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Konzernumbau : Airbus zerlegt die Rüstungssparte

Ein Eurofighter Typhoon auf der Farnborough Airshow nahe London im Juli 2018 Bild: AFP

Die Folgen von Exportverboten für Waffen und verzögerte Großaufträge bekommt vor allem Deutschland zu spüren. 2400 Stellen will Airbus Defence abbauen. Und es soll einen neuen Jagdbomber geben.

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          Der Abbau von 2400 Stellen in der Rüstungsparte von Airbus trifft auf heftigen Widerstand der deutschen Belegschaft. Schließlich sind vom Sparplan des deutsch-französischen Rüstungskonzerns vor allem die deutschen Standorte betroffen. Dort werden die Jagdbomber des von Airbus geführten Eurofighter-Konsortiums sowie elektronische Systeme für Rüstungstechnik produziert.

          Ulrich Friese
          (ufe), Beruf & Chance, Wirtschaft
          Rüdiger Köhn
          (kön.), Wirtschaft

          Ganz oben auf der Streichliste von Airbus Defence stehen die Werke Manching bei Ingolstadt und Ottobrunn bei München. Auf sie verteilt sich das Gros der hierzulande zur Disposition stehenden 830 Stellen, womit bis Ende 2021 die Belegschaft insgesamt um jeweils 10 Prozent schrumpfen dürfte. Das Personal dort ist von der verschlechterten Auftragslage für große Rüstungsprojekte wie für den Eurofighter oder das Transportflugzeug Airbus A400M besonders betroffen.

          Der Luft- und Raumfahrtkonzern kündigte den Abbau von knapp 2400 Arbeitsplätzen in der Sparte Airbus Defence and Space an. Dort sind insgesamt 34.000 Mitarbeiter tätig. Allein im Werk Manching sollen 500 der 5500 Arbeitsplätze gefährdet sein. Für Ottobrunn ist eine Zahl von 250 der 2500 Beschäftigten zu vernehmen. Andere Standorte wie Bremen, Friedrichshafen und Ulm scheinen glimpflich davonzukommen. Mit großem Abstand folgen Spanien (630 von 9000), Frankreich (400 von 7000) oder Großbritannien (365 von 4000).

          Airbus rangiert unter den zehn größten Rüstungskonzernen der Welt

          Airbus hatte seinen Sparplan im Dezember angekündigt. Die Details zum Stellenabbau folgten am Mittwoch. Ein Airbus-Sprecher wollte am Donnerstag auf Anfrage betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen. Dagegen wollen sich die Betriebsräte wehren. Ob aber mit den vorrangig in Betracht bezogenen sozialverträglichen Maßnahmen wie Altersteilzeit, Frühverrentung oder freiwillige Abfindungen tatsächlich eine Umsetzung bis Ende 2021 erreicht werden kann, ist fraglich.

          Der deutsch-französische Hersteller von Kampfjets, Drohnen und elektronischen Bauteilen für Flugkörper ist einer der größten Ausrüster der Bundeswehr und rangiert unter den zehn größten Rüstungskonzernen der Welt, gemessen am Umsatz, auf Platz sieben.

          Seit längerem zeichnen sich die Schwierigkeiten im Rüstung- und Raumfahrtgeschäft von Airbus ab. Nach Angaben des Konzerns gehen in diesem Geschäftsbereich weniger Aufträge ein als abgearbeitet und abgerechnet werden. Im Markt für Satelliten, insbesondere für die Telekommunikation, zeichnet sich nicht nur eine Stagnation ab, sondern auch erheblicher Preisdruck. Neue Unternehmen vor allem aus Amerika drängen auf den Markt. Dazu gehört auch SpaceX des Tesla-Gründers Elon Musk, der mit den wiederverwertbaren Raketen trotz jüngster Rückschläge die Branche aufwirbelt.

          Für den Konzern geht es darum, wie er die Wettbewerbsfähigkeit erhalten kann

          Noch schwerer wiegen die Verzögerungen von Projekten und Vertragsabschlüsse im Rüstungsgeschäft. Erst vergangene Woche musste Airbus erhebliche Wertminderungen vornehmen, weil Aufträge für den gemeinsam von Deutschland, Frankreich und Spanien gebauten Militärtransporter A400M nicht wie erwartet eingehen werden.

