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Nach A400M-Absturz : Airbus setzt Produktion und Testflüge fort

Die Werbetour durch Europa: Hier wurde ein A400M in Berlin gezeigt. Bild: AFP

Nach dem Absturz eines Militärtransporters in Spanien lassen Großbritannien und Deutschland ihre Flugzeuge am Boden. Frankreich schränkt die Flüge ein. Und Airbus macht weiter wie bisher mit Produktion und Testflügen.

          Der Flugzeughersteller Airbus will seine Arbeit am Militärtransporter A400M trotz des tödlichen Absturzes in Spanien „ganz normal“ fortsetzen. Das sagte ein Konzernsprecher am Sonntag auf Anfrage. Damit werden Produktion und Testflüge in der kommenden Woche fortgeführt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          „Wir warten die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung ab. Doch zum heutigen Stand haben wir keine Anhaltspunkte für irgendwelche Mängel“, sagte der Sprecher. Ein Untersuchungsausschuss der spanischen Ministerien für Verteidigung und Verkehr ist eingesetzt und hat begonnen, gemeinsam mit Airbus-Experten, die bislang ungeklärte Ursache zu finden.

          Noch am Sonntag trafen sich die Verteidigungsminister Frankreichs, Spaniens und auch Ursula von der Leyen am Rande einer Gedenkveranstaltung zum Weltkriegsende im französischen Lorient zu einer kurzen Krisenrunde. Aus Luftwaffenkreisen hieß es, wollten sich die Minister vor allem zu dem aktuellen Ermittlungsstand hinsichtlich der Unfallursache austauschen.

          Vier Tote bei Absturz am Samstagmittag

          Am Samstagmittag war ein für die Türkei bestimmter A400M bei einem Probeflug nahe Sevilla abgestürzt. Vier der sechs spanischen Besatzungsmitglieder, die alle Airbus-Mitarbeiter waren, kamen ums Leben. Von den zwei Überlebenden schwebte am Sonntag einer in Lebensgefahr, ein anderer gilt als leicht verletzt.

          Über den Hergang der Katastrophe lagen am Sonntag nur spärliche Informationen vor. Kurz nach dem Start meldete der Pilot technische Probleme und versuchte offenbar zur Landebahn zurückzukehren. Dabei kollidierte er mit einem Strommast. Eine viertel Stunde nach dem Start zerschellte die Maschine auf dem Boden und brannte völlig aus.

          Mit dem tödlichen Absturz erreicht die Pannen-Serie des A400M einen neuen Tiefpunkt. Seit Jahren ist das Flugzeug wegen Verspätungen, technischer Mängel und Budgetüberschreitungen umstritten. Im Jahr 2009, noch vor dem Erstflug, wäre das Programm fast eingestellt worden, weil Airbus die Produktion zu den vereinbarten Kosten nicht garantieren konnte. Anfang des Jahres tauschte der Konzern die gesamte Programmführung aus, weil die Auslieferungen weit hinter dem Zeitplan liegen.

          Airbus betonte jedoch am Sonntag, dass das Flugzeug bisher keine fliegerischen Mängel aufwies. Trotz des jüngsten Absturzes wolle das Unternehmen die Testflüge mit der Militärmaschine fortsetzen. Der nächste werde wie geplant am Dienstag im französischen Toulouse stattfinden, sagte ein Airbus-Sprecher. Probleme seien dagegen bei der militärischen Ausrüstung und beim Hochlauf der Produktion entstanden, räumte das Unternehmen ein.

          Dagegen entschieden sich die Streitkräfte von Deutschland und Großbritannien am Wochenende, den A400M vorerst am Boden zu lassen. Frankreich dagegen, das bisher die meisten A400M auch in Kampfgebieten im Einsatz hat, lässt die Flugzeuge vorerst weiter fliegen.

          Die Maschine hat keinen Schutz gegen Beschuss

          Deutschland war von Anfang an ein kritischer Kunde und legte zuletzt eine lange Mängelliste vor. Unter anderem kann die Maschine, anders als ursprünglich vereinbart, keine Fallschirmjäger oder Material abwerfen, nicht auf unbefestigten Pisten landen und hat keinen Schutz gegen Beschuss. Zudem sollen Probleme bei den Propeller-Triebwerken und bei der Software für die Bordelektronik aufgetreten sein, heißt es in deutschen Luftfahrtkreisen.

          Von den 174 bestellten Maschinen sind bisher nur 15 ausgeliefert worden. Neben den sieben Nato-Staaten, die das Programm 2003 ins Leben riefen, hat sich mit Malaysia bisher lediglich ein Exportkunde gefunden. Die erhofften Verträge mit Südafrika und Chile kamen nicht zustande. Die Maschine braucht zusätzliche Kunden, um die Gewinnschwelle zu erreichen.

          Der A400M ist für Airbus teuer

          Airbus hielt vor dem Absturz 300 Bestellungen in den kommenden zwanzig Jahren für möglich, besonders in Asien und im Nahen Osten. Doch von diesem Punkt ist der Hersteller heute weiter entfernt denn je. Allein für das vergangene Jahr musste der Konzern Sonderbelastungen von 551 Millionen Euro verbuchen. Die Fabrik in Sevilla, wo der A400M endmontiert wird, arbeitet an der Kapazitätsgrenze und will Hunderte neuer Mitarbeiter einstellen, um die Verspätungen aufzuholen.

          Der A400M ist das größte Militärprogramm Europas. Es hat das Ziel, die Abhängigkeit von Lieferungen aus den Vereinigten Staaten zu verringern und der europäischen Luftfahrtindustrie Aufträge zu verschaffen. Doch die daraus entstandene Teilnahme zahlreicher Nationen und vieler Unternehmen mit etlichen Fabriken führte auch zu erheblichen Komplikationen.

          Es ist nicht der erste tödliche Unfall bei Airbus-Testflügen: 1993 stürzte ein A330 ab, wobei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. 2012 starben sechs Menschen beim Absturz eines Hubschraubers vom Typ Super-Puma. In der Airbus-Gruppe wird am Montag eine Gedenkminute für die verunglückten Kollegen abgehalten. Konzernchef Tom Enders stattete den Familien am Sonntag Kondolenzbesuche ab.

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