen Start- und Landrechte von Air Berlin zu versteigern, damit neue Wettbewerber auf den Markt kommen könnten. „Die Wettbewerbsbehörden werden nicht erlauben, dass es Übernahmen gibt, die den Wettbewerb reduzieren.“ Gegebenenfalls müsste die Lufthansa dann auch einzelne Linien abgeben, sagte Wambach.

          Air Berlin verfügt vor allem in Berlin und Düsseldorf über starke Marktpositionen. Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, sagte dieser Zeitung, es bleibe abzuwarten, welche Übernahmepläne tatsächlich angemeldet würden. Dann könne sich die zuständige Behörde mit den wettbewerblichen Auswirkungen befassen.

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