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Air Berlin : Abgekartetes Spiel

Seit Monaten arbeiten Spohr und Winkelmann schon an einem Deal, während die Insolvenz von Air Berlin immer wahrscheinlicher wurde. Jetzt, nach dem Liebesentzug von Etihad, haben sie die Chance, den Plan zu verwirklichen. Zumal sie es geschafft haben, dass Winkelmann trotz Insolvenz weiter die Verhandlungen für Air Berlin führen darf und ihm der Sachwalter Lucas Flöther nur zur Seite gestellt wird.

Einem gefallen die exklusiven Gespräche überhaupt nicht: Michael O’Leary, dem Chef von Ryanair, der größten europäischen Fluglinie. Sie ist der schärfste Konkurrent der Lufthansa in Europa. „Das ist ein völlig abgekartetes Spiel“, poltert O’Leary jetzt fast täglich. „Es geht nur darum, Ryanair daran zu hindern, in Deutschland weiter zu wachsen.“ Er hat schon rechtliche Schritte angedroht. Viele Beobachter pflichten ihm bei. „Die Verhandlungen laufen nicht sehr fair“, kritisiert der Kartellrechtler und Partner der Kanzlei Eversheds Sutherland, Martin Bechtold.

Heiß begehrte Slots

In der Tat ist es für die Lufthansa wichtig, dass Ryanair keine weiteren attraktiven Slots in Deutschland bekommt. Das lässt sich aber nur vermeiden, indem der Dax-Konzern nun Teile von Air Berlin übernimmt. Die Alternative zum Verkauf wäre, dass Air Berlin den Flugbetrieb einstellt. Danach würde die Betriebsgenehmigung erlöschen, alle Slots würden auf den Markt kommen.

Dann müsste sie der Flughafenkoordinator der Bundesrepublik, Armin Obert, der vom Verkehrsminister ernannt wird und für die wichtigsten deutschen Flughäfen zuständig ist, neu verteilen. „Dafür gibt es detaillierte EU-Regeln“, sagt Obert. 50 Prozent der Slots würden zum Beispiel für Neubewerber reserviert. Das könnte Ryanair etwa in Düsseldorf einen guten Zugang verschaffen. Aber auch bei der anderen Hälfte der Slots hätte Ryanair Chancen, an interessante Flugrechte zu kommen – und das auch noch kostenlos. Denn die Slots werden vom Koordinator verteilt, aber nicht veräußert.

Wird eine Fluglinie hingegen gekauft, gehen alle Slots auf den neuen Eigentümer über. So will es die Lufthansa. Ryanair bliebe außen vor, sofern die Iren nicht selbst Teile von Air Berlin erwerben würden. Das ist unwahrscheinlich, denn weil es in Deutschland nicht erlaubt ist, nur die Slots einer Fluggesellschaft zu kaufen, müssten sie dafür auch das Personal von Air Berlin übernehmen. Das aber dürfte Ryanair zu teuer sein. Außerdem sind die Mitarbeiter von Air Berlin gewerkschaftlich organisiert. Das mag Michael O’Leary gar nicht.

Spohr muss aufpassen

Und das weiß auch Carsten Spohr. Darum wartet er nicht auf das Ende des Flugbetriebs von Air Berlin, das auch für ihn und die Lufthansa billiger wäre, weil er den Konkurrenten dann nicht kaufen müsste. Aber es wäre eben auch riskanter, weil dann auch Ryanair eine Chance auf die Slots bekäme. Außerdem hat die angestrebte Übernahme für Spohr noch weitere Vorteile: Er kann für seine schnell wachsende Tochtergesellschaft Eurowings die von Air Berlin geleasten Flugzeuge gut gebrauchen. Das Personal ist im Vergleich zu Lufthansa-Mitarbeitern günstig, zudem sind Deutsch sprechende Crews derzeit nicht so einfach in großen Zahlen zu bekommen.

In den laufenden Verhandlungen muss Spohr nun aber aufpassen, den Bogen nicht zu überspannen. Er darf sich nicht zu viel von Air Berlin einverleiben, sonst würden das Kartellamt und die EU-Kommission am Ende ihr Veto einlegen. Auch der Sachwalter Lucas Flöther darf sich nicht angreifbar machen. Deshalb prüft er nun fleißig Alternativen und spricht andere potentielle Käufer an.

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