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Fluggesellschaft : Air France-KLM bietet Billigfliegern die Stirn

Attacke gegen Lufthansa, Easyjet & Co: Air France will mit ihrer Tochtergesellschaft Transavia den Siegeszug der Billigfluganbieter stoppen . Bild: Reuters

Air France-KLM will zum ersten Mal in seiner Geschichte den Billigfluggesellschaften ernsthaft Paroli bieten. Die Tochtergesellschaft Transavia soll massiv ausgebaut werden. Die Pilotengewerkschaften protestieren.

          Air France-KLM will zum ersten Mal in seiner Geschichte den Billigfluggesellschaften ernsthaft Paroli bieten. Dazu soll die Tochtergesellschaft Transavia bis 2017 zu einem Konkurrenten mit 100 Flugzeugen ausgebaut werden – zweieinhalbmal so viel wie heute. Das Unternehmen soll die jährliche Passagierzahl von 9 auf 20 Millionen steigern und im Jahr 2017 für 100 Millionen Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen sorgen. „Wir wollen innerhalb von fünf Jahren 1 Milliarde Euro in Transavia investieren“, kündigte der Vorstandsvorsitzende Alexandre de Juniac in Paris an. Ein Teil des Geldes soll aus dem Verkauf von Anteilen am Reisetechnologie-Anbieter Amadeus stammen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Gegenangriff auf die Billiganbieter ist Teil des Langzeitplanes „Perform 2020“, dessen Ziele ehrgeiziger sind als etliche Analysten erwarteten. So soll die Rendite auf das eingesetzte Kapital bis 2017 von 3,2 Prozent (2,9 Prozent nach einer neuen Berechnungsmethode) auf 9 bis 11 Prozent steigen. Kostensenkungen und Einnahmesteigerungen sollen die Verschuldung vom gut Vierfachen des Kerngewinns auf das Zweieinhalbfache drücken. Dennoch hofft Air France-KLM weiter in sein Langstreckengeschäft investieren zu können, das der große Gewinnbringer im Konzern ist. Voraussetzung ist dabei, dass die Fluggesellschaft das verlustträchtige Frachtgeschäft in den Griff bekommt. Dort werde die Zahl der eingesetzten Maschinen sinken, so dass die Gewinnschwelle 2017 erreicht werde, hofft Juniac.

          Ob der Plan aufgeht, wird stark vom Mitwirken der Gewerkschaften abhängen. Die Piloten haben für kommende Woche einen siebentägigen Streik angekündigt. Derzeit sind intensive Verhandlungen über einen Rückzug des Streikaufrufs im Gange. Die Aktionäre dagegen stimmten dem neuen Expansionsplan am Donnerstag mehrheitlich zu. Die Aktie von Air France-KLM notierte nach stärkeren Gewinnen am Morgen noch am Nachmittag mit gut 2 Prozent im Plus.

          Der Flughafen München wird für Transavia der wichtigste Stützpunkt

          Wie aus Luftfahrtkreisen am Donnerstag zu erfahren war, wird der Flughafen München dabei für Transavia der wichtigste Stützpunkt außerhalb von Paris. Die Einzelheiten sind mit dem hinter Frankfurt zweitgrößten deutschen Airport zwar noch nicht endgültig ausgehandelt. Ein Abschluss scheint aber bevorzustehen. München wäre von Paris abgesehen somit der tragende Standort in einem Netzwerk von 15 neuen Destinationen, die Transavia anfliegen will. Damit spielt der deutsche Markt eine zentrale Rolle in der Strategie der Franzosen. Aus dem Unternehmensumfeld ist zu hören, dass die Starts und Landungen im Erdinger Moos „in größerem Umfang“ vor allem die Schwerpunkt-Verbindung nach Paris vorsehe. Allerdings gebe es auch einige andere Städte in Europa, die von Bayern aus angeflogen werden sollen.

          Zwar leidet München in Stoßzeiten unter Kapazitätsengpässen bei den Starts und Landungen (Slots). Doch dürfte Transavia als neuer „Großkunde“ – wenn auch weit hinter den führenden Fluglinien Lufthansa und Air Berlin sowie Condor und Air Dolomiti (zu Lufthansa gehörend) – immer noch ausreichend Rechte erhalten. Angeblich will Transavia rund fünf Flugzeuge in München stationieren, womit die strategische Bedeutung des Stützpunktes zum Ausdruck kommt.

          Da einige Fluggesellschaften ihr Streckennetz ausgedünnt haben (unter anderem die Hauptkunden Lufthansa und Air Berlin) und außerdem immer mehr größere Flugzeuge mit höheren Passagierkapazitäten eingesetzt werden, hat die Flughafen München Gesellschaft (FMG) entsprechend Spielraum in der Vergabe von Slots erhalten – allerdings weniger in den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend. Zudem gebe es unter Umständen die Möglichkeit, dass Air France Slots an Transavia abgebe, heißt es.

          Mit dem Ausbau eines konzerneigenen Billigflugsegments steht Air France-KLM in der europäischen Luftfahrt nicht alleine da. Mit traditionellen Linienflugkonzepten lässt sich auf der Kurz- und Mittelstrecke kaum noch Geld verdienen. Der British-Airways-Mutterkonzern IAG hat den spanischen Billiganbieter Vueling übernommen; die Lufthansa verlagerte Verbindungen jenseits ihrer Drehkreuze Frankfurt und München zur Tochtergesellschaft Germanwings. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zählte zuletzt in seiner halbjährlichen Erhebung zum Billigflugmarkt mit 4077 Starts in einer Beispielwoche 16 Prozent mehr Abflüge von Niedrig-Kosten-Gesellschaften an deutschen Flughäfen als ein Jahr zuvor. Als Hauptgrund gilt der Ausbau des Germanwings-Angebots, das gemessen an der Zahl der Starts um 60 Prozent wuchs.

          Der bisher unterentwickelte Wettbewerb wird damit schärfer. 91 Prozent der gezählten 4866 Flugstrecken wurden zu Jahresbeginn nur von einem Billigflieger bedient. Marktführer Ryanair bekam zuletzt bereits die wachsende Konkurrenz zu spüren. Durch den Ausbau des Germanwings-Angebots, die Expansion von Gesellschaften wie Norwegian und Vueling sowie des Air-France-Ablegers Hop sank der Marktanteil der Iren gemessen an der Zahl der Starts um einen Prozentpunkt auf 22,5 Prozent, obwohl auch Ryanair sein Angebot gegenüber 2013 ausgebaut hatte.

          Neben Germanwings will die Lufthansa zudem zwei weitere Gesellschaften für Billigangebote in Europa sowie für ausgewählte Langstrecken gründen. Kern des neuen Konzepts ist die neue „Wings-Gruppe“, die als Markenfamilie alle Billigangebote sowohl hinsichtlich des Preises als auch der Qualität an Bord unter dem Angebot der Lufthansa bündelt. Sie umfasst neben Germanwings und dem neu formierten Anbieter Eurowings auch eine neue Billigmarke im Langstreckengeschäft. Bei diesem Projekt wird mit den Gesellschaftern von Sun Express verhandelt. An diesem Unternehmen sind die Lufthansa und Turkish Airlines jeweils zur Hälfte beteiligt. Die neue Gesellschaft Eurowings, die künftig neben der Schwestergesellschaft Germanwings den Teil der Europaflüge übernehmen soll, die nicht über die Lufthansa-Heimatbasen in Frankfurt und München abgewickelt werden, soll von Frühjahr 2015 an starten.

          Es berichten Ulrich Friese, Timo Kotowski und Christian Schubert

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