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Wochenlanger Streik : Air France knickt vor Piloten ein

Diese Air-France-Flugzeuge stehen auf dem Rollfeld des Pariser Flughafens Charles de Gaulle. Bild: Reuters

Seit eineinhalb Wochen streiken die Piloten von Air France. Nun lenkt das Management ein und versucht den Arbeitskampf mit ungewöhnlichen Maßnahmen zu beenden.

          Die Konzernleitung von Air France hat gegenüber den streikenden Piloten den Rückzug eingeläutet: Sie gab am Mittwochn bekannt, dass sie auf den Ausbau der hauseigenen Billigfluglinie Transavia im Ausland verzichten werde. Stattdessen wolle sie die Expansion von Transavia auf dem französischen Markt vorantreiben.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Ankündigung ist eine Niederlage der Unternehmensführung. Die Eröffnung von ausländischen Standorten, etwa in Portugal oder in Deutschland, galt als Schlüssel für die Kostensenkung, weil Air France damit den starren und teuren Tarifverträgen der Air-France-Piloten entgangen wäre.

          Der Rückzug der Auslandsexpansion von Transavia ist auch ein schlechtes Omen für den Konkurrenten Lufthansa. Dort verhandeln Piloten und die Konzernleitung ebenfalls über die Eröffnung von kostengünstigen Auslandsstandorten. Ohne diese sieht sich die Lufthansa nicht in der Lage, gegen Wettbewerber wie Easyjet, Ryanair oder Vueling anzukommen. Air France gab am Mittwochnachmittag bekannt, dass die zwischenzeitlich abgebrochenen Gespräche mit den Gewerkschaften wiederaufgenommen werden sollten, um den Konflikt rasch zu beenden. Dazu hatte sie auch die Regierung gedrängt, die mit einem Anteil von 16 Prozent des Kapitals noch der größte Anteilseigner von Air France ist.

          Eineinhalb Wochen Streik

          Nach zehn Streiktagen war die Beteiligung an der Arbeitsniederlegung am Mittwoch immer noch hoch: Mehr als die Hälfte aller Flüge musste gestrichen werden. Es handelt sich inzwischen um den schwersten Arbeitskonflikt bei Air France seit 1998. Deutschland war davon abermals stark betroffen: Von München nach Paris flog am Mittwoch nur 1 von 6 Air-France-Maschinen, von Berlin-Tegel nur eine von fünf und von Frankfurt nur drei von sieben Flugzeugen der französischen Fluggesellschaft. Air France gehen nach Angaben der Konzernleitung täglich 15 bis 20 Millionen Euro verloren. Das Ziel, nach jahrelangen Verlusten 2014 in die Gewinnzone zurückzukehren, ist daher stark in Frage gestellt. Die Streikverluste überschreiten inzwischen auch die erhofften Gewinne durch die Tochtergesellschaft Transavia Europa in den kommenden Jahren.

          Frankreichs Regierung wechselt die Seiten

          Die Piloten von Air France verteidigen vor allem ihre vergleichsweise geringen Arbeitszeiten und ihre höhere Vergütung. Sie werden im Durchschnitt um 20 bis 25 Prozent besser bezahlt als bei der kleinen Tochtergesellschaft Transavia. Das Endgehalt eines Flugkapitäns erreicht häufig 230.000 Euro im Jahr. Nach Angaben des Branchenverbandes Fnam fliegen die Air-France-Piloten rund 550 bis 650 Stunden im Jahr, während Konkurrenten wie Lufthansa und British Airways auf 700 bis 750 Stunden kommen. Die französische Regierung hatte sich in der Auseinandersetzung zunächst auf die Seite von Air France gestellt. Niemand versteht den Konflikt, und er bringt Air France in große Gefahr, hatte der Premierminister Manuel Valls in den vergangenen Tagen erklärt. Mit zunehmender Dauer des Konflikts forderte die sozialistische Regierung aber ein Einlenken der Air-France-Führung.

          Am Mittwochmorgen war es nicht die Konzernleitung, die als Erste den Rückzug der Auslandsexpansion von Transavia ankündigte, sondern der für Transportfragen zuständige Staatssekretär Alain Viladies. Ein Unternehmenssprecher dementierte die Angaben zunächst, denn Air France hatte bis dahin nur einen Aufschub um drei Monate angeboten. Doch später bestätigte Premierminister Valls seinen Staatssekretär. Dass am Air-France-Sitz in Paris mehrere Hunderte von Beschäftigten gegen den Pilotenstreik demonstrierten, weil dieser die Privilegien einer egoistischen Berufsgruppe verteidigt, so die Demonstranten, half der Unternehmensleitung dann auch nicht mehr viel.

          Sorgen um Wirtschaftsstandort Frankreich

          Die Regierung griff auch in den Streik ein, weil sie sich um das Image des Wirtschaftsstandortes Frankreich sorgt. Premierminister Valls bemüht sich um Reformen, hat wegen der wankenden sozialistischen Mehrheit in der Nationalversammlung jedoch wenig Spielraum. Der Arbeitgeberverband Medef legte am Mittwoch neue Vorschläge vor, die in Frankreich aber als radikal gelten: die Abschaffung der 35-Stunden-Woche, die Streichung von Feiertagen sowie eine Senkung des staatlichen Mindestlohnes, die durch staatliche Lohnsubventionen ausgeglichen werden soll. Im Gegenzug wäre eine Schaffung von 1 Million Arbeitsplätzen bis 2020 möglich, meint der Medef. Die Regierung hat dem Großteil der Reformvorschläge schon eine Absage erteilt. Am Mittwochabend spendeten die jüngsten Arbeitslosenzahlen etwas Trost: Sie gingen erstmals seit neun Monaten leicht zurück - um 0,3 Prozent auf 3,41 Millionen Arbeitslose.

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