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Insolvente Fluggesellschaft : Rangeln der Bieter verzögert Air-Berlin-Verkauf

Die Zerschlagung der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin ist im vollen Gange. Bild: dpa

Bis zum 15. September können Interessenten Angebote für Teile von Air Berlin abgeben, hat das Unternehmen jetzt bekannt gegeben. Und die Liste der Bieter wird immer länger.

          Ein schneller Verkauf von Teilen der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin wird immer unwahrscheinlicher. Denn mittlerweile hat sich eine lange Reihe an Interessenten gemeldet. Neben den bisherigen Favoriten Deutsche Lufthansa, Easyjet und der Thomas-Cook-Fluggesellschaft Condor haben angeblich auch die Billigfluganbieter Ryanair und Norwegian Interesse angemeldet. Der Nürnberger Luftfahrtinvestor Hans Rudolf Wöhrl und der Österreicher Niki Lauda, der einst den Air-Berlin-Urlaubsflugableger Niki gegründet hat, kommen in dieser Woche zu ersten Sondierungsgesprächen nach Berlin.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann, der mit dem juristischen Berater Frank Kebekus die Verwertung intern steuert, hatte bislang von drei seriösen Bietern aus der Luftfahrt gesprochen. Mit ihnen sollten noch im September rechtsverbindliche Vereinbarungen getroffen werden. Nach kartellrechtlichen Prüfungen sollten bis zum Jahresende Abschlüsse sowie der Übergang von Flotte und fliegendem Personal folgen.

          Noch bis Mitte September sammelt Air Berlin Offerten für eine teilweise oder ganze Übernahme. Die Airline wolle den Investorenprozess zügig abschließen, erklärte ein Unternehmenssprecher am Dienstag. „Kaufinteressenten haben bis zum 15. September 2017 Gelegenheit, ihre Angebote abzugeben“, ergänzte er.

          Das von der Bundesregierung in Aussicht gestellte staatliche Überbrückungsdarlehen von 150 Millionen Euro ist derweil auch zwei Wochen nach dem Insolvenzantrag noch nicht ausgezahlt. Der Flugbetrieb von Air Berlin ist nach Angaben aus Unternehmenskreisen bislang mit eigenen Mitteln finanziert worden, die sich auf einen höheren zweistelligen Millionenbetrag belaufen sollen. Sie reichen nach internen Schätzungen wohl bis Mitte September.

          Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hatte das Darlehen nach der Insolvenzanmeldung mit der Gefahr gerechtfertigt, dass ohne die Hilfe in der Feriensaison Urlauber stranden würden. „Wir haben verschiedene Szenarien erörtert und waren uns schnell einig, dass wir nicht zigtausend Urlauber und Reisende irgendwo in der Welt stehen lassen können“, sagte sie.

          Täglich 3 bis 4 Millionen Euro Verlust

          Tatsächlich müsste Air Berlin erst auf den Staatskredit zurückgreifen, wenn die eigenen Mittel aufgebraucht sind. Mit Verweis auf den Umstand, dass die Finanzhilfe des Bundes erst von Mitte September an gebraucht wird, ist der Kreditvertrag auch noch nicht unterschrieben. Es werde weiter an technischen Details für die Umsetzung gearbeitet, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium. Die zügige Kreditzusage des Bundes war aus formellen Gründen dennoch nötig. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war sie Voraussetzung dafür, dass das Luftfahrt-Bundesamt nicht nach dem Insolvenzantrag die Betriebsgenehmigung für Air Berlin widerruft. Die Gesellschaft hätte dann sofort den Betrieb einstellen müssen.

          Ursprünglich war nach dem Insolvenzantrag angestrebt, das Darlehen überhaupt nicht in Anspruch zu nehmen und die Veräußerung von Air Berlin schnell abzuschließen. Doch Winkelmanns eng gefasster Zeitplan, mit den Bietern bis Mitte September handelseinig zu werden, dürfte angesichts des Schaulaufens neuer Bieter ins Wanken geraten. Nach Protesten gegen eine mögliche Bevorzugung der Lufthansa und neuen Interessenbekundungen dürfte das schwierig werden. So haben sich Ryanair-Chef Michael O‘Leary ebenso wie Niki Lauda in den Bieterprozess eingeschaltet, um zu verhindern, dass der Platzhirsch Lufthansa seine Dominanz im deutschen Markt ausbaut.

          „Je höher die Zahl der Kaufinteressenten, desto komplexer und länger der Ausleseprozess“, ist Gerd Pontius, Gründer und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Prologis, überzeugt. Um sich für die Übernahme von Flugzeugen aus dem Bestand von Air Berlin vorzubereiten, hat die Lufthansa-Gesellschaft Eurowings inzwischen sämtliche Verträge ihres Kabinen-Stammpersonals entfristet. Rund 260 von 1500 Flugbegleitern hatten zuvor noch befristete Arbeitsverträge. Allzu viel Zeit bleibt der insolventen Gesellschaft Air Berlin nicht. Nach aktuellen Branchenschätzungen verliert sie im täglichen Betrieb 3 bis 4 Millionen Euro.

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