          Gleichzeitig sorgen die verzögerten Großaufträge der Bundeswehr für Unsicherheit im Konzern. Dazu geht es für Airbus Defence mit der Entscheidung über die Entwicklung und Bau eines neuen Kampfflugzeugs für Europa um die Frage, wie der Hersteller seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den wichtigsten Rivalen in Europa und in Vereinigten Staaten erhalten kann.

          Vor allem die Teilnahme am Bau eines neuen Kampfjets für Europa ist für Airbus Defence von strategisch wichtiger Bedeutung. Dabei versteht sich das von Deutschland und Frankreich forcierte Projekt mit dem Namen „Future Combat Aircraft System“ (FCAS) als ein technisch anspruchsvolles „System der Systeme“, das aus einem Kampfflugzeug sowie den von ihm gesteuerten Drohnen- und Bombenschwärmen besteht.

          Neuer Jagdbomber soll von 2040 an den Eurofighter ersetzen

          Neben Airbus Defence sind die französischen Hersteller Dassault und Thales sowie diverse Zulieferer in beiden Ländern die wichtigsten FCAS-Partner. Dabei werden die Gesamtkosten für das Projekt auf 500 Milliarden Euro veranschlagt. Der neue entwickelte FCAS-Jagdbomber soll voraussichtlich von 2040 an auf französischer Seite die Rafale-Jets von Dassault sowie die von Airbus produzierten Eurofighter ersetzen. Vor wenigen Tagen wurde in Berlin der Einstieg in die Technologieentwicklung für den FCAS besiegelt.

          Diesen Schritt bezeichnete Airbus-Defence-Chef Hoke gegenüber der F.A.Z. als erfolgreichen Auftakt, der auf rasche Realisierung des deutsch-französischen Großvorhabens hoffen ließe. Danach soll schon im nächsten Jahr die Konzeptstudie für das neue, deutsch-französische Kampfflugzeug vorliegen, die dann die Arbeitspakete für die Entwicklung und den Start der Produktion festlegt. Dabei sollen die Arbeitspakete zwischen Deutschland und Frankreich fair verteilt sein, versicherte Hoke.

          Während Dassault und Airbus Defence künftig Entwicklung und Bau des Flugzeugs verantworten, sind die deutsche MTU und das französische Pendant Safran für den Bau der Triebwerke zuständig. Zudem sollen die in jedem Land entwickelten Schlüsseltechnologien für das komplexe Militärprojekt juristisch geschützt sowie im Land des jeweiligen Urhebers umgesetzt werden.

          Der Betriebsrat fürchtet um den Standort Manching

          Der nächste Hoffnungswert für Airbus ist die Entscheidung der Militärs in Berlin, mit welchen Jets sie ihre überalterte Flotte von 90 Tornado-Jets ersetzen will. Doch um den lukrativen Großauftrag von rund 10 Milliarden Euro kämpft das von Airbus geführte Eurofighter-Konsortium mit dem amerikanischen Hersteller Boeing. Eine Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums wurde ursprünglich bis März erwartet. Doch ob es bei dem Termin bleibt, ist angesichts der unsicheren politischen Lage und der Führungsfrage im Ministerium ungewiss, sagen Kenner in Berlin.

          Der Betriebsrat von Airbus Defence fürchtet, wenn Berlin den Auftrag für die 90 Tornado-Nachfolgeflugzeuge an Boeing mit dem Konkurrenzmodell F 18 vergebe, werde auch der deutsch-französische Eurofighter-Nachfolger FCAS nicht gebaut. Das würde aus Sicht der Arbeitnehmer zum raschen Aus für den Standort Manching führen: „Wir wären dann nur noch eine Wartungsbude“, hieß es vor Wochen.

          „Keine Regierung in keinem anderen Land der Erde würde ein fremdes Kampfflugzeug kaufen, wenn es ein eigenes hat“, heißt es in der Belegschaft weiter. Auch eigentlich erwartete Aufträge für den Ersatz der ältesten deutschen Eurofighter-Flugzeuge sowie für das Eurofighter-Radar stehen noch aus. Ein Airbus-Sprecher betonte am Donnerstag, dass die aktuelle Ankündigung von Stellenstreichungen nicht in Zusammenhang mit der Entscheidung über die Tornado-Nachfolge stehen.

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