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F.A.Z.-exklusiv : Airbus will künftig die Grenzen Europas sichern

Mögliche Neukunden: Osteuropäische Regierungen sollen als Interessenten für Grenzsicherungssysteme denkbar sein. Hier ein Grenzzaun zwischen Mazedonien und Griechenland. Bild: AP

Spektakuläre Strategiewende: Der Airbus-Vorstand verzichtet auf den Verkauf des Grenzsicherungs-Geschäfts. Er wittert im Sog der Flüchtlingskrise neue Geschäftschancen.

          Im deutsch-französischen Airbus-Konzern zeichnet sich ein spektakulärer Strategieschwenk ab. Statt den Bereich Rüstungselektronik – wie seit Monaten geplant – als Ganzes zu verkaufen, steht jetzt nur noch das Geschäft mit Radaren und Zielerfassungsgeräten für die Flugsteuerung zum Verkauf. Zum Verbleib im Konzern ist stattdessen das lukrative Geschäft mit der Sicherung von Grenzanlagen bestimmt. Es soll von Airbus in Eigenregie betrieben und vermarktet werden. Das jedenfalls geht aus einem internen Schreiben der Geschäftsführung an die Mitarbeiter von Airbus Defence & Space (ADS) hervor, das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. In dem Bereich ADS, der mit etwa 40.000 Mitarbeitern rund 14 Milliarden Euro im Jahr umsetzt, ist der Bereich Rüstungselektronik konzentriert.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Spätestens seit dem Beginn der Flüchtlingsdebatte ist die Sicherung der Außengrenzen in Europa ein beherrschendes Thema in Politik und Wirtschaft. Ausrüster wie Airbus, aber auch der französische Rivale Thales wittern in diesem Bereich zunehmend langfristige Geschäftschancen und stellen sich als Anbieter von „intelligenten Systemen“ für diese politisch brisanten Projekte strategisch neu auf.

          Finanzinvestoren gelten als Favoriten

          In dem internen Schreiben an die Belegschaft von Airbus Defence ist von den neuen Marktchancen in Europa freilich noch nicht explizit die Rede, weil ein solcher Hinweis die Belegschaft beunruhigen und womöglich Widerstand bei Politikern in Berlin auslösen würde, sagt ein Manager. Stattdessen begründet die Führung ihren Rückzieher beim Verkauf des Grenzsicherungs-Geschäfts mit diversen Verzögerungen bei seinem langjährigen Projektpartner in Saudi-Arabien.

          Nach dem jetzt vollzogenen Verbleib des Bereichs „Border Security“ im Airbus-Konzern sollen die restlichen Aktivitäten der Rüstungselektronik wie geplant an einen externen Bieter verkauft werden. Nach einem mehrmonatigen Ausleseverfahren gelten inzwischen Finanzinvestoren wie KKR oder Carlyle als Favoriten. Sie waren zuletzt wohl bereit, bis zu 1,3 Milliarden Euro für jene verbliebene Geschäftseinheit zu bezahlen, in der Radarsysteme für Kampfjets sowie optische Zielerfassungsgeräte für Panzer oder U-Boote zu den wichtigsten Umsatzträgern gehören. Darüber hinaus sind die branchenfremden Finanziers wohl bereit, die von der Politik und den zuständigen Gewerkschaften geforderten Beschäftigungsgarantien an den deutschen Standorten zu geben. Im Gegensatz zum Düsseldorfer Rüstungshersteller Rheinmetall, der mit einem Abbau der Belegschaft plante und rund 1 Milliarde Euro bieten wollte, berichten Teilnehmer des Bieterverfahrens.

          Rumänien überwacht schon Grenze mit Airbus

          Unter neuer Regie ihrer bisherigen Hausherren werde sich die neuformierte „Airbus Electronics and Border Security GmbH“ zügig ausweiten, heißt es in dem Schreiben, das von ADS-Chef Bernhard Gerwert und seinem Kollegen Dirk Hoke unterschrieben wurde. Dank des Wissens und der Erfahrungen der Mitarbeiter würden zudem „weitere Chancen zur Akquisition neuer Verträge genutzt“. Dabei sei jedoch eine „extrem sorgfältige Risikoabwägung“ zwingend, betonen beide Chefs.

          Als künftige Kunden für die neugeordnete Airbus-Sparte, die sich als „Weltmarktführer im Sicherheitsbereich, einschließlich der Grenzüberwachung“, versteht, sind wohl einige Regierungen aus Osteuropa denkbar. Bislang sicherten die Manager aus der ADS-Zentrale in Ottobrunn bei München die Grenzen von Rumänien und Algerien mit komplexen elektronischen Überwachungssystemen ab. Darüber hinaus steht seit fünf Jahren das Herrscherhaus in Saudi-Arabien ganz oben auf ihrer Kundenliste. Der Großauftrag aus dem Wüstenstaat, dessen Höhe sich auf rund zwei Milliarden Dollar belaufen soll, konzentriert sich auf die komplette Absicherung der fast 9000 Kilometer langen Außengrenze. Dabei umfasst die Palette der Airbus-Experten die Lieferung von biometrischen Einreisekontrollen, die Installation von Radarsystemen und elektronischen Kameras oder auch den Aufbau von Kontrollzentren, die sämtliche Daten von den Außenstationen speichern und auswerten.

          Über 100 Unternehmen meldeten Interesse an

          Gerwert hatte den Ausstieg aus der Rüstungselektronik vor wenigen Monaten mit dem Argument begründet, dass ADS im Vergleich zum amerikanischen Rivalen Raytheon oder Thales zu klein sei, um international mitzuhalten. Daher wolle sich sein Konzern neben dem Bau von zivilen und militärischen Flugzeugen nur noch auf das Geschäft mit Raketen und Satelliten konzentrieren. Das Interesse für den Kauf der Airbus-Sparte war vom Start weg groß. Aus dem Feld von anfangs mehr als 100 Interessenten aus der ganzen Welt blieben bis Ende des Jahres 2015 sechs Kandidaten übrig – Rheinmetall, Thales sowie diverse branchenfremde Investoren.

          Während der Verhandlungen waren Vertreter der Bundesregierung eng involviert, bestätigte Gerwert. Sie machten den Airbus-Managern sowie ihren Geschäftspartnern beizeiten klar, dass bestimmte Technologien und Standorte in Deutschland verbleiben müssten, um Risiken für die Beschäftigten auszuschließen. Auch die Vertreter jener Regierungen in Saudi-Arabien, Rumänien und Algerien, die zu den Großkunden der Grenzsicherungssparte zählen, haben ein Mitspracherecht und können einen Eigentümerwechsel mit ihrem Veto blockieren.

          Der Ausstieg aus der Rüstungselektronik dürfte in den nächsten Wochen formal besiegelt und durch die Abtrennung des Geschäfts mit der Grenzsicherung beschleunigt worden sein, heißt es in dem Rundschreiben an die Belegschaft.

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